Notruf einer Generation: Altersarmut in RLP erreicht neuen Höchststand

Ein Projekt in Rheinland-Pfalz kämpft gegen die oft unsichtbare Krise der Senioren. Es ist nicht nur ein finanzielles Problem. Und meist sind Frauen betroffen.

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«Silbertaler» packt derzeit jede Woche 45 Lebensmittelboxen für ältere Menschen. Foto: Uwe Anspach / dpa

MAINZ. Alle wollen es werden, keiner will es sein: alt. Der Spruch ist vielleicht übertrieben, deutet aber auf ein zunehmendes Problem in der Gesellschaft hin – auch in Rheinland-Pfalz: auf Angst vor Armut und Einsamkeit im Alter.

«Wir dachten: alte Menschen, dafür interessiert sich keiner», sagt Griseldis Ellis. «Aber die Resonanz ist überwältigend. Die Menschen sind viel offener, empathischer und interessierter, als man ihnen oft zugesteht.»

Ellis muss es wissen. Mit ihrer Frau Christine Kienhöfer leitet sie seit 2021 in Rheinland-Pfalz das Projekt «Silbertaler» gegen Altersarmut. «Begonnen haben wir im Wohnzimmer in Speyer.» Heute betreibt die Beyond Unisus Stiftung unweit des Doms ein Büro, in dem derzeit jede Woche 45 Lebensmittelboxen gepackt werden. Frisches Obst, Gemüse und andere Grundnahrungsmittel werden zu Senioren gefahren, die noch zu Hause leben können.

Heidrun Koegler (r) will in der eigenen Wohnung bleiben, solange es geht. Foto: Uwe Anspach / dpa

Eine von ihnen ist Heidrun Koegler. «Sie verwöhnen mich so sehr», ruft die 81-Jährige schon im Treppenhaus Doris Walch zu, die das Essen bringt. «Ich bin früh sehr krank geworden und konnte nicht mehr voll arbeiten», erzählt Koegler. «Jetzt habe ich eine Minirente, und Frau Walsch und Silbertaler retten mich jede Woche. So kann ich mich versorgen und muss nicht ins Altersheim.» Das ist den Senioren besonders wichtig: in der eigenen Wohnung bleiben, solange es geht.

Die Scham, Altersarmut zuzugeben

Bedächtig räumen Koegler und Walch den Kühlschrank ein. «Es ist nicht nur das Essen», sagt die Rentnerin. «Der Kontakt mit Silbertaler, der Besuch von Frau Walsch: das sind in gewisser Weise auch Lebensmittel. Durch sie bekomme ich Mut und Kraft.» Viele Senioren würden sich schämen, Altersarmut zuzugeben, sagt Koegler. «Da will ich ermutigen, sich zu überwinden und etwas zu sagen.»

Die Altersarmut in Rheinland-Pfalz habe einen neuen Höchststand erreicht, hatte der Vorsitzende der Senioren-Union Rheinland-Pfalz, Karl-Heinz Totz, anlässlich der Veröffentlichung des Neunten Altersberichts zur Lage der älteren Generation mitgeteilt. «Aktuell ist jeder fünfte Rentner in Rheinland-Pfalz von Altersarmut bedroht und damit weit mehr als im Bundesdurchschnitt.»

Griseldis Ellis: «Begonnen haben wir im Wohnzimmer in Speyer.» Foto: Uwe Anspach / dpa

Die Armutsgefährdung der 65-Jährigen und Älteren im Bundesland liege dem Bericht zufolge bei 20,2 Prozent. «Rheinland-pfälzische Frauen sind mit 23,2 Prozent deutlich stärker von Armut bedroht als gleichaltrige Männer mit 16,6 Prozent», informiert die Senioren-Union.

Das Geld reicht oft nicht für den Friseur

Griseldis Ellis sitzt an diesem Tag im Büro in Speyer. Sie weiß noch, wie das mit «Silbertaler» anfing. «Wir haben in der Stadt einen Weihnachtswunschbaum eines Altersheims in Speyer gesehen, an dem bescheidene Wünsche hingen: Plätzchen, ein Rätselheft, eine Tüte Chips, ein Schal. Da ist kein Geld für die kleinen Freuden des Lebens, mal zum Friseur gehen oder neue Kleider.» Christine Kienhöfer nickt. «Wir sind dann einfach aktiv geworden. Auch, weil es einem selbst im Leben gut gegangen ist.»

