Die Zerstörer – Intrigen, Fehden und Interessen

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Kein Fehlverhalten: Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe. Foto: E.T.

TRIER. Bestätigung für Oberbürgermeister Wolfram Leibe: Nach exklusiven Informationen dieser Redaktion hat die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in ihrer mehr als zweimonatigen Überprüfung der sogenannten „Probebühnen-Affäre“ kein individuelles Fehlverhalten des Trierer Stadtchefs erkennen können. In ihrem Bericht stellt die ADD zwar fest, dass für den Grundmietvertrag und die Anmietung des Probezentrums ein Ratsbeschluss notwendig ist. Für den Grundmietvertrag liegt der Ratsbeschluss jedoch bereits vor – seit 2013. Ein Vertrag hinsichtlich des Baus und der Anmietung des Probezentrums sei bislang ausdrücklich nicht abgeschlossen worden. Der dafür eingeforderte Ratsbeschluss ist ohnehin für den Mai geplant. Somit stuft die Aufsichtsbehörde das bisherige Vorgehen des Rathauses bei den Probebühnen unmissverständlich als reine Absichtserklärung ein. Die Einheitsmiete in der sogenannten Internen Leistungsverrechnung (ILV) wird von der ADD als nicht sachgerecht bezeichnet. Die aber hatte Leibe nur geerbt, sie war nicht seine Erfindung. Nun muss die politische Aufarbeitung der vergangenen Monate erfolgen.

Eine kommentierende Einordnung von Eric Thielen

Michael Frisch ist für seine zuspitzende Rhetorik bekannt, gefürchtet zumal. Im vergangenen Jahrzehnt, als die hitzige Debatte um die Zukunft der „Blauen Lagune“ ihren Siedepunkt erreichte, schlug er im Eifer des verbalen Gefechtes vor, den Stadtrat aufzulösen und Wolfram Leibe kurzerhand als Wolfram I. zum Kurfürsten von Trier zu machen. „Dann können alle Entscheidungen schnell, unbürokratisch und vor allem kostengünstig getroffen werden“, schob der damalige Fraktionschef der AfD noch nach. Sein sarkastisches Bonmot, das sich in jenen Tagen an die Adresse der Gegner des Bürgerentscheides richtete, klingt heuer geradezu prophetisch.

Quer durch die Gazetten, in den teils unterirdischen Kommentaren auf einschlägigen Social-Media-Kanälen, allenthalben entstand in den vergangenen Monaten der Eindruck, Leibe habe sich das Rathaus und den Stadtrat einverleibt, regiere quasi autokratisch durch, ohne Rücksicht auf demokratische Verfahrensweisen. Die neuen Probebühnen für das Theater, die dem Kulturhaus am Augustinerhof das Überleben sichern werden, sollen ihm zum Verhängnis werden. Grüne und FDP fordern den Rücktritt des Stadtchefs, stellen Strafanzeige, wüten, toben, spucken Gift und Galle, beschäftigen Staatsanwaltschaften und Aufsichtsbehörden.

Heute spricht Frisch von „übelstem, von parteipolitischen Motiven getriebenem Populismus“. Gemeint sind Grüne und FDP. Und er ist nicht allein. Auch die Linken springen dem Stadtchef zur Seite. Sie greifen die Jamaika-Koalition aus CDU, Grünen und FDP frontal an. Die Linke sei „irritiert darüber, mit welcher Vehemenz die Jamaika-Fraktionen versuchen, aus dem Neubau der Probebühnen einen politischen Skandal zu konstruieren“. In der Sondersitzung des Haushaltsausschusses Mitte Januar rief Linken-Sprecher Matthias Koster dazu auf, zur Sachlichkeit zurückzukehren. Das Thema Probebühnen sei ständig präsent gewesen – sowohl in den städtischen Gremien, als auch bei der Stadtwerken Trier (SWT). Befremdlich sei, „dass jetzt plötzlich niemand davon gewusst haben will, nachdem man jahrelang mit der Vorgehensweise einverstanden war“.

Motive und Hintergründe

Die offiziellen Stellungnahmen sind die eine, die Motive und Hintergründe die andere Seite der Medaille. Diese Kehrseite zeigt ein Bild persönlicher Fehden, politischer Intrigen und privater Interessen, kurz: die Niederungen Trierer Kommunalpolitik. Medial wird die politische Leiche des ehemaligen Baudezernenten Andreas Ludwig (CDU) ausgegraben, der zur moralischen Institution aufgebaut wird. Grüne, Liberale und auch Christdemokraten beziehen sich immer wieder auf ihn. Er habe stets gewarnt, von Leibe einen Stadtratsbeschluss verlangt und letztlich sogar remonstriert.

