„Porno-Überraschung“ im „Cyberbunker“-Prozess: Mini-Silicon-Valley an der Mosel!

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Polizisten sichern das Gelände eines ehemaligen Bundeswehr-Bunkers. Foto: Thomas Frey / dpa-Archiv

Ein Angeklagter im Trierer Darknet-Prozess zeigt sich von dem einstigen «Cyberbunker» an der Mosel begeistert. 80 Prozent der Pornoindustrie sollen hier angeblich einst über unterirdische Server gelaufen sein. Von illegalen Geschäften berichtet der Angeklagte nicht.

In einem der bundesweit größten Cybercrime-Prozesse hat ein Angeklagter die Begeisterung bei seinen ersten Besuchen eines unterirdischen Rechenzentrums an der Mosel geschildert: «Es schien mir fast so, als würde hier ein Mini-Silicon-Valley entstehen.» Das sagte der 50-jährige Niederländer am Montag vor dem Landgericht Trier. Die Anklage bezeichnet ihn als eine «Art Manager» in dem alten Bunker an der Mosel, in dem über Hunderte Server kriminelle Geschäfte von Kunden im Darknet gelaufen sein sollen. Der Angeklagte habe die Arbeit in dem «Cyberbunker» verteilt.

Der 50-jährige Marketingexperte sagte am dritten Verhandlungstag, er sei in den Niederlanden über Bekannte in einem Coffeeshop und ein gemeinsames Projekt zur Erzeugung der digitalen Währung Bitcoin in Kontakt mit dem ehemaligen Bundeswehr-Bunker bei Traben-Trarbach gekommen. Nach mehreren Besuchen 2014 habe er beschlossen, dort zu arbeiten.

Von illegalen Aktivitäten sprach der Angeklagte nicht, sondern von einem fünfstöckigen beeindruckenden Rechenzentrum mit Servern für Internetseiten, also einem Ort, «wo die Websites wohnen». Den angeklagten Chef, den die Anklage als «Rädelsführer» einstuft, bezeichnete der 50-Jährige als exzentrisches IT-Genie und hart arbeitenden Geschäftsmann.

Über dessen Server seien nach eigener Aussage seinerzeit «80 Prozent der Pornoindustrie» und vieles mehr gelaufen. Er habe in dem Software-Ingenieur aber «deutlich keinen Kriminellen» gesehen, ergänzte der 50-Jährige. Der Chef – ebenfalls ein Niederländer – habe ihm zwar von einer früheren dreimonatigen Untersuchungshaft in der Heimat wegen eines angeblichen Ecstasy-Labors berichtet, sei aber nie angeklagt worden und habe auch eine Haftentschädigung bekommen. Nachdem der Chef einmal in den Niederlanden entführt worden sei, habe er den Bunker an der Mosel gekauft und in Deutschland neu angefangen. Zuvor hatte er schon einmal einen «Cyberbunker» in Kloetinge in den Niederlanden betrieben.

Der 50-jährige Angeklagte erhielt nach eigenen Angaben 2014 einen Arbeitsvertrag in dem neuen Rechenzentrum an der Mosel. Da der Chef damals vermutet habe, erst etwa ein Jahr später in die schwarzen Zahlen zu kommen, habe er, der 50-Jährige, zunächst nur Kost und Logis sowie Unterstützung bei Fahrten in die Niederlande bekommen. Anfangs habe er beispielsweise geputzt, gestrichen und aufgeräumt.

Die Staatsanwaltschaft wirft den insgesamt acht Angeklagten Beihilfe zu rund 250 000 Straftaten vor, darunter millionenschwere Drogendeals, Datenhehlerei, Computerangriffe, Falschgeldgeschäfte und Mordaufträge. Hunderte Polizisten hatten nach fünfjährigen Ermittlungen den «Cyberbunker» vor gut einem Jahr ausgehoben.

Angeklagt sind in Trier vier Niederländer, drei Deutsche und ein Bulgare. Sie sollen die illegalen Webseiten gehostet und so Beihilfe zu den von ihren Kunden begangenen Straftaten geleistet haben. Der Bunker soll ein «Bulletproof-Hoster» (kugelsicherer Hoster) gewesen sein, der mit einem vor der Polizei sicheren Datenzentrum warb.

Laut der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz ist es ein einmaliger Mammutprozess, begonnen vor einer Woche und terminiert bis Ende 2021. Erstmals in Deutschland stehen mutmaßliche Betreiber krimineller Plattformen im Darknet vor Gericht. Zentrale Frage ist, ob den Angeklagten nachgewiesen werden kann, dass sie von den illegalen Machenschaften ihrer Kunden wussten.

(Von Jens Albes, dpa)

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