TRIER. Der aus Belgien stammende Theologe und Buchautor Petrus Ceelen hat mit „Denk Zettel. Aus meiner bunten Lebensbibel“ eine Sammlung mit kurzen spirituellen Meditationen zu vielfältigen Themen verfasst, Themen so bunt wie das Leben, das die Lebensbibel geschrieben hat – geistliche Aphorismen, die mal heiter, mal melancholisch, mal besinnlich, mal provokant, mal augenzwinkernd sind. Ein bemerkenswertes Buch, das als Lektüre zur Reflexion in der nun beginnenden Fastenzeit bestens geeignet ist.
Von Alexander Scheidweiler
Eigentlich wollte seine Mutter, dass er Paul heiße, so erzählt der aus Belgien stammende Theologe Petrus Ceelen in der biographischen Einleitung seines spirituellen Aphorismen-Bandes „Denk Zettel. Aus meiner bunten Lebensbibel“. Doch als sein Vater sich zum Rathaus seiner Heimatstadt Lommel in Flandern aufmachte, um den Namen offiziell eintragen zu lassen, ging er vorher aus Freude über die Geburt des Sohnes mit dem „Nachbarn Jan noch ein Pintje Bier auf seinen Sohnemann trinken“:
„In unserer Straße, der Lepelstraat, gab es nicht weniger als 18 Wirtschaften. Nach seiner Kneipentour muss er dann auf dem Rathaus wohl die Apostel Petrus und Paulus verwechselt haben, denn er gab an, sein Sohn soll Petrus heißen. ‚Ein schöner Name‘, sagte der Standesbeamte und auch Jan war voll dafür.“ Freilich war seine Mutter weniger erbaut, als sie davon erfuhr. Allein es wurde zwar einmal aus einem Saulus ein Paulus, nicht aber aus einem Petrus. So blieb der Fischer-Apostel sein Namenspatron – und auch aus ihm wurde ein Menschenfischer.
Später verschlug es Ceelen nach Deutschland, genauer zunächst nach Rheinland-Pfalz: Mehrere Jahre war er in Priesterseminaren in Mainz und Speyer, bevor ihm klar wurde, „dass ich zum Zölibat nicht geschaffen bin und ohne Frau nicht leben kann.“ Als verheirateter Laientheologe wirkte Ceelen 16 Jahre lang als Seelsorger im Gefängniskrankenhaus Hohenasperg bei Ludwigsburg und danach von 1992 bis 2005 als Seelsorger für HIV-Infizierte und Aidskranke im Großraum Stuttgart. Er war damit der erste Aids-Seelsorger einer deutschen Diözese – eine seelsorgerliche Tätigkeit in echter Christus-Nachfolge, im Dienste von Menschen am Rande der Gesellschaft: „Im Gefängnis, bei den Ausgeschlossenen, bin ich Jesus nährgekommen als durch mein Theologiestudium. Im Bunker, in der Isolierzelle, habe ich ihn sagen hören: ‚Ich war gefangen und du bist zu mir gekommen.‘“
Freilich stieß diese Tätigkeit in der „gutbürgerliche[n], geschlossene[n] Gesellschaft“ auch auf Vorbehalte, doch: „[N]ichts ist schlimmer als sterben zu müssen, ohne sein Leben gelebt zu haben. I did it my way“, schreibt der Mann, der in den Medien als „Stuttgarter Aidspfarrer“ berühmt wurde. So erklärt sich auch der Haupttitel des Buches – Denk Zettel statt Zettel am großen Zeh. In der als Dialog mit dem Namenspatron gestalteten Einleitung setzt der 79-Jährige Autor sich mit der eigenen Endlichkeit auch deshalb auseinander, weil nicht nur seine Frau, mit der er 52 Jahre lang verheiratet war, an Krebs verstorben ist, sondern auch bei ihm die Krankheit diagnostiziert wurde. Doch selbst das Aufleuchten der tieferen Erkenntnis eigener Sterblichkeit in der Krankheit kann einen spirituellen Weg eröffnen, vermag den geistlichen Sinn zu schärfen: „Jetzt erst nehme ich richtig wahr, wie unsere Sternmagnolie im Garten ihre Blüten öffnet. Jetzt gerade in dieser Karwoche. Nach Karfreitag kommt Ostern … Im Tod blüht uns das Leben. Geheimnis des Glaubens.“