An diesem Punkt der Chronologie beginnen die Unwahrheiten ihren Lauf zu nehmen. Ludwig remonstrierte keineswegs. Denn dafür hätte es zwingend eine Dienstanweisung des Oberbürgermeisters geben müssen. Zudem wäre Ludwig rechtlich verpflichtet gewesen, seinen Widerspruch offiziell der übergeordneten Dienststelle – in diesem Fall der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) – zu melden. Beides geschah nicht. Auch Fraktion und Partei wurden in den Monaten zwischen 2020 und 2021 nicht informiert. Eingeweiht wurden von Ludwig nur die Spitzen der Fraktion: Birgit Falk und Udo Köhler. „Wir in Partei und Fraktion wussten von nichts“, sagt ein ehemaliges Mitglied der CDU-Stadtratsfraktion. „Hätten wir davon gewusst, hätten wir selbstverständlich auf Klärung gedrungen.“

Gleiches gilt für den permanenten Machtkampf im Stadtvorstand zwischen den beiden Christdemokraten Ludwig und Kulturdezernent Thomas Schmitt. In der öffentlichen Wahrnehmung wurde in den vergangenen Monaten stets suggeriert, Leibe und Ludwig hätten sich bekriegt. Auch das ist falsch. Die Heftigkeit der Dauerfehde zwischen Schmitt und Ludwig erinnerte an die lautstarken Auseinandersetzungen zwischen den ehemaligen Dezernentinnen Simone Kaes-Torchiani (CDU) und Angelika Birk (Grüne). Zu deren Zeit ließ Ex-Theater-Intendant Gerhard Weber, so eine gängige Anekdote, an manchen Tagen sogar die Fenster seines Kulturhauses schließen, weil das Geschrei von der anderen Seite des Augustinerhofes seine Leute bei der Arbeit störte.

Verließ Trier fluchtartig: Thomas Schmitt, hier mit OB Leibe. Foto: E.T.

Damals stand Klaus Jensen als Oberbürgermeister zwischen den Fronten. Jahre später war es Leibe, der pausenlos zwischen den beiden Streithähnen vermitteln musste. Auch darüber waren Falk und Köhler informiert. Doch wie bei der angeblichen Remonstration wurde auch hier geschwiegen. „Ja, das ist richtig, wir wussten auch davon nichts“, so besagter Christdemokrat. Zu groß war die Angst vor dem Imageverlust für die Union, sollte die Dauerfehde zwischen Ludwig und Schmitt publik werden. Ludwig fürchtete um seine Pfründe, Schmitt verteidigte seinen Kulturhaushalt und den Umzug wichtiger Theater-Bereiche in den Energie- und Technikpark (ETP) der Stadtwerke vehement. 

Endgültig zerschnitten war das Tischtuch zwischen Leibe und Ludwig, als der Stadtchef sich auf Schmitts Seite schlug und in der Folge den Grundmietvertrag, in dem der Bau der Probebühnen, anders als öffentlich behauptet, eben nicht explizit erwähnt wird, mit den Werken unterzeichnete – gemeinsam mit Schmitt. Ludwig tobte, der Streit drohte zu eskalieren, und Schmitt gab entnervt auf – müde des Dauerstreits mit seinem christdemokratischen Parteifeind. Zupass kam ihm dabei, dass er sich im Januar 2021 unberechtigt gegen Covid19 impfen ließ; für Schmitt der willkommene Anlass, Trier fluchtartig zu verlassen. Die tieferen Ursachen lagen jedoch in der Dauerfehde mit Ludwig, die Schmitt an die Grenzen seiner Belastbarkeit gebracht hatte.

Das Verhältnis zwischen Leibe und Ludwig, dem zudem übel aufstieß, dass seine Partei ihn nicht für eine zweite Amtszeit nominieren wollte, sank unter den Gefrierpunkt. Denn Leibe schätzte Schmitt sowie dessen ruhige, fachlich orientierte und pragmatische Art. Ludwig hingegen nutzte von nun an jede sich bietende Gelegenheit, dem Stadtchef intern in die Beine zu grätschen. Zudem entstand an der Rathausspitze ein Vakuum. Der SPD-Mann Markus Nöhl folgte Schmitt als Kulturdezernent erst im Oktober 2021 nach; der CDU-Mann Ralf Britten übernahm im November desselben Jahres Teile des alten Schmitt-Dezernats. 

