TRIER. Am gestrigen Sonntagabend fand am Theater Trier die Premiere von Benjamin Brittens Oper „Peter Grimes“ in einer Koproduktion mit der Opéra Grand Avignon statt. Gegenüber der Leistung von Sängern und Orchester, die zu überzeugen, streckenweise zu begeistern, vermochten, fiel die Optik der Inszenierung von Frédéric Roels etwas ab. Das Werk als solches ist indes eine echte Entdeckung für jeden, der es noch nicht kennt – und hätte mehr Zuschauer verdient gehabt.
Von Alexander Scheidweiler
Das Unerfreuliche zuerst: Schade, dass so viele Plätze bei der gestrigen Premiere von Benjamin Brittens Oper „Peter Grimes“ aus dem Jahre 1945, inszeniert von Frédéric Roels, im Großen Haus des Theaters Trier leer blieben. Woran lag’s? Vermutlich daran, dass die Moderne beim Opernpublikum halt doch nicht so zieht. Leider.
Nun ist der, der hier schreibt, ja selber ein Freund der (Spät-)Romantik und lässt sich gerne von den pathosgeladenen Klangwellen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in seligere Gefilde tragen, von Wagner über Massenet zu Richard Strauss. Indes: Man sollte als Musikfreund (und auch sonst) nie zu sehr im Saft der eigenen Primärpräferenzen schmoren und stattdessen auch mal über den Tellerrand persönlicher Vorlieben hinausschauen oder – in diesem Falle – hinaushören. Ab und zu wenigstens. Es müssen ja nicht immer die Gassenhauer von Puccini sein, die auch in Trier noch unlängst das Große Haus füllten (lokalo berichtete). So schön sie auch sind.
Gerade erst haben Charles und Camilla die Herzen der Deutschen im Sturm erobert, schwenkten Tausende in Hamburg den Union Jack und stand die bundesrepublikanische Staatsnation gefühlt kurz davor, kollektiv royalistisch zu werden – DIE britische Oper par excellence wird hingegen beinahe nur von den – frei nach Shakespeare – „happy few“ goutiert. Bedauerlich und umso erstaunlicher, als „Peter Grimes“ doch alles andere als ein hermetisches Werk modernistischer klanglicher Idiosynkrasien ist: Mag die um das Jahr 1830 angesiedelte Geschichte des Fischers und Außenseiters Peter Grimes, der, von der Dorfgemeinschaft im „Borough“ des Mordes verdächtigt, sich am Ende selbst richtet, auch tieftragisch sein, so sind Setting und Handlung doch geradezu volkstümlich und aufs Tiefste mit der Vita des heimatverbundenen Komponisten aus der ostenglischen Grafschaft Suffolk verknüpft. Hinter dem Fischerdorf, das, in Anlehnung an die gleichnamige literarische Vorlage des Arztes, Geistlichen und Dichters George Crabbe – Britten hielt sein Œuvre übrigens für ganz besonders englisch – eben einfach nur Borough (Gemeinde) genannt wird, zeichnen sich die Konturen von Brittens geliebtem Wahl-Wohnsitz, dem malerischen Aldeburgh an der Küste von Suffolk, ab, woselbst der Komponist das bis heute bestehende, renommierte Musikfestival aus der Taufe hob.
Vor diesem Hintergrund – englische Küstenlandschaft, dörfliches Setting, Handlungszeit à la Charles Dickens (dessen Gesellschaftskritik immer wieder durchzuschimmern scheint) – hat Brittens Librettist Montagu Slater burleske Straßen- und Pub-Szenen von Brueghel’scher Anschaulichkeit, Derbheit und Komik geschaffen. Zauberhaft in der Trierer Inszenierung etwa, wie Bürgermeister Swallow, gesungen von Karsten Schröter, beim Tanzvergnügen in der ersten Szene des dritten Aktes den beiden koketten Nichten (Silja Schindler und Einat Aronstein) der Wirtin Auntie (Hélène Bernardy) nachstellt.
