TRIER. An der Universität Trier arbeiten der Germanist Dr. Ralf Plate und sein Team am „Mittelhochdeutschen Wörterbuch“, einem sprachgeschichtlichen Belegwörterbuch, das den deutschen Wortschatz vom 11. bis ins 14. Jahrhundert erschließt. Das Wörterbuch soll zum Verstehen der kulturellen Tradition der Epoche beitragen und Zugänge zur deutschsprachigen Überlieferung des Mittelalters ermöglichen – ein geisteswissenschaftliches Mammutprojekt, in dem enorm viel Arbeit steckt, aber auch sehr viel Wissen, das weitergegeben werden will – auch an ein allgemeines Publikum.
Von Alexander Scheidweiler
„Warum machen wir das?“, fragt Dr. Ralf Plate rhetorisch – und liefert die Antwort gleich mit: „Es geht eigentlich um die kulturelle Tradition. Es geht darum, dass man sie versteht.“ Der Germanist und Sprachwissenschaftler redet leidenschaftlich über das große sprachgeschichtliche Forschungsvorhaben, an dem er seit Jahrzehnten arbeitet, der Erstellung des „Mittelhochdeutschen Wörterbuches“. Plate sitzt in einem Büro, dessen riesige Bücherwände vollgestopft sind mit allem, was die schriftliche Überlieferung des Mittelalters in deutscher Sprache hergibt: dicke Folianten mit Minneliedern, religiöse Traktate von Mystikerinnen und Mystikern wie Mechthild von Magdeburg und Meister Eckhart, Rechtstexte wie der „Sachsenspiegel“ aus dem frühen 13. Jahrhundert, historische Chroniken, höfische Versromane, ja sogar Kochbücher. Dazu – natürlich – sprachgeschichtliche Belegwörterbücher, die die deutsche Sprache von ihren Anfängen bis in die Gegenwart anhand von Erklärungen des Wortschatzes erschließen, die reich mit Zitaten aus den Originalquellen belegt sind – das „Althochdeutsche Wörterbuch“, das „Frühneuhochdeutsche Wörterbuch“, das „Deutsche Wörterbuch“ der Brüder Grimm und natürlich die Vorgänger des „Mittelhochdeutschen Wörterbuches“, an dem Plate arbeitet, dasjenige von Georg Friedrich Benecke, Wilhelm Müller und Friedrich Zarncke und dasjenige von Matthias Lexer, beide aus dem 19. Jahrhundert.
Auf Grundlage eines riesigen und vielgestaltigen Textkorpus aus der Zeit zwischen 1050 und 1350 erforschen, beschreiben und erläutern Plate und sein Team den Wortschatz des Mittelhochdeutschen, derjenigen historischen Variante des Deutschen, in der Walther von der Vogelweide die höfische Minne besang, in der Wolfram von Eschenbach von Parzival und König Artus erzählte und Meister Eckhart über die Erkenntnis Gottes predigte. Der früheste Text, den Plate und sein Team für das Wörterbuch ausgewertet haben, ist eine Auslegung des biblischen Hohenliedes von Williram von Ebersberg. Der gelehrte Benediktinerabt starb im Jahre 1085.
Seit 1986 arbeitet Plate an dem auf fünf bis sechs Bände angelegten Mammutprojekt, von dem mittlerweile zwei Bände erschienen sind – direkt nach seinem Examen hat er damit begonnen, allein die digitale Erarbeitung der Materialbasis nahm sechs Jahre in Anspruch. „Wissenschaft braucht einen langen Atem, nicht nur dieses kurzfristige Tagesgeschäft“, sagt Plate. „Heutzutage ist das vielleicht ein bisschen schwieriger als früher.“ Das Wörterbuch wird nach und nach in sog. „Lieferungen“ veröffentlicht, die alle ein bis zwei Jahre erscheinen. Sind genug Lieferungen zusammengekommen, erscheint ein Band.
Drei weitere Germanisten gehören zu Plates Team in Trier – Dr. Niels Bohnert, Dr. Jingning Tao und Ute Recker-Hamm, M.A., zudem gibt es Arbeitsstellen in Göttingen und an der Akademie der Wissenschaften in Mainz. Auch der 2010 verstorbene Prof. Dr. Christoph Gerhardt, zu dessen Gedenken Plate mit weiteren Freunden und Schülern eine Gedenkschrift herausgegeben hat (Lokalo berichtete), arbeitete am Wörterbuch mit. Seit 1990 ist die Trierer Arbeitsstelle im Drittmittelgebäude der Universität untergebracht. Das wurde seinerzeit eingerichtet, als der erste Sonderforschungsbereich der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Universität Trier geschaffen wurde. „Damals war’s in der Germanistik schon sehr eng geworden für uns“, erinnert sich Plate.
Sechs Jahre lang digitalisierten die Wissenschaftler Quellentexte aus dem Mittelalter, um die elektronische Materialbasis für das Wörterbuch zu schaffen. Gerade durch die elektronische Erfassung gelinge es den Trierer Forschern, den Kenntnisstand der Vorgänger aus dem 19. Jahrhundert zu übertreffen und den mittelalterlichen Wortschatz genauer und umfassender zu erklären: „Das waren sehr, sehr gute Lexikographen, aber sie hatten nicht diesen riesigen Überblick“, erläutert Plate. Gegenüber den Zettelkästen früherer Wörterbuch-Autoren biete die digitale Erfassung eben doch viele Vorteile. Bei der Digitalisierung ordneten die Trierer Germanisten die einzelnen Wortvorkommen in ihren jeweiligen Quellentexten dem Stichwort im Wörterbuch zu, so dass bei der Abfassung der Artikel alle Belegstellen quasi auf Knopfdruck zur Verfügung stehen. „Lemmatisieren“ nennt man das in der historischen Sprachwissenschaft. Dadurch steht stets auch der Kontext zur Erläuterung zur Verfügung: „Welche Stellen wirklich interessant sind, um den Wortgebrauch zu beschreiben, sieht man erst, wenn der Artikel geschrieben wird“, so Plate.