Ferner dominierte just zu dieser Zeit Corona das öffentliche Leben. Die Flutkatastrophe verschärfte den personellen Engpass im Rathaus zusätzlich. So gerieten die neuen Probebühnen des Theaters in Vergessenheit, wie auch der dafür vorgesehene Stadtratsbeschluss. Dafür haben Leibe und auch Nöhl sich bereits entschuldigt. In den folgenden Jahren durchliefen die Probebühnen – analog zur Verlegung anderer Teile des Theaters – dennoch alle zuständigen Gremien, sowohl bei der Stadt als auch bei den Stadtwerken. Diskussionen oder gar Debatten dazu gab es nicht. Auch nicht im Dezember des vergangenen Jahres im Verwaltungsrat der SWT AöR, wo unisono Zustimmung vorherrschte. Alle Ausschuss- und Stadtratsmitglieder waren also informiert und stets im Bilde. 

Nur ein einziges Mal wurde Schmitt ausführlich zu den Probebühnen befragt – von seinem späteren Nachfolger Markus Nöhl. Im Januar 2021 hakte Nöhl nach; Schmitt antwortete am 15. Januar umfangreich zum Flächenbedarf, zum Umzugstermin und zu den Kosten. In der darauffolgenden Sitzung des Kulturausschusses am 18. Februar 2021 lagen alle Fakten für jeden offensichtlich auf dem Tisch. Mehr als fünf Jahre später täuschen CDU, FDP und gewisse Kreise der Grünen Nichtwissen vor. „Das ist einfach unredlich“, kommentiert ein Grüner, „natürlich wussten wir Bescheid.“ Auch Ludwig taucht urplötzlich aus der Versenkung auf. „Er hat wohl die Chance gewittert, Revanche an seinen alten Widersachern Leibe und Schmitt zu nehmen“, sagt ein Christdemokrat.

Bleibt die Frage nach dem Motiv. Leibe wird im selbstgebastelten Prüfungsbericht der Grünen vorgeworfen, er habe den Stadtrat absichtlich und wissentlich umgangen und getäuscht. Das Motiv dafür fehlt allerdings. Denn der Stadtchef hätte bereits 2020 im Rat auf eine solide Mehrheit für den Auftrag an die SWT und die Anmietung der Probebühnen bauen können. Die Stimmen von CDU, SPD und Linken hätten bereits gereicht. Und auch die damaligen Grünen hätten sich dem Vorhaben kaum verweigert. „Selbstverständlich hätten wir zugestimmt“, sagt ein ehemaliges Mitglied der CDU-Fraktion. Auch aus der SPD und von den Linken sowie aus Richtung der Grünen kommen ähnliche Signale. Es gab für Leibe also weder Grund noch Motiv, sich des Risikos und den Folgen eines nicht eingeholten Ratsbeschusses auszusetzen.

Die Rolle der Grünen und der FDP 

Nicole Helbig wollte und konnte nicht mehr: Am Tag der Landtagswahl warf die Fraktionschefin der Trierer Grünen hin. Drei Tage später wird die Ortsvorsteherin von Trier-Süd im Gespräch deutlicher als in ihrer Rücktrittserklärung. Das radikale Vorgehen anderer Fraktionsmitglieder beim Thema Probebühnen kann und will sie nicht mehr mittragen. „Wir fordern einfach alles, auch den Rücktritt des Oberbürgermeisters“, sagt sie, „ohne jedoch die Prüfung der Kommunalaufsicht abzuwarten.“ Das schaffe nicht nur ein vergiftetes Klima in der Fraktion, sondern letztlich auch im Stadtrat. Zum Gerücht, sie sei zu bestimmten Aussagen in ihrer Haushaltsrede hinsichtlich Aufklärung und Konsequenzen beim Thema Probebühnen gezwungen worden, will sie sich nicht äußern. Sie bestätigt das Gerücht nicht, dementiert aber auch nicht. „Ich möchte weiterhin in den Spiegel schauen können, und ich möchte auch Teil der Fraktion bleiben.“