Dabei ist die Partitur „tonal komponiert […], wenn auch zuweilen mehrdeutig“ und macht „nur wenige Anleihen bei einer Atonalität“, wie das gewohnt informative Programmheft des Theaters Trier treffend ausführt. Hinzu kommen die sechs orchestralen Interludien, wunderschöne musikalische Naturschilderungen, klangliche Landschafts- und Stimmungsbilder, in denen man noch ein wenig den Nachhall von Brittens Lehrer Frank Bridge und dessen großartiger Tondichtung „The Sea“ hören kann, die den jungen Britten tief beeindruckte und nachhaltig beeinflusste. Gerade bei diesen Interludien zeigt das Philharmonische Orchester der Stadt Trier unter Generalmusikdirektor Jochem Hochstenbach sein Können – besonders die Zwischenspiele eins und drei („Dawn“ und „Sunday Morning“) hätte man am liebsten gleich nochmal gehört.
Kann einem das nicht gefallen? Unvorstellbar, v.a. wenn eine Inszenierung wie die Trierer mit einem Peter Grimes aufwarten kann, der die ganze Tragik des Außenseiters und sein schicksalhaft zum Scheitern verurteiltes, verzweifeltes Ringen um die Anerkennung einer bornierten Dorfgemeinschaft mimisch und stimmlich so zum Ausdruck zu bringen weiß wie Thorsten Büttner. Schon in der Gerichtsszene des Prologes, in der Grimes vorgehalten wird, den Tod seines vormaligen Lehrlings William verursacht zu haben, legt er viel glaubwürdige Emotion das indignierte „‚Stand down‘ you say“, mit dem der zu Unrecht Beschuldigte fordert, dass die Wahrheit gehört werde. Später dann, in der zweiten Szene des zweiten Aktes, wenn Grimes sich eine bessere Zukunft mit der verwitweten Lehrerin Ellen Orford (Arminia Friebe) ausmalt, lässt er weiche, anschmiegsame Klangfarben aufscheinen, malt er ein musikalisches Idyll inmitten der meteorologischen, musikalischen und metaphorisch-schicksalhaften Stürme, die diese Oper durchbrausen („In dreams I’ve built myself a kindlier home / Warm in my heart and in a golden calm“ – „In Träumen baute ich mir freundlicheres Heim / Warm in meinem Herzen und in goldener Ruhe“). Fast meint man, wieder von ferne den sanfteren, südlicheren Klang Cavaliere Cavaradossi zu hören, den Büttner in der Tosca so hervorragend gesungen hatte.
Schließlich das Finale Furioso, wenn Grimes einsehen muss, dass es für ihn, der nunmehr den Tod seines zweiten Lehrlings John tatsächlich, wenn auch unabsichtlich, verursacht hat, keinen Ausweg mehr gibt, weil er das Dorf komplett gegen sich (aufgebracht) hat. Hier, im „Monolog des wahnsinnigen Grimes“, der „nur von den fernen Chorrufen nach ihm und einem Nebelhorn ‚begleitet‘ wird“, wie es im Programmheft heißt, legt sich Büttner schauspielerisch und als Sänger voll und ganz ins Zeug, zeigt uns einen Anti-Helden, der alle Kraft in einen großen, existenziellen Kampf gelegt hat und am Ende doch unterlegen, gebrochen ist. Ergreifend, wie er die Frage – ist es überhaupt eine? – „What harbour shelters peace / Away from tidal waves / Away from storms! / What harbour can embrace / Terrors and tragedies?“ („Welcher Hafen hält Frieden bereit / Weg von den Wellen der Gezeiten / Weg von den Stürmen! / Welcher Hafen kann umfassen / Schrecken und Tragödien?“) – mit sanfter Resignation und stimmlicher Einfühlsamkeit vorträgt, so dass man merkt, dass dieser Seemann den erhofften, sicheren Hafen nicht mehr erreichen kann, nicht mehr erreichen wird.
Es bleibt dem alten Seebären Balstrode – gesungen von Roman Ialcic und neben Ellen Orford der einzige, der zu Grimes gehalten hatte – nur noch, Grimes zu raten, seinem Leben ein Ende zu setzen, indem er mit seinem Fischerboot hinausfährt und es versenkt. Und Ialcics „D’you hear? Sink her.“ ist dabei von erschütternder Eindringlichkeit und Endgültigkeit.
