Seit 44 Jahren für Morbach im Bundestag: Phantom-Abgeordneter Mierscheid wird 90 Jahre alt

Er ist ein fiktiver Politiker, der seit Jahren immer wieder Schlagzeilen macht: Jakob Maria Mierscheid. Nun wird er 90 Jahre alt. Bei der Geburtstagsfeier wird er (natürlich) nicht dabei sein.

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Phantom des Parlaments: Seit 1979 ist Jakob Maria Mierscheid (hier sein früheres Profil auf der Homepage des Deutschen Bundestags) nimmermüde in der deutschen Politik präsent Foto: SPD / dpa

MORBACH/BERLIN. Legendär, aber nur erfunden: Der fiktive rheinland-pfälzische Bundestagsabgeordnete Jakob Maria Mierscheid wird an diesem Mittwoch (1. März) 90 Jahre alt. Seine Heimatgemeinde Morbach im Hunsrück lade anlässlich des runden Geburtstags zu einer Festveranstaltung (ab 17.00 Uhr) im Rathaus ein, sagte Bürgermeister Andreas Hackethal (CDU) am Dienstag.

Dazu würden «hochrangige Besucher» erwartet, «prominente Wegbegleiter aus der Politik» wollten Grußworte übermitteln.

In Morbach sei man «sehr stolz» auf den Sohn der Gemeinde, sagte Hackethal der Deutschen Presse-Agentur augenzwinkernd. Die Region habe ihm viel zu verdanken, auch «wenn er sich zugegebenermaßen rarmacht. Leider habe ich ihn bisher meist knapp verpasst.» Mierscheid konzentriere sich eben mehr auf die Sache und bleibe lieber im Hintergrund.

Mierscheid ist ein reines Fantasieprodukt. Erfunden wurde er im Dezember 1979. Im Restaurant des Bonner Bundeshauses saß damals eine Runde um die SPD-Abgeordneten Peter Würtz und Karl Haehser zusammen. Man beschloss, einen Nachrücker für den gestorbenen Politiker Carlo Schmid in die Welt zu setzen. Auf der Rückseite einer Speisekarte entstand die Biografie: katholisch, Beruf Schneider, vier Kinder, wohnhaft in Morbach/Hunsrück.

Die Idee der Genossen hinter dem Phantom: Man wollte die Abgeordneten «von Zeit zu Zeit an das wahre Leben erinnern, was durchaus auch mal lustig sein darf». Laut Vita ist Mierscheid 1979 über die Landesliste für den Wahlbezirk Morbach/Hunsrück für die SPD in den Bundestag einzogen. In seiner Karriere sorgte er mit seinen vermeintlichen Initiativen und Vorschlägen immer wieder für Furore. So setzte er sich dafür ein, den Bundesrechnungshof von Frankfurt in das kleine Eifeldorf «Filz» zu verlegen. Auch sein Antrag, Neufundländerhunde als wohngeldfähig anzuerkennen, kam in die Schlagzeilen.

Mierscheid habe sich zudem für den Hunsrück als Olympia-Standort stark gemacht. «Da war er knapp unterlegen gewesen gegen Sydney», so Hackethal. Auch habe sich der fiktive Politiker vor Jahren für ein U-Bahn-Netz in der Gemeinde Morbach ausgesprochen, um die Orte zu verbinden. Die U-Bahn sei zwar nicht realisiert worden, aber die Zahl der Bushaltestellen sei damals ganz stark gestiegen.

Mit Geschichten immer wieder am Leben gehalten haben Mierscheid der frühere Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Friedhelm Wollner, und der ehemalige Bundestagsabgeordnete Dietrich Sperling (SPD). Zum 80. Geburtstag hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) Mierscheid sogar persönlich in einer Sitzung gratuliert – nur das Phantom war natürlich nicht da.

Als Geburtstagsgäste angesagt haben sich laut Hackethal unter anderem der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD). Video-Grußbotschaften kämen auch von Bundestagspräsidentin Bärbel Bas und der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (beide SPD). «Und das sind nur einige. Mierscheid wird als Kollege sehr geschätzt», schmunzelte der Bürgermeister.

Link: Jakob Maria Mierscheid bei Wikipedia

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3 Kommentare

  1. Der JMM wollte auch keine U-Bahn zur Verbindung der Morbacher Ortsteile bauen, sondern eine Magnetschwebebahn (MorbacherMagnetMagistrale). Wenn schon Unsinn, dann richtig. Das gilt auch für die Recherche des „Lokalo“.

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