Helbig liegt damit auf einer gedanklichen Linie mit vielen anderen Grünen, die das Gebaren der starken und inzwischen alles beherrschenden Clique rund um das aktuelle Triumvirat Anja Reinermann-Matatko, Wolf Buchmann und Michael Lichter mit großem Befremden aufnehmen. „Das ist ein persönlicher Feldzug bestimmter Grüner gegen den OB“, sagt einer dieser Grünen ohne Umschweife. Und weiter: „Mit den Fakten hat das nichts zu tun.“ Von „ganz niederen Beweggründen“ spricht ein anderes Parteimitglied in diesem Zusammenhang. Und er legt noch nach: „Wolf Buchmann lechzt schon immer nach Aufmerksamkeit und größerer Bedeutung. Er ist ein Behördenhirn, das unbedingt in der Zeitung stehen will.“ Der Name Michael Lichter fällt ihm erst gar nicht ein. „Wie heißt der andere Vogel noch mal?“, fragt er im Gespräch. Lichter. „Ja, richtig, Lichter.“

Der Grund für die radikalen Angriffe der grünen Clique auf Leibe wird schnell deutlich. Reinermann-Matatko, Buchmann und auch Lichter wissen um die massiven Defizite ihres Dezernenten Thilo Becker. „Die Grünen haben ein ausgesprochenes Talent, unfähige Leute auf wichtige Positionen zu setzen“, sagt einer der bereits zitierten Grünen. „Das fing schon mit Angelika Birk an, setzte sich mit Elvira Garbes fort und endet aktuell bei Thilo Becker.“ Der promovierte Verkehrsingenieur ist der Außenseiter schlechthin im Stadtvorstand. Die Kommunikation mit Britten (CDU) ist unterirdisch und praktisch zum Erliegen gekommen; das Verhältnis zu Leibe gleicht dem eines Schülers (Becker) zu seinem Lehrer (Leibe); der Austausch mit Nöhl beschränkt sich auf das Nötigste. Ein Sozialdemokrat formuliert es so: „Es herrscht einfach nur Chaos in diesem Dezernat und im Austausch mit den anderen Dezernaten.“ Becker spreche weder mit den Stadtratsmitgliedern noch mit den Kollegen im Stadtvorstand. Alles, was außerhalb von Jamaika liege, interessiere ihn nicht.

Hinzu kommen die fachlichen und persönlichen Mängel Beckers; die Fehler des unerfahrenen Dezernenten häufen sich. Er habe große Probleme damit, Kompromisse einzugehen, heißt es aus anderen Parteien. „Und er ist alles, aber sicher kein Politiker“, so ein Ratsmitglied. In den Sitzungen der Ausschüsse und im Rat braucht Becker stets die Hilfe seiner grünen Entourage; bei direkten Fragen fehlen ihm die akkuraten und klaren Antworten, Augenkontakt sucht er nur selten, stattdessen verschanzt er sich hinter seinem Laptop. So müssen Reinermann-Matatko, Buchmann oder auch Lichter ihm permanent zur Seite springen. „Die Attacken auf Leibe dienen nicht zuletzt dem Schutz Beckers“, sagt ein bestens informierter Grüner.

Dieses Problem hat Tobias Schneider von der FDP nicht. Der Liberale kann seine Kämpfe selbst ausfechten. Sein Problem mit Leibe ist anderer Natur. In den Verhandlungen zu Jamaika kam die Idee auf, ein weiteres Dezernat – das sechste dann – zu schaffen. Ehrenamtlich sollte es sein. Was allerdings nicht heißt: kostenfrei. Ehrenamtlichen Beigeordneten stehen bis zu 4.000 Euro Aufwandsentschädigung zu. In der Landeshauptstadt Mainz lag die Vergütung für den ehrenamtlichen Dezernenten im Jahr 2024 bei 3.608 Euro. Hinzu kommen Mitarbeiter, ein Sekretär oder eine Sekretärin sowie die Sachausstattung.

Schielte auf das sechste Dezernat: Tobias Schneider. Foto: E.T.

Der liberale Einzelkämpfer Schneider hoffte darauf, über die Jamaika-Koalition an diesen Posten zu kommen, um sich so beruflich zu verbessern. Im neuen Dezernat wollte er die digitalen Aktivitäten der Stadt bündeln. Aktuell ist der FDP-Mann Vorsitzender der Kommission „Digitale.Stadt.Trier“. Doch Schneider und Jamaika hatten die Rechnung ohne Leibe gemacht. Der Stadtchef sagte: „Nein!“ Ein weiteres Dezernat kam für Leibe schon aus Kostengründen nicht infrage. Ohnehin sind fünf Dezernate für eine Stadt wie Trier bereits grenzwertig.

