Übervolle Arztpraxen: Kinder haben nach Corona mehr Infekte

Viele Jungen und Mädchen sind in der Pandemie von Kinderkrankheiten verschont geblieben. Das hat sich völlig verändert und sorgt zusammen mit Personalmangel für übervolle Arztpraxen.

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Fieberthermometer und Tee stehen neben einem kranken Kind. Foto: Annette Riedl/dpa/Illustration

MAINZ. Corona ist für viele zwar kein großes Thema mehr – aber andere Infektionskrankheiten bei Kindern nehmen Fachleuten zufolge deutlich zu. Nach Einschätzung der Barmer-Krankenkasse drohen rheinland-pfälzischen Kindern gar «massive Infektionswellen bei klassischen Kinderkrankheiten».

Der Landesverband der Kinder- und Jugendärzte sieht dagegen normale Nachholeffekte, aber sehr volle Praxen. Ärzte und Krankenkassen appellieren an Eltern, auf Händewaschen, Hygiene-Regeln und Impfungen zu achten.

«Die Erfahrungen aus der Pandemie und dem vergangenen Jahr lassen vermuten, dass wir uns erneut auf Infektionswellen bei Kinderkrankheiten einstellen müssen», sagt Ministerialdirektor Daniel Stich (SPD) aus dem Gesundheitsministerium. «Es ist ganz logisch, dass durch das disziplinierte Verhalten während der Coronawellen auch andere Infektionskrankheiten auf Abstand gehalten wurden.»

Das Ministerium stehe in engem Austausch mit der Ärzteschaft, damit die medizinische Versorgung im Land gewährleistet bleibe. «Wichtig ist auch, dass wir uns alle daran erinnern, was wir über Hygieneregeln in der Pandemie gelernt haben. Vor allem gilt: Wer krank ist, bleibt zu Hause, um sich und andere zu schützen.»

Die Zahl der Scharlachinfekte beispielsweise sank nach der Erhebung der Barmer Kasse bei Kindern von mehr als 12.600 im Jahr 2019 um etwa 87 Prozent auf fast 1700 im Jahr 2021. Der Rückgang sei zwar eine gute Nachricht. «Ärzteschaft und Politik haben aber in diesem Jahr auf eine massive Zunahme von Scharlachinfektionen hingewiesen, die wir als intensive Nachholeffekte deuten», sagt die Landesgeschäftsführerin der Krankenkasse, Dunja Kleis.

Die AOK stellt auch fest: «Es ist ein Trend des Rückgangs von Kinderkrankheiten in der Corona-Pandemie erkennbar.» Die Zahl der Scharlachinfekte bei Kindern in der Gruppe von beispielsweise vier Jahren sei zwischen 2019 und 2021 um rund 90 Prozent gesunken, sagt die Vorstandsvorsitzende der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland, Martina Niemeyer. «So ging auch die Infektion mit Windpocken bei den Sechsjährigen zurück – um annähernd 60 Prozent.» Es sei davon auszugehen, dass – ähnlich wie bei den allgemeinen Infektionskrankheiten bei Erwachsenen – mit den wieder zugenommenen Kontakten ein gewisser Nachholeffekt bestehen werde.

Solche Effekte mit hohen Fallzahlen seien nach dem Ende der Kontaktbeschränkungen in der vergangenen Saison 2022/2023 außer für Scharlach beispielsweise auch schon für Influenza (Grippe) und das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) beobachtet worden, sagt Ministerialdirektor Stich. «Bei der Mehrheit der Infektionskrankheiten ist anzunehmen, dass sich die Anzahl der Erkrankungen im Verlauf wieder auf das prä-pandemische Niveau einpendeln wird.»

Bei Keuchhusten und Windpocken sei nach einem Rückgang während der Pandemie gerade schon wieder ein Anstieg zu beobachten, berichtet Jörn Simon, Leiter der rheinland-pfälzischen Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK). «Bei beiden Erkrankungen handelt es sich um Infektionen, die sich durch eine Impfung vermeiden ließen», sagt Simon. «Blickt man auf die Maserninfektionen, verzeichnete das RKI während der ersten Halbjahre von 2021 bis 2023 keinen einzigen Fall – gewiss eine Auswirkung des Masernschutzgesetzes, das im März 2020 in Kraft trat.»

Kinderarzt Christian Neumann aus Zweibrücken sieht nach eigenen Angaben derzeit rund 100 Kinder am Tag. «Wir hatten letzten Winter schon erhebliche Infektionswellen deutlich über dem Niveau vor der Pandemie», sagt der rheinland-pfälzische Sprecher des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte. «Das wird in diesem Winter wieder genauso, ob es so viele werden wie im Vorjahr oder etwas weniger, lässt sich nicht seriös prognostizieren.» Scharlach gebe es dieses Jahr bereits mehr als sonst, auch die Hand-Fuß-Mund-Krankheit, Mundfäule und Durchfallerkrankungen seien etwas häufiger.

