TRIER. Am gestrigen Mittwochabend war der Erzbischof von Luxemburg, Jean-Claude Kardinal Hollerich, in St. Gangolf zu Gast. Hollerich sprach im Rahmen der Reihe „Forum Bürgerkirche“ zum Thema „Herausforderungen für Kirche und Christsein in der heutigen Gesellschaft“. An seinen Vortrag schloss sich ein ausführliches Gespräch über vielfältige kirchliche Themen mit dem Theologen Markus Leineweber an.
Von Alexander Scheidweiler
Ein „Großinterview“, so Dr. Markus Nicolay, Domkapitular und Pfarrer der Trierer Innenstadt-Pfarrei Liebfrauen, habe Markus Leineweber, Theologe und wie Nicolay Mitglied im Kuratorium Markt- und Bürgerkirche, in St. Gangolf mit dem prominenten Gast geführt. Das sei auch ein neues Format gewesen „für uns als Forum Bürgerkirche“, so Nicolay weiter, der auch darauf hinwies, dass schon der Trierer Erzbischof Heinrich im 10. Jahrhundert, als er die Kirche St. Gangolf gründete, den Patron nicht unter den Heiligen des damaligen Erzbistums Trier gesucht, sondern auf einen Heiligen aus Lothringen und dem Burgund zurückgegriffen habe, eben den Heiligen Gangolf: „Das könnte ein Sinnbild sein, dass es uns Trierern auch damals schon gut getan hat, den Blick nach Westen zu weiten und uns von dort beschenken und inspirieren zu lassen.“
Somit schlug Nicolay zum Abschluss eines informativen und spirituell tiefgründigen Vortrags- und Dialog-Abends, der zudem von Organist Stefan Kölsch stilvoll musikalisch umrahmt wurde, die Brücke zurück zur Person des Gastes, diese in den großen (kirchen-)geschichtlichen Zusammenhang der engen Beziehung und guten Nachbarschaft zwischen der Stadt und Region Trier und Luxemburg einordnend. Denn derjenige, der gestern Abend in der Reihe „Forum Bürgerkirche“ in St. Gangolf zum Thema „Herausforderungen für Kirche und Christsein in der heutigen Gesellschaft“ vortrug und im Anschluss in das Großinterview mit Leinweber eintrat, war kein Geringerer als der Erzbischof von Luxemburg, Jean-Claude Kardinal Hollerich.
Bereits vor zwei Jahren hatte das Kuratorium Hollerich eingeladen, so der Vorsitzende Bernhard Kaster bei der Begrüßung, und der Kardinal hatte auch zugesagt — „aber es kamen wichtige Termine in Rom dazwischen.“ Im vergangenen Jahr starb dann Papst Franziskus, dem der Kardinal eng verbunden war, wie Kaster unterstrich. „Uns als Kuratorium ist es wichtig, dass St. Gangolf zuallererst die Kirche des Gebets, der Stille und der Messen ist“, sagte Kaster. Zugleich sei St. Gangolf aber auch „die Kirche für die Begegnung, das Miteinander und den Austausch“, mithin „ein Ort, wo wir die Sorgen der Gemeinschaft miteinander besprechen“. Nachdem in der Reihe „Forum Bürgerkirche“ bereits „Wege zum Frieden, Sorge um die Demokratie, das Thema Verfassung“ angesprochen worden seien, wolle man am heutigen Abend sprechen und v. a. zuhören „zu einem Kernanliegen, zur Zukunft unserer Kirche, hier bei uns in Europa und in der Welt, und zum persönlichen Christsein in unserer Gesellschaft“. Hohe Kirchenaustrittszahlen, der Umstand, dass Christen die weltweit am stärksten verfolgte Religionsgemeinschaft sind, die Spannung von Reformbemühungen und notwendiger Einheit in der Kirche, Kriege in Europa und im Nahen Osten — all dies treibe die Menschen in der Kirche um, nicht zuletzt auch die Frage, wie man wieder mehr Gemeinschaft in der Kirche schaffen könne.
