Grasmilben als Täter für juckende Stiche? Trierer Professor widerspricht und hält Plädoyer für “unschuldig Angeklagte”

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Der Biss der Grasmilbe löst juckende Hautreizungen aus. Foto: Friso Gentsch/dpa/Symbolbild

TRIER. Mitte Juni wurden viele Triererinnen und Trierer plötzlich und heftig von nahezu unsichtbaren Plagegeistern gequält, zahlreiche juckende Stiche waren die Folge.

Örtliche Medien berichteten und die Schuldigen waren auch schnell ausgemacht – Grasmilben! Doch auch für kleine Spinnentiere gilt: Im Zweifel für die Angeklagten! Der Trierer Biologe und Zoologe Professor Dr. Jobst Meyer von der Universität Trier hegte von Anfang an erhebliche Zweifel an der “Grasmilbenhypothese” und legt in einem “Plädoyer für die Grasmilbe” die Gründe für seine Zweifel dar.

Zu der Hypothese, Grasmilben hätten die Quaddeln bei den Trierern verursacht, wollen einige Beobachtungen überhaupt nicht passen, so Professor Jobst Meyer.

So traten die Stiche bevorzugt an exponierten Hautstellen auf, vornehmlich waren die Unterarme und Beine betroffen. Das jedoch ist völlig untypisch – nahezu ausgeschlossen – für Grasmilben, die sich feuchte Stellen mit dünner Haut für ihre Stiche aussuchen, insbesondere sind dies die Achselhöhlen, der Schambereich sowie die Haut unter dem Gürtel, jedenfalls immer Hautstellen unter der Kleidung. Auch waren Leute zerstochen, die in der Stadt auf Gehwegen spazierten und beteuerten, weder Wiesen noch Rasen betreten zu haben. Ein massenhaftes Auftreten Ende Juni ist zudem für Grasmilben zu früh im Jahr, die Saison fängt für sie eigentlich jetzt erst an (sie werden ja auch nicht ohne Grund „Herbstmilben“ genannt und sie tragen den Herbst auch in ihrem lateinischen Artnamen („Neotrombicula autumnalis“).

Und wenn sie auftreten, sind Grasmilben für längere Zeit präsent, man hat üblicherweise von Juli bis September mit ihnen zu kämpfen. Das fragliche Ereignis in Trier dauerte jedoch nur wenige Tage an. Grasmilben sind hell und mit dem bloßen Auge so gut wie nicht zu erkennen; die roten Tierchen, die man bei einer Internetsuche zum Stichwort „Grasmilben“ findet und mit denen auch einer der Zeitungsberichte bebildert war, zeigen denn auch keine Grasmilben, sondern die Larven („Nymphen“) der völlig harmlosen Roten Samtmilbe (Trombidium holosericeum). Diese Nymphen werden mancherorts auch „Steinläuse“ genannt, da sie gern und massenhaft auf besonnten Steinen und Terrassenplatten herumwuseln. Sie sind, wie auch die erwachsenen Samtmilben, jedoch völlig harmlos und stechen nicht.

Alles weist darauf hin, dass die „Schuldigen“ in diesem Fall keine Grasmilben waren, sondern winzige Gnitzen aus der Familie Ceratopogonidae, auch „Bartmücken“ genannt. Von den Gnitzen gibt es zahlreiche Arten, einige davon sind nur etwa einen Millimeter groß und so in der Abenddämmerung, ihrer Hauptaktivitätszeit, weder optisch noch akustisch wahrzunehmen. Diese Mücken können beim Vieh die Blauzungenkrankheit übertragen. Ihre Larven entwickeln sich im Wasser oder in feuchter Erde. Für einige Gnitzenarten wurde in der Fachliteratur ein synchronisierter Massenschlupf beschrieben, was ebenfalls sehr gut zu ihrem heftigen, aber kurzen Auftreten in Trier passen würde.

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