Aber auch Friebe als Ellen Orford weiß zu überzeugen, bildet den mütterlich-femininen Gegenpol zu dem ruppigen Seemann Grimes, der trotzig ankündigt, das Meer leerfischen und seinen Kritikern das Maul stopfen zu wollen und der schließlich den zweiten Lehrling so antreibt, dass dieser sich zu Tode stürzt. So hat Friebe einen ganz großen Auftritt in der ersten Szene des zweiten Aktes, der Sonntagsszene, als sie mit dem Knaben John auf dem Hafendamm Platz nimmt, während die Dorfbewohner am Gottesdienst teilnehmen – wobei der Hafendamm im Trierer Bühnenbild, über das noch zu sprechen sein wird, eher ein hölzerner Anleger oder Steg ist. Wie Friebe sich in dieser Szene schon rein gestisch, mimisch und habituell dem Kind zuwendet, sich um den Jungen, der bei dem harten Fischer in die Lehre geht, bemüht, darin liegt eine fast berührende Warmherzigkeit, eine Wärme, die sie auch stimmlich zu transportieren weiß, gemischt mit leiser Melancholie, wenn sie auf ihre Zeit als Lehrerin reflektiert und auf die Einblicke in Kinderseelen, die sie so gewann: „When first I started teaching / The life at school to me seemed bleak and empty / But soon I found a way of knowing children – / Found the woes of little people / Hurt more, but are more simple.“ („Als ich zu unterrichten begann, / Schien das Leben an der Schule öd und leer / Doch bald fand ich einen Weg, Kinder kennenzulernen – / Stellte fest, dass die Nöte kleiner Menschen / Schmerzhafter, aber einfacher sind.“) Auch die Embroidery Aria des dritten Aktes meistert sie souverän.
Doch so schön das alles gespielt und gesungen ist, eines muss man dann doch kritisch anmerken: Optisch hätte man schon etwas mehr machen können. Eigentlich müssen. Der soßige Wolkenhintergrund des Bühnenbildes von Bruno de Lavenère verändert sich über knapp drei Stunden fast gar nicht und wirkt einfach nur einfallslos. Ab und zu zucken ein paar Blitze, hin und wieder dürfen die Wolken sich rot färben, wenn’s mal etwas Dramatischer wird. Aber sonst: Immer der gleiche wolkige Einheitsbrei. Zudem scheint an der Britten’schen Küste ein Riese aus einem Kinderbuch von Roald Dahl vorbeigekommen und ein Müllsack an den Strand geschmissen zu haben: Eine riesige, dunkle Plastikplane liegt mitten auf der Bühne und wird bisweilen an Seilen in unterschiedliche, mehr oder weniger amorphe Gestalten gebracht, schwebt auch das ein oder andere Mal herum wie ein trauriges Schlossgespenst oder Phantom der Oper, z.B. um das vom Sturm bewegte Meer zu veranschaulichen. Auf diese Monstrosität hätte man getrost verzichten können! Die englische Sprache hat für dergleichen Scheußlichkeiten einen sehr sprechenden Begriff: „eyesore“ – „Augenschmerz“.
Dass ferner die erwähnten hölzernen Bootsanleger einfach alle Handlungsorte veranschaulichen sollen, ist zudem ein bisschen wenig. Man kann nicht erwarten, dass das gesamte Publikum die Handlung einer dann doch nicht so oft gespielten Oper in- und auswendig kennt – ein paar optische Hinweise darauf, ob man sich gerade im Gerichtssaal, in einer Kirche, auf der Straße, am Hafen oder im Pub befindet, wären hilfreich. Und ggf. auch hübsch anzusehen. Bei den Kostümen von Lionel Lesire ist ebenfalls so recht keine Linie erkennbar: Apotheker Ned Keene (André Baleiro) trägt zwar einen weißen Kittel und Balstrode-Ialcic hat eine Kapitänsmütze auf, aber irgendwie wirkt das alles mehrwürdig ort- und zeitlos, was bei einer so eindeutig, dezidiert und symbolhaft räumlich und zeitlich klar verorteten Oper schade ist.
Doch sei’s drum. Die Leistung der Sänger und des Orchesters vermochten zu überzeugen, streckenweise zu begeistern, das Werk als solches ist eine echte Entdeckung für jeden, der es noch nicht kennt, und verdient Beachtung – und v.a. mehr Zuschauer und -hörer. Es ist lobenswert, dass das Theater Trier mit „Peter Grimes“ nach „The Rakes Progress“ in dieser Spielzeit eine weitere Oper der Moderne auf die Bühne gebracht hat. Es gibt ja schließlich nicht nur Puccinis Gassenhauer.
weitere Termine: 15.4., 28.4., 9.5., jeweils 19.30 Uhr und 11.6., 16.00 Uhr