Seither liegt Schneider mit dem Stadtchef über Kreuz. Das früher konstruktiv-sachliche Verhältnis zwischen dem FDP-Fraktionschef und Leibe ist merklich abgekühlt. Um nicht zu sagen: Es liegt auf Eis. Folglich sprang Schneider auf den Zug der Grünen auf. Den selbstgestrickten Prüfungsbericht der grünen Frontkämpfer Buchmann und Lichter paraphierte er als redaktioneller Mitarbeiter. Seine Hoffnung: Ein neuer Oberbürgermeister würde möglicherweise anders entscheiden als Leibe und ihm als ehrenamtlicher Dezernent beruflich Zugang zur Stadtverwaltung verschaffen. Dass es Schneider weniger um die Zukunft des Theaters als vielmehr um die eigene geht, belegt ein simpler Umstand: Als FDP-Fraktionschef nahm Schneider nur an einer Sitzung der baubegleitenden Theater-Kommission teil – von insgesamt 17 Sitzungen.

Die CDU als größter Partner in der Jamaika-Koalition weiß davon. Den Christdemokraten sind auch die Zustände bei den Grünen bekannt. Dennoch schweigen die Unionschristen beharrlich – sei es zu Becker, sei es zu Schneider, sei es zum Feldzug der Grünen gegen den Oberbürgermeister, sei es zur Position ihres eigenen Dezernenten Britten. „Die Fraktion ist intern gespalten, und die Partei besteht in Trier im Wesentlichen nur noch aus der Familie Lang“, sagt ein ehemaliges Mitglied der Fraktion. Hier die nassforschen Jungen um den Lautsprecher und Wortführer des Anti-Leibe-Lagers, Louis-Philipp Lang, souffliert von seiner Frau, der Parteichefin Franziska Lang. Sie würden liebend gerne noch strammer mit den Grünen marschieren. Dort die Gesetzteren, die zu einer sachlichen Kommunalpolitik zurückkehren wollen. Wie die Kommunalordnung dies eben vorsieht: der Rat als Teil der Verwaltung, nicht als unabhängige Legislative wie auf Landes- und Bundesebene.

Auch die erneuten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft werden voraussichtlich kein anderes Ergebnis als die ersten erbringen – nämlich die Einstellung des Verfahrens. „Dabei wird nichts herauskommen“, sagt ein erfahrener Trierer Jurist, „bei einer Anzeige muss zwangsläufig ermittelt werden, aber das ist eine Formalität.“ Viel Lärm also um Nichts? Nicht ganz. Was bleibt, ist die Beschädigung des urgewählten Stadtchefs und – weit gravierender – die des Amtes an sich durch eine Schmutz-Kampagne, für die hauptsächlich die Grünen verantwortlich sind. Das Ergebnis wird eine komplett vergiftete Atmosphäre in den Ausschüssen sowie im Rat für den Rest der Legislaturperiode sein. Es sei denn, die Protagonisten dieser Kampagne nehmen von sich aus ihren Hut und ziehen sich aus der Kommunalpolitik zurück, und die CDU als stärkste Fraktion im Rat wirft Jamaika möglichst umgehend auf den politischen Friedhof der Trierer Geschichte. Dann könnte die sachliche Arbeit wieder beginnen und die Stadt aufatmen.

Der Theater-Sachstand

Dies sind die Fakten, und sie sind unwidersprochen: Das Trierer Theater muss generalsaniert werden, weil die dortigen Arbeitsbedingungen untragbar geworden sind, und die Probebühnen sind elementarer Teil dieser Mammutaufgabe. Ohne sie keine Sanierung, ohne sie in absehbarer Zeit kein Theater mehr. Christdemokraten, Grüne und Liberale laufen aktuell Gefahr, zu Zerstörern des Theaters und somit zu Totengräbern eines elementaren Teils der städtischen Kultur zu werden. Neuester Vorstoß aus dem Hause CDU: Eine Expertenkommission aus Juristen soll dem Stadtrat am 27. April – also vor der entscheidenden Ratssitzung im Mai – ihre Einschätzung präsentieren. Die Federführung liegt bei der CDU-Fraktion. Trotz massiver Gegenwehr von SPD, Linken und den Demokraten segnete der Haupt- und Personalausschuss den Vorstoß der Christdemokraten in seiner jüngsten Sitzung ab. Wie das Vorhaben genau umgesetzt werden soll, blieb trotz einstündiger, emotional geführter Debatte nebulös.

Erbärmlicher Zustand: Das Theater muss saniert werden. Foto: E.T.