Die Frauen sammelten zunächst Sachspenden und erkannten bald, dass der Bedarf größer ist als gedacht. Aus der Nachbarschaftsgruppe wurde so das Projekt «Silbertaler». Ellis und Kienhöfer gründeten die Organisation, leisteten die Anschubfinanzierung und fanden eine Projektleiterin und ehrenamtliche Helfer, um das Tagesgeschäft zu unterstützen. Die Stadt Speyer half, Kontakt zu Bedürftigen herzustellen.

Christine Kienhöfer: «Der Bedarf an Unterstützung ist viel größer als unsere momentane Kapazität.» Foto: Uwe Anspach / dpa

Die Stiftung finanziert sich nach eigenen Angaben mit Spenden und erhält Unterstützung von lokalen Unternehmen und Privatpersonen. Es gibt auch Kooperationen mit anderen gemeinnützigen Organisationen. «Gerne wären wir ein Modellprojekt, das in anderen Städten nachgeahmt werden kann», sagt Ellis. «Unsere Erfahrung und Infrastruktur kann helfen, ähnliche Projekte anderswo in Deutschland zu starten und damit flächendeckend Hilfe anzubieten.»

Wo Hilfe an Grenzen stößt

In Speyer betreut «Silbertaler» aktuell 145 bis 150 Menschen, die meisten davon Frauen und viele in Pflegeheimen. «Der Bedarf an Unterstützung ist viel größer als unsere momentane Kapazität», sagt Kienhöfer. «Allein in Speyer gibt es fast 500 Grundsicherungsempfängerinnen und mehr als 2.000 Menschen, die von Altersarmut betroffen sind. Durch Aktionen versuchen wir laufend, uns für diese Menschen sichtbarer zu machen und unser Angebot aufzustocken.»

Es bleibt nicht bei Lebensmittelboxen. «Silbertaler» hilft auch bei Behördengängen, organisiert schon mal Handwerker und häufiger neue Waschmaschinen und Küchengeräte. «Bei einem Umzug unterstützen wir beim Aussortieren persönlicher Gegenstände. Das sind Grenzfälle», schildert Ellis. Was wünscht sie sich? «Es wäre toll, wenn wir alle mehr Achtsamkeit zeigen und jeder nach seinen Möglichkeiten unterstützt, wo es gebraucht wird.» (Quelle: Wolfgang Jung (Text) und Uwe Anspach (Foto), dpa)

1 Kommentar

  1. Dieser Artikel über Altersarmut in RLP ist so rührselig und emotional aufgeladen, dass man meinen könnte, hier würde das Ende der Welt beschrieben. Doch bevor wir alle in Tränen ausbrechen und Gesellschaft und Staat für ALLES verantwortlich machen, ist es an der Zeit, die Dinge zu versachlichen. Deshalb möchte ich wieder einmal als kritische Stimme auftreten und zur Vernunft aufrufen. Ich muss mich hier einmal selbst loben, dass ich meine fundamentalen Erkenntnisse trotz der zahlreichen bösartigen Kritiker vorbringe, die man leider mangels elementarer Formularien nur schwerlich ernst nehmen kann, aber der ein oder andere Mitforist zeigt ja gewisse Fortschritte. Das alleine ist ermutigend und motivierend.

    Wir leben im besten Deutschland ALLER Zeiten! Das ist ja völlig unstrittig. Wer das bezweifelt, sollte jetzt mit dem Lesen aufhören. Dieses einmalige Privileg bringt aber auch Eigen- und Selbstverantwortung mit sich – insbesondere hinsichtlich der Absicherung für das Alter. Schauen wir uns doch einmal die aktuelle Situation etwas genauer an:

    Es gibt eine große Anzahl von Senioren, die gut von ihrer Rente oder Pension leben können. Sie reisen durch die Welt, besuchen regelmäßig Restaurants, kulturelle Veranstaltungen und geniessen ihren Lebensabend. Das sind diejenigen, die sich in ihrem Arbeitsleben aufgeopfert und jahrzehntelang bis an die Grenzen der Belastbarkeit geschuftet haben. Ein typisches Beispiel sind Beamte und Angehörige des öffentlichen/rechtlichen Fernsehens, die völlig verdient die Ernte für ihre jahrzehntelange Schufterei einfahren. Bravo! Diese ehemaligen Leistungsträger beweisen dass sich Leistung lohnt und honoriert wird. Ohne wenn und aber!!!!!

    Dann gibt es noch diejenigen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in der freien Wirtschaft gebummelt, gefaulenzt und locker ihre Zeit dort abgesessen haben. Diese lernen jetzt das Prinzip der Eigenverantwortung kennen. Ich finde es gut, dass unser Staat hier die hinlänglich bekannten Spielregeln einhält, nach dem biblischen Motto: „Was Du säst, wirst Du ernten…“.