Es ist eine Botschaft, durch die das im vergangenen Jahr erschienene Buch besonders in die heute beginnende Fastenzeit passt, als Lektüre für eine Zeit der Einkehr, der Besinnung, des Zu-Sich-Selbst-Kommens – und ja, auch der Reflexion auf das alte, tiefgründige Kohelet-Motiv des Windhauches, der Vergänglichkeit allen irdischen Seins. Denn der Untertitel „Aus meiner bunten Lebensbibel“ verweist darauf, dass die in dem Buch enthaltenen Texte jeweils kleine Meditationen über diejenigen Bibelstellen sind, die Ceelen in seinem Leben besonders begleitet und bewegt haben. Meditationen, die den unterschiedlichsten Gestimmtheiten eine Stimme geben, allen Gestimmtheiten, die sich in die bunte Lebensbibel Ceelens eingeschrieben haben – mal heiter, mal melancholisch, mal besinnlich, mal provokant, mal augenzwinkernd.
Wenigstens ein Aphorismus sei zur Gänze zitiert, der allererste, eben derjenige, der programmatisch das Kohelet-Wort vom Windhauch meditiert:
Windhauch
Etwas ist unterwegs, hieß es,
als wir noch im Schoß unserer Mutter waren.
Und als wir dann durch den Geburtskanal zur Welt kamen,
hatten wir schon einen langen Weg hinter uns.
Ungefragt wurden wir in die Welt gesetzt.
Ungefragt müssen wir auch wieder gehen.
Unbeantwortet die Frage: Wozu sind wir unterwegs?
Wir denken, überdenken, hinterfragen:
Was ist der Sinn?
Wir sinnen nach, spinnen Hirngespinste.
Alles nur gesponnen.
Der Themen, die die Ceelen’schen Mini-Meditationen abdecken sind vielfältig und geben Vieles zu denken, echte Denk-Zettel eben – dass wir Menschen die menschliche Nähe brauchen, da wir nicht vom Brot allein leben („Nötiger als Brot“), daß Konsum am Ende nicht satt macht – „Volle Kaufhäuser, volle Taschen, / volle Teller, volle Kühlschränke. / Und trotzdem bleibt eine Innere Leere.“ („Satt ist nicht genug“), dass der Zerfall des christlichen Glaubens in die Ersatzreligionen führt („Ver-rückt“), dass die vermeintlich antiquierte Institution der Ehe ihre Vorzüge hat („Zeit genossen“), dass sowohl das Lachen wie auch das Weinen ambivalent sind („Liebe Lacherin und Lacher“ und „Weinen können“). Mit mehreren wunderschönen Vignetten illustriert hat das Buch der Künstler Karl Bechloch, der schon einige der früheren Bucher Ceelens bebildert hat.
Noch ein Exempel sei gegeben, die in den Augen des Rezensenten schönste Meditation des Bandes. Sie hat die seelische Verfasstheit zum Gegenstand, die in reiner Form wohl nur von großen monastischen Heiligen und mystischen Kirchenlehrern wie Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz erreicht wird. Der Bibelvers, auf den sie sich bezieht, ist 1. Tessalonicher 4,11: „Sehet eure Ehre darin, ruhig zu leben, euch um die eigenen Aufgaben zu kümmern“:
Innere Ruhe
Ruhig leben,
in sich selbst ruhen,
kein anderer sein wollen,
niemandem nacheifern.
Den eigenen Weg
täglich weitergehen
und immer wieder
in Ruhe zu sich kommen.
Die eigenen Aufgaben
sich zu Herzen nehmen,
seine Berufung erfüllen:
dazu sind wir auf der Welt.
Petrus Ceelen. „Denk Zettel. Aus meiner bunten Lebensbibel.“ Verlag Dignity Press, 144 Seiten, €18,95.




