Erneut soll also geprüft werden, ob die Varianten „Ankauf eines Probezentrums“ und „Bau in städtischer Eigenregie“ nicht doch noch ins Auge gefasst werden können. So weit die Theorie. Doch die ist bekanntlich grau. In der Praxis erübrigen sich diese Gedankenspiele allerdings von vornherein, sind mithin rein akademischer Natur. Bei den Stadtwerken Trier (SWT) gibt es keinerlei Überlegungen, die Halle auf dem Gelände des Energie- und Technikparks (ETP) an die Stadt zu verkaufen. Das ist in Gesprächen mit SWT-Vertretern klar herauszuhören. Das Vorzeigeprojekt ETP, das für eine Stadt in der Größenordnung wie Trier nahezu einzigartig und ferner vorbildlich ist, soll in Gänze unter der Regie der SWT bleiben.

Die Idee, die Stadt könne das Probezentrum selbst bauen, entspringt indes wohl eher dem Reich der Fabeln als jenem der harten Realität. Jetzt schon liegt die Realisierungsquote bei den städtischen Bauvorhaben bei unter 50 Prozent. Nicht von ungefähr führen die SWT Regie beim Neubau der Feuerwache und bei der Sanierung der Tufa, und sie werden sie auch bei der geplanten Generalsanierung des Theaters führen. Großprojekte wie diese sind für das Rathaus neben den täglichen Aufgaben überhaupt nicht zu leisten. Das gilt auch für das Probezentrum. Denn das Becker-Bau-Dezernat ist bereits mit einfachen Schulsanierungen überfordert. 

Die SWT sind das einzige Pfund, mit dem die hochverschuldete Stadt noch wuchern kann. Dort sitzen die Spezialisten für solche Mammutprojekte, nur dort sind fachliche Expertise und Kompetenz unter einem Dach vereint – rasche Problemlösungen eingeschlossen. Zudem ist die SWT AöR eine reine Tochter der Stadt. Das heißt: Jeder Cent, der in die Kassen der Werke fließt, fließt indirekt auch in die Kasse des städtischen Kämmerers. Im vergangenen Jahr überwiesen die SWT aus ihrem Überschuss 2,3 Millionen Euro an die Stadt, für 2026 rechnet das Rathaus nach der internen Kalkulation mit einem Betrag in Höhe von 3,2 Millionen Euro.

Bei der Anmietung der Halle auf dem ETP-Gelände zahlt die Stadt folglich die Miete quasi an sich selbst: rechte Tasche, linke Tasche. Apropos Miete: Die oft kritisierte Mischmiete gilt nur für die von der Stadt angemieteten Flächen im ETP. So soll gewährleistet sein, dass alle dort angesiedelten Ämter den gleichen Mietzins bezahlen – unabhängig von der tatsächlichen Miete. Denn je nach Ausstattung der Gebäude ist der Mietzins höher oder niedriger. Bei jenen Ämtern, die von den Trierer Bürgern Gebühren verlangen, wird dann allerdings bei der Berechnung der Gebühren der tatsächliche Mietzins des jeweiligen Amtes zugrunde gelegt. Gleiches gilt für Förderanträge, die beim Land gestellt werden – so etwa beim Mietkostenzuschuss für das Probezentrum. Ob das in der Kritik stehende Modell der Internen Leistungsverrechnung (ILV), in der alle Mieten für die von der Stadt angemieteten Gebäude und Flächen erfasst und solidarisch auf alle Ämter umgelegt werden, nach dem ADD-Bericht überhaupt noch zukunftsfähig ist, muss der Rat prüfen und auch entscheiden. Denn laut ADD liegt hier ein Verstoß gegen den Haushaltsgrundsatz vor.

In der Führungsetage der SWT wird mit ausgesprochener Gelassenheit der weiteren Entwicklung entgegengeblickt. Zumal die umfangreiche interne Revision der Vorgänge definitiv kein Fehlverhalten der Werke ergab. Die Stadt und das Theater brauchen die Werke, nicht umgekehrt. Besagte Halle, in der das Probezentrum entstehen soll, steht praktisch jungfräulich da – mit Ausnahme der Wärmeisolierung, die die Stadtwerke aber in jedem Gebäude anbringen, unabhängig von der Nutzung.