Die Mainzer Kinderärztin Anke Wenzel stellt seit Mai eine Häufung von Infektionskrankheiten über das saisonal übliche Maß hinaus fest. Eine Reihe von Infektionskrankheiten, die sonst im Winter vorkomme, habe sich auf den Sommer verlegt und typische Sommererkrankungen wie die Streptokokken-Angina kämen noch dazu. Viele Kinder holten bei ihrer Immunisierung jetzt nach, was sie in der Corona-Zeit durch die Einschränkungen ausgelassen hätten. Dies zeige sich beispielsweise beim Drei-Tage-Fieber, das normalerweise im ersten und zweiten Lebensjahr, jetzt aber häufig auch im dritten Lebensjahr auftrete, sagt Wenzel, die auch erste stellvertretende Landesvorsitzende des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte ist.

In einem zwölfstündigen Notdienst am Wochenende habe sie im dritten Quartal dieses Jahres 87 junge Patienten gezählt, im vergangenen Jahr seien es 73 gewesen, davor 38 (2021), 24 (2020) und vor der Pandemie im zweiten Quartal 2019 nur 50, sagt Wenzel

Zu diesem Effekt komme der «zunehmenden Personalmangel», viele Kinderarztpraxen seien infolgedessen überfüllt, sagt Wenzel. Eltern müssten daher Geduld haben und sollten auch nicht «wegen jedem Firlefanz kommen». Wichtig sei es, vor einem Arztbesuch darauf zu achten, wie es dem Kind gehe, «ob es noch spielt, trinkt – und ob bei Kleinkindern die Windel mehrmals am Tag voll ist».

Ihr Kollege Neumann sieht auch einen immer größeren Personalmangel. Viele Kinder würden zudem überflüssigerweise zur Abklärung in die Praxen geschickt. Eltern hätten aber oft gar keine andere Wahl, weil sie ein Attest bräuchten; andere seien von eigener Recherche im Internet verunsichert.

Und auch wenn die Coronaschutzmaßnahmen vorbei sind, gründliches Händewaschen – am besten eine halbe Minute lang – sei als Prävention ganz wichtig, sagt Wenzel. «Vor dem Essen, nach der Toilette und wenn man von draußen kommt, etwa vom Einkaufen.» (Quelle: Ira Schaible, dpa)

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8 Kommentare

  1. Ich arbeite seit 38 Jahren im Gesundheitswesen. Kritische Ärztinnen und Ärzte hatten genau vor dieser Entwicklung schon beim ersten lockdown gewarnt und wurden mundtot gemacht! Dazu kommen die massiv gestiegenen Zahlen an psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter ohne genügend therapeutische Versorgung! Es ist eine ungesunde Entwicklung, der besonders die Kleinsten schutzlos ausgeliefert sind, wenn man zusätzlich die gewünschte Verwirrung der Geschlechter mit dazu zählt. Anstatt noch mehr Impfungen und Desinfektion wäre es wünschenswert, wenn Eltern endlich aus der Angst in die Eigenverantwortung kommen, den Fernseh-, Handy- und Internetkonsum für alle auf ein Minimum reduzieren und ihre Kinder wieder im Dreck spielen lassen, anstatt an die Pseudogesundheit eines kranken Systems zu glauben! In der Natur gibt es alles, was der Mensch braucht, um gesund zu sein!

    • Danke auch von meiner Seite! Sie liegen in allem was sie schreiben richtig. Wie kann es nur sein, das immer noch die Mehrheit – trotz allen Tatsachen – meint, auf der Wahrheitsseite zu stehen?!

  2. Selber schuld und kein Mitleid.
    Weder meine Kinder noch wir haben uns an irgendwelche Coronaquatschmassnahmen gehalten und wir sind stolz darauf.

  3. Gunter Frank, Arzt aus Heidelberg: ‚Das Staatsverbrechen‘,
    Lesetipp für Menschen, die nicht bedingungslos alles glauben, was ardzdf und die ach so unabhängige Presse berichten.

  4. Und gewisse verantwortliche Leute haben sich verdünnisiert, in der ganzen „politischen Pandemiezeit“ wie Herr Streeck es am Schluss nannte, bereichert, brauch ja wohl keinen Namen zu nennen. Und der Leittragende ist der Mensch, egal welches Geschlecht.

  5. Ihr habt alle recht! Und trotzdem geht der Wahnsinn weiter, zwar nicht mit Corona aber dafür auf eine andere Art und Weise und wir lassen uns wieder alles schön gefallen!

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