Ex-Bürgermeisterin beim U-Ausschuss: Ausmaß der verheerenden Flutwelle nicht vorstellbar

Als Krisenmanagerin im Ahrtal wurde Cornelia Weigand nach der Flut bekannt. Vor dem Untersuchungsausschuss spricht sie jetzt über die Katastrophe. Landrat Pföhler hatte die damalige Bürgermeisterin in den dramatischen Stunden zunächst nicht persönlich am Telefon.

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Cornelia Weigand lächelt bei ihrer Ernennung zur Landrätin im Kreis Ahrweiler. Foto: Thomas Frey/dpa/Archivbild

MAINZ. Das Ausmaß der verheerenden Flutwelle an der Ahr ist nach Worten der früheren Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr trotz aller vorab erfolgten Warnungen nicht vorstellbar gewesen. «Die Geschwindigkeit und Dramatik ist außerhalb der Fantasie – es sei denn, man mag schlechte Hollywood-Schinken», sagte Cornelia Weigand am Freitag vor dem Untersuchungsausschuss des Mainzer Landtags zur Flutkatastrophe vom vergangenen Juli.

Kritisch bewertete sie den Umgang mit dem für den Katastrophenschutz zuständigen Landratsamt in den ersten Stunden der Flutwelle.

Die parteilose Politikerin hatte sich nach der Flutkatastrophe als Bürgermeisterin und Krisenmanagerin in ihrer besonders stark betroffenen Verbandsgemeinde Altenahr einen Namen gemacht. Im Januar wurde sie zur Landrätin des Kreises Ahrweiler gewählt.

Sie habe am Nachmittag des 14. Juli gegen 16.20 Uhr angesichts einer Pegelprognose von 5,50 Meter, die damit sogar noch oberhalb der Marke des «Jahrhunderthochwassers» von 2016 gelegen habe, beim Landratsamt angerufen und dringend dazu aufgerufen, den Katastrophenfall auszurufen, berichtete Weigand vor dem Ausschuss weiter. Sie habe nicht mit dem damaligen Landrat Jürgen Pföhler (CDU) direkt gesprochen, sondern mit dessen Abteilungsleiter.

Dieser habe ihr geantwortet, er müsse die Lage abklären und brauche noch weitere Informationen, berichtete Weigand. Tatsächlich ausgerufen wurde der Katastrophenfall vom Landratsamt erst rund sieben Stunden nach diesem Telefonat und damit nach Ansicht zahlreicher Kritiker viel zu spät.

Mit Pföhler selbst habe sie schließlich kurz vor Mitternacht telefoniert. Der Landrat, der wegen der Flut sein Haus habe verlassen müssen, sei bei dem Gespräch «sehr erregt» gewesen, erinnerte sie sich. Nach einer Weile habe sie seine persönlichen Schilderungen unterbrochen, um ihm zu berichten, wie katastrophal die Lage in Altenahr aussehe. Sie sei «nicht die Lieblingsbürgermeisterin» des Landrats gewesen, erinnerte sich die 50-Jährige an den Umgang mit Pföhler zurück.

Unstimmigkeiten im Umgang mit Behörden gab es offenbar auch mit dem für die Hochwasserprognose zuständigen Landesamt für Umwelt (LfU). Der zuständige Dienstleiter habe ihr gegen 18 Uhr am Telefon erklärt, er könne sie wieder etwas beruhigen, da die Prognose des Pegelhöchststandes von 5,50 Meter auf 4 Meter heruntergegangen sei. Sie habe ihm dagegen deutlich gesagt, dass dies nicht stimmen könne, da der Pegelstand auf der im Internet zugänglichen Seite, die sie zu diesem Zeitpunkt noch beobachten konnte, schon zu diesem Zeitpunkt «senkrecht» auf die 4-Meter-Linie zuging, berichtete Weigand. Später musste sie das Rathaus verlassen, da auch dort die Fluten eindrangen und der Strom ausfiel.

Neben unzähligen Telefonaten mit der Einsatzleitung der Feuerwehren in der Verbandsgemeinde habe sie an dem Abend auch mit einem Pfarrer der Gemeinde telefoniert. Sie habe ihm angesichts der dramatischen Situation gesagt, sie sei zwar Atheistin, «aber vielleicht hilft beten», erinnerte sich Weigand.

Der Leiter der Feuerwehr der Verbandsgemeinde Altenahr, Frank Linnarz, sagte vor dem Ausschuss, er habe sich gewundert, dass das zuständige Landratsamt den ganzen Abend über nicht den Katastrophenfall ausgerufen habe. Was dieser Schritt im Endeffekt tatsächlich bewirkt hätte, sei Spekulation. Seine Einsatzkräfte hätten jedenfalls auch mit mehr Menschen und Gerät in dieser verzweifelten Lage weder von Land noch von Booten aus noch viel mehr bewirken können.

«Über die Luft hätten wir Menschen retten können», möglicherweise mit Hilfe von Bundeswehr-Hubschraubern mit Seilwinden, sagte er. Die Bundeswehr hätte bei einer früheren Ausrufung des Katastrophenfalls möglicherweise schneller reagiert.

Die meisten Bewohner in Altenahr lebten schon viele Jahre, teils Jahrzehnte an dem Fluss und hätten schon viele Fluten erlebt, einschließlich des «Jahrhunderthochwassers» von 2016, sagte der Feuerwehrmann. Die Bürger schauten daher lieber mit eigenen Augen auf die Ahr, um die Gefahren einzuschätzen, als sich an Pegelprognosen zu orientieren. «Wir und die Bevölkerung haben unterschätzt, wie schnell die Ahr steigt», sagte er im Rückblick. Weigand und Linnarz erklärten beide, dass sie schon tags zuvor die Unwetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes ernst genommen und erste Vorbereitungen getroffen hätten.

Vor dem öffentlichen Teil der Sitzung beschloss der Untersuchungsausschuss, dass Ex-Landrat Pföhler ungeachtet der gegen ihn laufenden staatsanwaltlichen Ermittlungen vor dem Gremium erscheinen muss. Das gelte auch für Pföhlers Ehefrau, die ebenfalls darum gebeten habe, nicht am 8. Juli vor dem Ausschuss auftreten zu müssen, sagte Ausschussvorsitzender Martin Haller (SPD). «Der Ausschuss hat beide Gesuche auf Abladung abgelehnt», berichtete er. Es sei klar, dass beide ihre Aussagen verweigern könnten.

Im Kreis Ahrweiler waren bei der verheerenden Sturzflut Mitte Juli 134 Menschen ums Leben gekommen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Pföhler und den ehrenamtlichen Brand- und Katastrophenschutzinspekteur des Kreises wegen eines Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung durch Unterlassen wegen womöglich zu später Warnungen. Pföhler wurde auf eigenen Antrag wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand versetzt. Ein weiterer Mensch starb im Kreis Bitburg-Prüm. Der Untersuchungsausschuss will aufklären, wie es zu der Katastrophe nach dem starken Regen kam.

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