TRIER – Wie lässt sich Artenvielfalt im städtischen Raum gezielt fördern – ohne große Zusatzkosten und mit langfristigem Nutzen? Valentin Benzkirch, Mitarbeiter bei StadtRaum Trier und zuständig für die Stadtbäume, erläutert dies in einem Beitrag, den er in ähnlicher Form für ein Fachmagazin geschrieben hat. Darin beschreibt er, wie Trier Naturschutz in der Stadt konkret umsetzt.
Als älteste Stadt Deutschlands verbindet Trier historisches Erbe mit modernen Ansätzen im Stadtgrünmanagement. Rund 79 Prozent der Gesamtfläche sind Grünflächen, der Baumbestand umfasst etwa 95.000 Exemplare. Dieses Potenzial nutzt die Stadt gezielt zur Förderung der Biodiversität.
Ein besonderer Fokus liegt hierbei auf der Baumpflege als zentralem Element städtischer Nachhaltigkeitsstrategien. So ist etwa Totholz, das bei der Baumpflege anfällt, viel mehr als nur ein Stapel Äste. Die Anlage von Totholzinseln, die mittlerweile über die ganze Stadt verteilt sind, bringt vielfältige ökologische und praktische Vorteile mit sich. Anfallendes Holz und Äste werden direkt vor Ort belassen, was kurze Wege und damit eine CO2-Ersparnis ermöglicht. Zudem reduziert sich der Arbeitsaufwand. Die Haufen werden mit haltbaren Robinienpfählen eingefasst. So entsteht eine feste, sichtbare Struktur, die dauerhaft bestehen bleibt. Mit geringem Aufwand entstehen Rückzugsorte für Insekten, Vögel und Kleinsäuger – ein aktiver Beitrag zum Artenschutz und zur Förderung der biologischen Vielfalt im Stadtgebiet. In Trier gibt es derzeit rund 620 Totholzhaufen als Habitatbereiche. Durch die Beschilderung als „Totholzhabitat“ und ergänzende Schilder wird die Funktion dieser Lebensräume sichtbar gemacht.
Hochstubben und Baumhöhlen – wertvolle Strukturen erhalten
Baumstümpfe von unterschiedlicher Länge, auch Hochstubben genannt, stellen wertvolle ökologische Strukturen dar und dienen zahlreichen Tierarten als Brut- und Niststätte. Sie bieten Lebensraum für seltene Käferarten sowie weitere auf Totholz spezialisierte Organismen. Besonders lebendes, stehendes Totholz ist von großer Bedeutung für den Artenschutz, da es vielfältige Habitatstrukturen wie Höhlen und Risse bildet. Dort finden viele Tiere ihren Lebensraum. Dazu gehören seltene und gefährdete Käferarten wie der Eremit, aber auch zahlreiche Wildbienen und Wespenarten. Hinzu kommen Fledermäuse, Vögel sowie Kleinsäuger, die die Strukturen als Quartier, Brutplatz oder zur Nahrungssuche nutzen.
Artenschutz in der Praxis – Tiere im Stadtgebiet
Bei der Baumpflege liegt der Fokus in Trier auf dem Schutz von Arten, die Bäume und ihr Umfeld als Lebensraum nutzen. Dazu gehören Eichhörnchen, Höhlenbrüter, Wildbienen, Greifvögel, Hirschkäfer, Nashornkäfer, Reptilien, verschiedene Eulenarten und Fledermäuse. Alte Bäume, Totholz und Baumhöhlen sind dabei besonders wichtig. Durch naturnahe Pflege, den Verzicht auf Fällungen in der Brutzeit sowie die Einhaltung der Baumschutzsatzung werden diese Lebensräume bewahrt und die Arten langfristig gefördert.