Glauben in unsicheren Zeiten
Hollerich, ehemaliger Vorsitzender der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft und von Papst Franziskus zum Generalrelator der weltweiten Bischofssynode in Rom ernannt, spannte in seinem Vortrag einen weiten weltkirchlichen Horizont auf, vielfach zugleich mit einer sehr persönlichen Note, auf den eigenen Erfahrungsschatz zurückgreifend. Der Kardinal griff Kasters Vorlage auf und unterstrich eingangs, dass wir „in ganz unsicheren Zeiten“ leben — die Kriege in der Ukraine und im Iran, wirtschaftliche Schwierigkeiten, Konkurrenz zu China, ein schwierigeres Verhältnis zu den USA, die Frage, wie die KI die Arbeitswelt verändern wird: „Wo werden noch Arbeitsplätze entstehen? Wie stark wird die Welt modernisiert werden? Das sind sehr reale Ängste.“
Gerade in diesen schwierigen Zeiten gebe er sich Mühe, den Kontakt zu jungen Menschen zu suchen. In seiner Zeit an der katholischen Sophia-Universität in Tokio sei dies für ihn einfach gewesen, so der Kardinal, der dort einige Jahre als Professor und Vizerektor wirkte. Mit seiner Ernennung zum Erzbischof von Luxemburg im Jahr 2011 sei dies deutlich schwieriger geworden: „Ich habe gemerkt, ich muss junge Menschen aufsuchen, weil ich sonst meine Zeit nicht verstehen kann. Sonst schaue ich immer mit der Brille der Vergangenheit auf meine Zeit.“
„Eine neue Nachfrage nach Sinn“
In seinem bischöflichen Amt habe er festgestellt, dass die Unsicherheit, die viele junge Menschen beschäftige, nicht nur auf die Weltlage bezogen sei, sondern auch damit zusammenhänge, dass in den reichen Gesellschaften des Westens die Jugendlichen merkten, dass bei allem materiellen Wohlstand der Lebenssinn sich verflüchtigt habe. Gerade diese Erfahrung der Leere habe eine gewisse Gegenbewegung erzeugt, wie Hollerich erklärte: „Wir erleben, wie viele junge Menschen wieder zur Kirche kommen.“ Obwohl auch in Luxemburg viele Gemeinden überalterten, „kommt jetzt eine neue Nachfrage nach Sinn, nach Gott, nach Religion.“
Es komme jetzt wieder häufiger vor, dass Jugendliche ihm Fragen stellten wie: „Wie kann ich beten?“ Auch die Nachfrage nach dem Beichtsakrament nehme wieder zu, was vor wenigen Jahren noch ganz anders gewesen sei. „Als Kirche müssen wir diese Jugendlichen begleiten“, so Hollerich. Dabei spielt Authentizität eine zentrale Rolle, wie der Kardinal verdeutlichte: „Wir müssen unsere ureigenste Glaubenserfahrung teilen können.“ Die Jugendlichen wendeten sich mit Fragen an ihn wie: „Bischof, wie betest Du? Wie machst Du das? Und ich muss eine Antwort darauf geben. Nicht aus theologischen Büchern, nicht aus Satzungen, sondern ganz persönlich.“
Während dieser Neuaufbruch in Luxemburg noch zaghaft sei, erlebten Frankreich und England mittlerweile einen sprunghaften Anstieg der Erwachsenentaufen. Viele dieser jungen Menschen stießen im Internet auf den Glauben, erklärte Hollerich. Das könne aber nur der Einstieg sein. In der Folge sei die Erfahrung der Gemeinschaft wichtig, die aber auch in der Kirche immer mehr verloren gegangen sei. Die Erfahrung der Gemeinschaft entstehe nicht einfach durch den sonntäglichen Gottesdienstbesuch. Vielmehr gehe es um ein Gemeinschaftsgefühl, das früher, als die Gesellschaft insgesamt noch christlicher geprägt war, spürbar gewesen sei. „Wir brauchen Gemeinschaften, wo man erfahren kann, wie man zusammen Christentum leben kann“, so der Appell des Kardinals.
Zuhören mit Empathie
Begleiten heiße, „sich mit auf den Weg zu begeben und sich dann auch Fragen auszusetzen“, erläuterte Hollerich weiter, Fragen, die nicht immer angenehm seien. Es bedürfe hier in besonderer Weise des Dialoges, „weil zusammen unterwegs sein im Dialog sein heißt.“ Der Dialog aber setze seinerseits zuallererst die Bereitschaft voraus zuzuhören. Dies sei auch für Priester und Bischöfe eine Herausforderung, nicht zuletzt für ihn selbst, meinte Hollerich, „weil wir gewohnt sind, dass wir immer die Antworten kennen müssen.“ Dieses Zuhören müsse von Empathie getragen sein: „Das heißt, ich muss den Menschen einfach gern haben, der mit mir redet, egal wer.“ Dies wiederum bedeute, dem Menschen mit Respekt zu begegnen, „weil Gott jeden Menschen respektiert.“
Darin stecke auch ein Gerechtigkeitsaspekt, führte Hollerich weiter aus, denn Gerechtigkeit beinhalte, dass jeder bekomme, was er zum Leben braucht. Das beginne bei materiellen Gütern, gehe aber viel weiter: „Jeder Mensch braucht die Anerkennung, um froh leben zu können.“ Hier sei Christus Vorbild, der auch Armen, Kranken, Ehebrecherinnen stets mit Respekt begegnet sei.