    Wer zu faul/bequem/ignorant war, Vorsorge zu treffen, kann ja immer noch Eigeninitiative zeigen. Beispielsweise Pfandflaschen sammeln oder einfach weiterarbeiten. Wer will, der kann arbeiten – irgendwas geht immer. Diese Leute regen sich sogar darüber auf, wenn sie von ihren meiner Meinung nach viel zu üppigen Rentenzahlungen noch Steuern zahlen sollen. Das muss man sich mal vorstellen!

    Ein weiterer Aspekt: viele dieser Leute – natürlich nicht alle – sind eindeutig Abkömmlinge von Personen, die hierzulande in einer düsteren Zeit eine EWIGE Schuld auf sich geladen haben. Für alle Zeiten!!!!! Insofern ist doch jedem klardenkenden Menschen bewusst, dass die Strafe auch für deren Nachkommen und Nachnachkommen gültig sein muss. Strafe muss sein!!!!

    Die entscheidende Frage ist aber: Wie gehen wir als Gesellschaft mit der Thematik um? Ich selbst schaue immer darauf, wie unsere Herrschenden inklusive der angeschlossenen Behörden damit umgehen. Das ist zur Orientierung immer gut, da kann man einfach nichts falsch machen.

    Wie zuvor beschrieben zeigt unser Staat glasklare Kante! Alles hat im Leben seinen Preis, eben auch Bummelei und mangelnde Vorsorge. Das finde ich gerecht und ausgewogen. Das Leistungsprinzip muss vor allem in einer Demokratie immer gelten.

    Darüber hinaus müssen wir bedenken, dass wir als Gesamtgesellschaft vor sehr dringlichen zukunftsorientierten Aufgaben stehen. An dieser Stelle muss man eben auch knallhart die Wahrheit sagen: Renter und alte Menschen repräsentieren NICHT die Zukunft!!!!!! Das ist doch einfach zu verstehen.

    Wir müssen also Prioritäten setzen und vor allem den ankommenden Fachkräften bei der Ausbildung und Integration helfen. Diese Menschen sind unsere Zukunft und werden letztendlich die Renten auch für künftige Generationen absichern. Diese elementare Erkenntnis wird doch laufend von der Politik und seriösen Medien erklärt, was ist denn daran so schwer zu verstehen????? Ein weiterer für mich sehr wichtiger Aspekt: diese neu hinzukommenden Menschen haben auch historisch einen einwandfreien Leumund!!!!

    Zudem müssen wir ALLE helfen gravierende Missstände weltweit zu bekämpfen. Wir können nicht gleichzeitig die berühmten Radwege in Peru, genderbezogene Projekte in Bangladesch oder Afrika, Klimarettung und andere für die Deutschen wichtige Projekte finanzieren und gleichzeitig Leute durchfüttern, die es einfach versäumt haben, rechtzeitig vorzusorgen.

    Fazit: Es ist höchste Zeit, dass wir die Verantwortung dort belassen, wo sie hingehört – bei denjenigen, die ihr Leben lang nicht genug Eigeninitiative gezeigt haben. Wer heute im Alter arm ist, hat es sich selbst zuzuschreiben. Und wer das nicht akzeptiert, sollte Pfandflaschen sammeln oder einfach noch einmal in das Arbeitsleben einsteigen. Es ist übrigens auch wissenschaftlich belegt dass eine konkrete Aufgabe den Menschen aufrecht und fit erhält.

    Wer körperlich nicht mehr fit ist dem bleibt ja immer noch die Option zu betteln. Nach meinem Kenntnisstand ist Betteln ja nicht verboten, ganz sicher bin ich aber nicht. Vielleicht kennt sich einer der Mistforisten damit besser aus. Betteln wäre für körperlich Gehandicapte doch eine praktikable Option: frische Lust, Kontakt zu anderen Menschen u.s.w. Wer innovativ ist achtet darauf dass beim Betteln auch Kartenzahlung optional machbar ist, damit dokumentiert man direkt auch Innovation und Ideenreichtum. Natürlich muss bei dieser Tätigkeit darauf geachtet werden, diese Zusatzeinnahmen korrekt anzugeben.

    Also los und gut gelaunt in die Zukunft. Rosige Zeiten stehen denjenigen bevor die ihr Leben selbstständig und eigenverantwortlich in die Hand nehmen.

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