Biologische Schädlingsregulierung – Erfolg ohne Chemie
Wie eine biologische Schädlingsregulierung ohne den Einsatz von Chemie gelingen kann, zeigt die Stadt bei der Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners, dessen feine Härchen starke allergische Reaktionen und Atemwegsprobleme auslösen können. Seit sechs Jahren setzt die Stadt erfolgreich auf eine nachhaltige und naturnahe Methode: Anstelle von Insektiziden, deren Einsatz im Stadtgebiet verboten ist, werden natürliche Fressfeinde wie Meisen, Spatzen, Amseln und Stare gezielt gefördert. Dazu wurden inzwischen über 3000 Nistkästen im gesamten Stadtgebiet angebracht – insbesondere an Eichen und in deren direktem Umfeld. Ergänzend unterstützen Insektenhotels und Lebensräume für Florfliegen die biologische Regulierung des Schädlings. Das begleitende Monitoring belegt eine Nistkastenbelegung von rund 82 Prozent. Der Befall von Stadteichen durch den Eichenprozessionsspinner konnte spürbar reduziert werden.
Sichere Querung – Eichhörnchenbrücken
Ein schönes Beispiel in Sachen Tierschutz sind die Eichhörnchenbrücken: Um die Zahl der überfahrenen Tiere zu verringern, setzt die Stadt seit einigen Jahren erfolgreich sogenannte Eichhörnchenbrücken ein. Diese werden aus robustem Schiffstau gefertigt und in etwa sechs Metern Höhe über stark befahrene Straßen gespannt. Die flinken Tierchen nutzen sie dann, um gefahrlos die Straße zu überqueren. Bislang konnten bereits fünf Brücken eingerichtet werden (zwei in der Oswald-von-Nell-Breuning-Allee, zwei An der Härenwies und eine am Friedhof Biewer). Weitere sind an folgenden Standorten geplant: Kohlenstraße, Aulstraße, Hans-Böckler-Allee, Spitzmühle, Im Avelertal, Sickingenstraße, Gustav-/Heinemann- und Hunrückstraße. Die Ergebnisse sprechen für sich: An den Standorten mit Eichhörnchenbrücken werden nahezu keine überfahrenen Tiere mehr gefunden. Monitoring-Projekte belegen außerdem, dass die Tiere die Brücken regelmäßig nutzen.
Stadtwildnis wagen
Die Stadt setzt mit dem Konzept der Naturverjüngung auf eine nachhaltige Form der Stadtentwicklung. Darunter versteht man den Prozess, bei dem sich ohne menschliche Pflanzung von selbst ein junger Wald entwickelt. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Größe der Fläche: Je größer eine Wiese ist, desto stabiler und vielfältiger kann sich das Ökosystem entwickeln. Bereits auf kleinen Flächen ab 200 Quadratmetern lassen sich wertvolle Naturprozesse beobachten – ab 500 bis 1000 Quadratmetern entsteht ein spürbarer Wald, während größere Flächen eine deutlich höhere ökologische Wertigkeit haben. Für die Entwicklung solcher Flächen eignen sich besonders heimische Pionierarten wie Birke, Weide, Vogelbeere oder Erle. Sie wachsen schnell und bereiten den Boden für spätere, anspruchsvollere Baumarten wie Buche, Eiche oder Ahorn vor. Auf diese Weise entsteht ein Naturraum, der mitten im urbanen Umfeld einen Rückzugsort für Tiere, Pflanzen und Menschen schafft. Dieses Konzept wird als „Stadtwildnis“ bezeichnet und verleiht Trier ein Stück ursprüngliche Natur. Zu finden ist es beispielsweise auf Flächen am Mattheiser Weiher, im Nells Park und am Krahnenufer.
Die zeitliche Dimension ist langfristig angelegt: Bis eine Fläche den Charakter eines jungen Waldes trägt, vergehen je nach Standortbedingungen etwa 10 bis 20 Jahre. Bis ein geschlossener, artenreicher Wald entsteht, können 40 bis 80 Jahre ins Land gehen. Doch der Gewinn für Natur, Klima und die Lebensqualität Menschen ist von bleibendem Wert.