Um dies zu verwirklichen, brauche es „eine Bekehrung“, die die ganze Kirche umgreife. Deshalb sei die Synodalität wichtig, die in der Kirche stets gegeben gewesen sei, als „Grundelement des Kircheseins.“ Dabei müssten Christen sich klar werden, dass die Taufgnade sie befähige, das Christentum aktiv zu leben: „Wenn ich nur in die Sonntagsmesse gehe, dann bin ich ein Sakramentenkonsument“, sagte Hollerich pointiert. Zusammenzukommen, gemeinsam zu beten, seien Schlüsselelemente, so der Kardinal, der darauf verwies, dass das „Gespräch im Heiligen Geist“ bei der Bischofssynode in Rom „eine wunderbare Erfahrung gewesen“ sei. Durch gemeinsames Gebet, gutes Zuhören und respektvollen Dialog sei es gelungen, widerstreitende Positionen auszuhalten und am Ende vielfach Lösungen zu finden, die ganz anders waren als die Ausgangspositionen, mit denen die Teilnehmer in die Gespräche hineingegangen waren: „Wenn wir zusammen Kirche sind, dann können wir erkennen, was der Geist Gottes von uns will“, folgerte Hollerich.
Suche nach Harmonie und Aushalten von Spannungen
Im anschließenden Gespräch mit Markus Leineweber erzählte Hollerich, dass die Idee, nach Japan zu gehen, gegen Ende seines Noviziats im belgischen Namur durch den Brief eines Ordensbruders angestoßen wurde. Von seinen Oberen nach dem Noviziat zunächst wieder in Luxemburg eingesetzt, hatte er die Hoffnung schon fast aufgegeben, als ihn im Juli 1985 völlig überraschend ein Brief des Paters General erreichte, der ihm ankündigte, dass er im September nach Tokio aufbrechen werde.
Auf Leinewebers Frage, was ihm in dieser Zeit besonders wichtig geworden sei, antwortete der Kardinal: „Die Suche nach Harmonie.“ Denn Harmonie sei der oberste Wert in der japanischen Gesellschaft. Hollerich beschrieb die diffizile Kompromisssuche im Professorenkollegium der Universität, bei der jede direkte Konfrontation strikt zu vermeiden war, um die Harmonie nicht zu stören, als die Schule, in der er verstanden habe, wie die japanische Gesellschaft funktioniert. „Das war eine sehr gute Schule für die Synode“, meinte der Kardinal augenzwinkernd.
Gefragt nach seiner Rolle als Generalrelator der Weltsynode erklärte Hollerich, dass ihm seine Rolle zunächst auch nicht ganz klar gewesen sei. Man müsse wissen, dass der Synode „die größte Befragung, die es je in der katholischen Kirche gegeben hat“, vorausging. Die Arbeit habe daher schon 2021 begonnen, obgleich die erste Sitzung erst im Oktober 2023 in Rom stattgefunden hat. Seine Aufgabe als Generalrelator, so der Kardinal, habe zunächst darin bestanden, die umfangreichen Antworten komplett zu lesen, eine Mammutaufgabe, da alle Bischofskonferenzen bis auf drei die gestellten Fragen beantwortet hatten. Es habe dann naturgemäß lebhafte Diskussionen gegeben, nicht zuletzt beim Kapitel über die Frauen: „Es ist ja ganz klar, dass wir noch große Anstrengungen unternehmen müssen, damit die Frauen wirklich spüren, dass sie in der Kirche voll dabei sind“, sagte Hollerich unter dem Applaus der zahlreichen Besucher in der fast komplett gefüllten Gangolf-Kirche.
Der Kardinal machte zugleich deutlich, dass in der Weltkirche die Ansichten zu dieser Frage weit auseinander liegen: Während in Europa und Lateinamerika viele der Frauenweihe zuneigen, seien beispielsweise in Afrika andere Punkte thematisch: „Afrikanerinnen sagen: ‚Interessiert uns gar nicht. Wir wollen ernst genommen werden in der Gesellschaft und die Kirche soll bitte eintreten für die Rechte der Frauen in der Gesellschaft und in der Kirche, aber dafür muss ich nicht Priester sein.’“ Auf der Synode habe man sich entschieden, diese und andere Spannungen in der Weltkirche in das Bild des Zeltes zu fassen, „weil ein Zelt nur steht, wenn es Spannungen gibt. Also Spannungen nicht negativ sehen, sondern Spannungen als Chance sehen.“
Leo XIV. auf den Spuren von „Glaubensoptimist“ Franziskus
Papst Franziskus, den Hollerich als „Glaubensoptimisten“ bezeichnete, sei bei dem von ihm angestoßenen Prozess von einem „tiefen Glauben an den Heiligen Geist, der in der Kirche wirkt,“ getragen gewesen. Auch der neue Papst, Leo XIV., sei entschlossen, den synodalen Prozess weiterzuführen: „Er will, er möchte den Wandel zu einer synodalen Kirche haben, die partizipativ ist, die das Evangelium verkündet.“ Dazu gehöre der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit seitens einer Kirche, „die radikal im Dienst der Menschen steht.“ Es sei aber noch ein weiter Weg, sagte Hollerich, jeder müsse bei sich selbst anfangen, das merke er auch an sich selbst.