Medial ist in jüngster Zeit immer wieder behauptet worden, der Bau der Probebühnen sei schon weit fortgeschritten, quasi im Endstadium. Der Stadtrat könne somit die Anmietung des Gebäudes überhaupt nicht mehr ablehnen. Auch das ist falsch. Ein kurzer Blick in die Halle genügt: von Theater-spezifischen Bauten keine Spur. Lediglich ein paar Dämmplatten und einige Holzstapel liegen auf dem Hallenboden. Auch an rechtliche Konsequenzen – etwa Klagen gegen die Stadt – denkt bei den SWT niemand, sollte der Rat im Mai sein Veto einlegen. „Dann lassen wir es eben, für uns ist das überhaupt kein Problem“, sagt ein SWT-Vertreter, „wir haben jede Menge andere Möglichkeiten, die Halle zu nutzen.“

Jungfräulich: Die Halle, in der die Probebühnen gebaut werden sollen. Foto: E.T.

Sollte es so kommen, ist der Zeitplan für die Theatersanierung, die im kommenden Jahr starten soll, zunächst einmal auf Eis gelegt. Für wie lange, ist unklar. Vielleicht für Monate, vielleicht für Jahre, vielleicht sogar für immer. Denn mit jedem Monat, mit jedem Jahr Verzögerung werden die Kosten höher werden, bis zu dem Punkt, an dem sie nicht mehr zu stemmen sein werden. Intendant Lajos Wenzel stünde dann mit seinem gesamten Team vor einem Scherbenhaufen, die Zukunft des Trierer Kulturhauses am Augustinerhof in den Sternen. 

Auch darin waren sich Michael Frisch von den Demokraten und Matthias Koster von den Linken in der jüngsten Ausschusssitzung einig: „Wir müssen hier eine politische Entscheidung und keine juristische treffen“, sagte Frisch, „Erbsenzählerei und juristische Spitzfindigkeiten bringen uns nicht weiter.“ Koster nickte zustimmend. Für SPD-Fraktionschef Andreas Schleimer ist der neuerliche Vorstoß der CDU ohnehin reine Zeitverschwendung. „Wir stehen hier unter Druck“, sagte Schleimer, „wie oft soll denn eigentlich noch geprüft werden?“

Apropos anderweitige Verwendung der ETP-Halle: „Vielleicht ziehen ja auch die Gladiators dort ein“, sagt ein Mitglied des SWT-Verwaltungsrates, „die würden sich freuen, und sie brauchen als Bundesligist sowieso endlich eine richtige Trainingshalle.“

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8 Kommentare

  1. Interessant hinter die Kulissen zu schauen, und das nicht hinter die Kulissen des Theater Trier.
    Hinter denen der Stadt Trier ist es auch spannend genug, und das seit Jahren!!
    Politik ist ein schmutziges Geschäft, schon immer und heutzutage erst recht.

  2. Chapeau.
    Wahrlich das Beste, was zu diesem Dauerthema und der Situation an Triers Stadtspitze veröffentlicht wurde.
    Sollte der Volksfreund kopieren und unters Volk bringen.

  3. Jede Stadt bekommt die Hobby-Politiker und Dezernenten, die sie verdient.Wer unter denen, die erwiesenermaßen in Wirtschaft und Technik efolgreich sind, würde sich dieses erbärmliche Schmierentheater antun wollen?

  4. Der Bericht der ADD wundert mich nicht. Noch SpD-geführt. Warum sollte man da was gg einen SpD-OB finden, was ihm Schwierigkeiten bringt? Es wird sicher nicht alles stimmen, was in dem Bericht steht. Es wird auch viel mit Konjunktiven gearbeitet, so dass die weitere Vorgehensweise recht zart beschrieben wird. Naja, im Ahrtal ist ja seitens der ADD auch nicht alles sauber gelaufen. Aber egal. Was den gesamten Stadtvorstand betrifft ist der OB sicher noch der Beste von denen, die sich da aus welchen Gründen auch immer ansammeln konnten. Und gut, dass sich der FdP-Typ nicht einschleichen konnte. Der fehlt gerade noch in der Riege von Inkompetenzen. So wenig Sachkompetenz war im Stadtvorstand jedenfalls in den letzten 40 Jahren nicht auf einmal zusammen gesessen.

  5. Sehr gute Arbeit! Das wäre ein Artikel, den ich mir mal im Volksfreund wünschen würde für den ich im Gegensatz zu lokalo.de bezahle! Liebe Redakteure vom Volksfreund, hier wurde profunde journalistische Arbeit geleistet und nicht nur Infos von anderen Quellen kopiert oder Banalitäten an einander gereiht.