Ohne den Kontext, der aufzeigt, was ein Wort in einem gegebenen Zusammenhang bedeutet, tappt man beim Übersetzen schnell im Dunkeln. „Bedeutungsraten“ nennt Plate das ironisch. So schleichen sich unbemerkt Fehler ein, die eben das Ziel, ein angemessenes Verstehen der kulturellen Überlieferung, verunmöglichen. Ernst unlängst hat er beim jährlichen Germanistentag darüber einen Vortrag gehalten, am Beispiel des mittlerweile ausgestorbenen mittelhochdeutschen Verbs „nieten“, das etwa „sich befleißigen“ bedeuten, aber in bestimmten Zusammenhängen auch die Ausübung des Geschlechtsverkehrs bezeichnen kann. Ein schlagendes Beispiel, an dem sehr deutlich wird, dass der Kontext eminent wichtig ist, weil sich sonst gegebenenfalls ein völlig falsches Textverständnis einschleicht.
Dergleichen Probleme treten aber selbstverständlich nicht nur bei solch ungewöhnlichen Wörtern auf, die aus der Sprachgeschichte verschwunden sind. Fallstricke finden sich überall. Gerade beim Mittelhochdeutschen scheint dem zeitgenössischen Muttersprachler vieles unmittelbar verständlich, obwohl die Bedeutung sich um Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat. Wer etwa in der jedermann frei zugänglichen Online-Version des Wörterbuchs den Artikel zum Stichwort „hôchzît“ ansieht, wird feststellen, dass dieses Wort so wie „Hochzeit“ im heutigen Deutschen die Vermählungsfeier meinen konnte, aber nicht musste – im Mittelalter bezeichnete das Wort ganz allgemein ein kirchliches oder weltliches Fest, zudem verzeichnet das „Mittelhochdeutsche Wörterbuch“ zahlreiche übertragene Bedeutungen, z.B. „Herrlichkeit“ oder „feierliche Handlung“.
Was genau gemeint ist, verrät der jeweilige Gebrauch. Deshalb ist es so wichtig, das Belegmaterial zu „Gebrauchstypen“ zu gliedern, gleichartige Belege zusammenzustellen und auf dieser Grundlage eine Bedeutung zu beschreiben. Der Wörterbuchartikel enthält dann zudem den Verweis auf die Quelle, so dass stets transparent ist, in welchem Text und an welcher Stelle der betreffende Gebrauch vorkommt.
Wörterbücher „sind nicht zum Lesen da, sondern zum Benutzen“, sagt Plate. Für ein historisches Wörterbuch wie das „Mittelhochdeutsche Wörterbuch“ heißt das konkret: „Man hat eine Textstelle und hat irgendwelche Schwierigkeiten mit der Textstelle und vermutet, dass es an einem bestimmten Wort hängt. Und dann schlägt man nach, um herauszubekommen, wie das Wort gebraucht wird. Finde ich da Parallelen zum Gebrauch in dem Text, den ich gerade lese? So sind die großen wissenschaftlichen Belegwörterbücher in allen Philologien aufgebaut.“
Das Wörterbuch entsteht in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften in Mainz, auf deren Instagram-Account gegenwärtig eine Kampagne läuft, um das „Mittelhochdeutsche Wörterbuch“ auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Ein Punkt, der Plate wichtig ist: dass die sprachgeschichtliche Forschung nicht nur in einen kleinen Expertenkreis wirkt, auch wenn das Gebiet auf den ersten Blick etwas speziell erscheinen mag. „Eigentlich sind wir sehr kommunikativ und wollen unser Wissen weitergeben“, sagt der Forscher, der auch am Institut für Empirische Sprachwissenschaft in Frankfurt Kurse in Gotisch, Alt- und Mittelhochdeutsch gibt und dessen Arbeitsstelle einmal im Jahr, immer am letzten Aprilwochenende, das „Arbeitsgespräch zur historischen Lexikographie“ auf der Marienburg bei Bullay organisiert, das nicht nur Fachwissenschaftler, sondern auch darüber hinaus einen Kreis von Interessierten versammelt. „Die Veranstaltung ist immer gut besucht“, freut sich Plate.
„Es geht um historische Wissensbestände. Man will die einfach verstehen. Und um das wirklich zu können, muss man den Sprachgebrauch der Zeit mit Belegen dokumentieren“, kommt Plate nochmals auf den eingangs skizzierten Gedanken zurück. In diesem Sinne ist ein Belegwörterbuch des Mittelhochdeutschen kein Spezial-Unternehmen der germanistischen Sprachhistoriker, sondern relevant für alle Wissenschaften, die sich mit geschichtlichen Texten befassen – und ganz allgemein für jeden, der sich für die Epoche interessiert und sie besser verstehen möchte.
