Von Leineweber nach den Spannungen im Kontext des deutschen „Synodalen Weges“ gefragt, meine Hollerich, er habe „nie die Sorge geteilt, dass es zu einem Schisma kommt.“ Er kenne die vom Synodalen Weg verabschiedeten Texte nicht im Detail, bedauere aber, „dass man es nicht geschafft hat, dass die ganze Kirche zusammen einen Weg gehen konnte.“ Er glaube indes, dass sowohl Rom wie auch die deutschen Bischöfe die Kultur des Hörens gelernt hätten. Zentral sei aus seiner Sicht, dass die Kirche vor allem von Gott spreche: „Wenn die Kirche nicht mehr von Gott spricht, wird sich kein Mensch mehr für sie interessieren.“ Christus müsse immer im Mittelpunkt stehen: „Das Spezifische des Christentums ist Christus. Wenn wir das nicht mehr ins Zentrum stellen, werden wir irgendein Verein“, so der Kardinal.
Stehe Christus im Mittelpunkt und richteten alle Christen den Blick auf Christus, so könne die Kirche gemeinsam voranschreiten, auch wenn manche vielleicht etwas weiter links, andere etwas weiter rechts von Christus schritten. Hinsichtlich der Einführung der Frauenweihe nur auf einem Kontinent äußerte Hollerich sich skeptisch. Bei einem solchen Vorgehen bestehe die Gefahr, die Kirche zu spalten. Er gab dabei auch zu bedenken, dass die von Europäern bisweilen latent gemachte Annahme, anderen Weltteilen voraus zu sein, dort als dünkelhaft wahrgenommen werde.
Zu Leinewebers Frage, was die Kirche bei bewaffneten Konflikten wie den Kriegen in der Ukraine und im Iran tun könne, sagte Hollerich, er glaube nicht, „dass der Heilige Stuhl in einzelnen Konflikten sehr viel ausrichten kann.“ Dass der Heilige Stuhl erfolgreich daran mitgewirkt habe, einen Gefangenenaustausch zu ermöglichen, sei bereits ein Erfolg. Dennoch müssten Christen immer wieder ihre Stimme erheben: „Wir müssen für Frieden eintreten, aber wir müssen auch wissen, dass unser Wort nicht immer gehört wird.“
Hoffnung in Gott und Solidarität mit den jüdischen Schwestern und Brüdern
Als Leineweber abschließend fragte, auf was wir hoffen dürfen, erwiderte Hollerich schlicht: „Unsere Hoffnung ist in Gott.“ Er versuche, stets mit Gott durch den Tag zu gehen. Wenn er in seinem bischöflichen Amt mit vielen Problemen konfrontiert sei, sei er froh, in seinem Haus eine Kapelle zu haben, die er aufsuchen könne: „Wenn ich mich kurz in die Kapelle hineinsetze, dann kann ich noch so niedergeschlagen sein, ich habe wieder Hoffnung.“ Die christliche Hoffnung auf die Auferstehung sei sinnstiftend, und die Christen seien privilegiert, diese Hoffnung zu haben, eine Hoffnung, die sie der Welt verkünden müssen.
Auf diese hoffnungsvolle Note hin sprach Hollerich den Vertreter der Jüdischen Kultusgemeinde Trier, Herrn Peter Szemere, direkt an, verlieh seiner Freude über die Anwesenheit eines Vertreters des Judentums Ausdruck und beendete seine Ausführungen unter erneut großem Applaus der Anwesenden mit einem flammenden Appell gegen Antisemitismus: „Es kann nicht sein, dass es in Europa nach all dem, was wir erlebt haben, wieder Antisemitismus gibt. Da müssen wir als Christen aufstehen, wir müssen uns zu unseren jüdischen Schwestern und Brüdern bekennen, ganz aktiv!“
Passend zu diesen Äußerungen des Kardinals wird am 2. Juni der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, in St. Gangolf zu Gast sein, wie Kaster in seiner Einführung ankündigte.

