    Zum Inhalt kann ich nur sagen, dass die Verwaltung, der Stadtvorstand und auch der der Stadtrat eine Art Hydra geworden sind, die zu durchschlagen nur noch schwer möglich ist. Leider verbrennt dieses Gebilde effektiv Steuergeld. Eine Besserung ist nicht in Sicht.

    • Martin, wie auch schon von Uwe Klassen beschrieben…. Volle Zustimmung!

      Sehr gute, ausführliche und fundierte Ausführungen von Eric Thielen. Wolfgang liegt richtig, indem er sagt der OB (und Ralf Britten) liefert die beste Arbeit im Stadtvorstand ….. die „grünPhantastereien“ können weg.

  6. Unterhaltsamer Beitrag von E.T. über die Hintergründe und Hinterzimmer einer Politik, die sich immer weiter entfernt von den Bedürfnissen der einfachen Menschen. Kleine Cliquen, die über genügend Zeit und Mittel verfügen, setzen sich ein für Sonderwünsche auf Kosten der kleinen Leute, die Wichtigeres zu tun haben, als in Partei- und Ausschussarbeit die Interessen ihrer Klientel zu vertreten. Die meisten Leute in unserer Stadt und Gesellschaft müssen sich um Arbeit und Familie kümmern. Aber deren Interessen werden immer weniger gesehen. Oder glauben etwa Becker und seine grünen Lastenradfahrer, dass es für die einfachen Leute nichts wichtigeres gibt als Millionengräber für die Gestaltung von Porta-Vorplatz und Viehmarkt? Die meisten Menschen haben nichts dagegen, wenn ein Theater renoviert wird, auch wenn sie vllt selten ins Theater gehen, Wären da nicht all die anderen Bedürfnisse, die in den Augen der einfachen Leute Vorrang haben wie die Wohnungssituation oder die Gesundheitsversorgung, der Zustand der Schulen, die hohen Kosten für Heizung, Strom und Transport.
    Die Städte versinken in Schulden, die meistens hausgemacht sind durch Beschlüsse von Klientelvertretern, auch Trier. Da werden eben mal 50 Milliönchen für die Renovierung eines Theaters angesetzt,(wenn es dabei bleibt), das auch im laufenden Betrieb bezuschusst werden muss. Auch die Verschönerung der Plätze kostet Unsummen. Aber das juckt die Klientelpolitiker wenig. Für sie steht Höheres im Vordergrund: Die Grünen wollen Klimaziele erreichen, auch in Trier. Andere wieder wollen Trier attraktiv machen. Wieder anderen wollen die Wirtschaft fördern. Doch wer stellt die Interessen der einfachen Menschen und nur deren Interessen in den Vordergrund? Das ist die Mehrheit. Haben die Befürworter der Theatersanierung sich die Frage gestellt, ob es nicht Wichtigeres in der Stadt gibt? Die Unterstützer und Angehörigen der Kultur- und Lifestile-Schickeria denken nicht an die Menschen, denen bezahlbare Wohnungen wichtiger sind als Theaterbesuche oder Spaziergänge auf CO2-neutralen Plätzen der Stadt.
    Bei den letzten Beschlüssen der regierenden rot-grün-gelben Regierung in Trier gucken die kleinen Leute in die Röhre. Wer vertritt eigentlich deren Interessen und nur deren? Welche Partei stellt bei jeder Ausgabe, die Klientelpolitiker im Stadtrat durchboxen wollen, die Frage, ob das im Interesse der einfachen Leute ist? Für welche Partei ist das Wohlergehen der einfachen Menschen, die tagtäglich für das Funktionieren der Gesellschaft sorgen, die oberste Priorität? Die ist im Moment nicht zu sehen. Alle haben höhere Werte, Ziele und Interessen im Sinn.
    Die Unzufriedenen dieser Politik sollten sich zusammentun, um immer wieder den Finger in die Wunde zulegen und zu fragen: Wem nützen diese Beschlüsse? Was haben die einfachen Menschen davon? ES ist an der Zeit für eine Kommunale Opposition (KO), die der Verschwendung und Verschleuderung von Mitteln etwas entgegensetzt.

  7. Von wegen Neutral und Überparteilich glaube Herr Leibe hat diesen Bericht verfasst. Es ist ja Alles so Wunderschön in Trier keine Probleme Geld ist im Überfluss vorhanden die Infrastruktur ist auf dem neusten Stand. Diesen Mist den Ihr schreibt Ihr sollt Euch was schämen.

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