Bundestagspräsident a.D. Lammert über Europa, die Kirche und Angela Merkel

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Bildquelle: Wallfahrtskirche klausen // Tobias Marenberg

KLAUSEN. Mit Bundestagspräsident a.D. Prof. Dr. Norbert Lammert hatte Klausen (in der Moseleifel) und deren Wallfahrtskirche, den ehemals protokollarischen zweiten Mann der Bundesrepublik Deutschland als hochrangigen Gast. Lammert war im Rahmen der Kooperationsveranstaltung von Eifel-Kulturtage und „Kultur in der Wallfahrtskirche“ zu der Lesung „Europa? Europa!“ eingeladen worden.

Lammerts Befund: Europa hat sich noch nie in einer besseren Lage befunden als heute, aber die Europäische Union war seit ihrer Gründung 1957 noch nie in einer miserableren Lage als heute. „In der zweieinhalbtausendjährigen Geschichte Europas gab es nur in den letzten 30 Jahren in allen europäischen Ländern gewählte Regierungen und gibt es mehr als 70 Jahre Frieden.“, sagte Lammert.

Im ersten Teil der Veranstaltung las der 70-jährige CDU-Politiker, der dem Bundestag 37 Jahre lang als Parlamentarier angehörte, rund 60 Minuten aus verschiedenen historischen und aktuellen Texten zum Thema Europa vor. Die ausgewählten Texte stammten unter anderem von Papst Franziskus, Stefan Zweig, Navid Kermani, Yuval Harari und Eva Menasse.

Navid Kermani, ein Deutscher iranischer Herkunft aus Köln, Islamwissenschaftler und glühender Europäer, hat nach Ansicht von Norbert Lammert „die schönste Liebesgeschichte an das Grundgesetz geschrieben, die ich je gehört habe.“ Er hat Europa als „größte Errungenschaft bezeichnet, die Völker befriedet und ökonomischen Wohlstand hervorgebracht hat.“

Der ausgewählte Text von Stefan Zweig, einem glühenden Verfechter eines vereinten Europas – zu einer Zeit, als dies noch nicht mehr war als eine Utopie, zeigte das die vermeintlich alten Zeilen aus dem Jahre 1939 immer noch Aktualität haben und die Freiheiten von Europa keine Selbstverständlichkeit sein sollen.

„Was ist mit dir los, Europa?“ zitierte Professor Lammert die Rede von Papst Franziskus zur Verleihung des Karlspreis im Jahre 2016, der seiner Sorgen um Europa Nachdruck verlieh. Papst Franziskus ruft in seiner Rede zu einem neuen Humanismus auf: Er träume „von einem Europa, in dem das Migrantsein kein Verbrechen ist“. Er träume „von einem Europa, das die Rechte der Einzelnen fördert und schützt, ohne die Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft außer Acht zu lassen“, sagte das Kirchenoberhaupt. „Ich träume von einem Europa, von dem man nicht sagen kann, dass sein Einsatz für die Menschenrechte an letzter Stelle seiner Visionen stand.“ 


Im anschließenden Gespräch sprach Wallfahrtsrektor Pater Albert Seul OP mit dem jetzigen Vorsitzenden der Konrad Adenauer-Stiftung über Gott und die Welt. Der erfahrene Moderator Pater Albert interviewte bereits Gregor Gysi, Joey Kelly und andere Persönlichkeiten in der Wallfahrtskirche. Der langjährige Parlamentarier Lammert ist aus dem Bundestag als Mann der klaren Worte bekannt und vertrat auch an diesem Abend klare Standpunkte.

Mit Lammert sprach er unter anderem über die Wichtigkeit der Europäischen Union und die Nato. „Man muss schützen, was einem wichtig ist! Die Nato brauchen wir, denn es gibt in Europa bereits gewaltsame Grenzverschiebungen und Russland hat in Königsberg Mittelstreckenraketen stationiert, die eine Reichweite bis Island und Berlin haben. Das ist kein Kino, darauf stellen wir uns besser ein.“ betonte Norbert Lammert die Wichtigkeit dieser beiden voneinander unabhängigen Institutionen. „Gerade bei millitärischen Institutionen wie der NATO wäre es am schönsten, wenn man sie nicht bräuchte.“ sagte Lammert. „Denn für die erforderlichen finanziellen Aufwendungen erfordert, fallen einem mindestens genauso viele sinnvolle Verwendungen ein. Aber es ist leider nicht klug dies zu tun, da nicht eine Friedensordnung gesichert ist. Wir müssen das was uns wichtig ist vor denkbaren gewaltsamen Übergriffen schützen.“ erklärte Lammert seine Sicht der Dinge und sagte hierzu abschliessend: „Die NATO ist historisch betrachtet das erfolgreiche Verteidigungsbündnis das es in der Geschichte der Menschheit jemals gab.“
Pater Albert merkte an, dass nach seinem Empfinden Europa oft wie ein zahnloser Tiger wirke. „Da Europa kein eigener Staat ist, was ich sehr befürworten würde, sondern eine Staatengemeinschaft ist die Geschlossenheit in Europa schwierig.“ antworte Lammert.

Im Ambiente der spätgotischen Wallfahrtskirche wurde aber auch ein kleiner Schlenker zur aktuellen Situation der katholischen Kirche gemacht. Der Katholik Lammert, findet dass sich viele Bischöfe hinter das Gremium der Bischofskonferenz verstecken, da dort keine bindenden Entscheidungen vorgesehen sind, aber jeder einzelne Bischof vor Ort die Entscheidungsbefugnis hat. Allerdings nutzen die Ortsbischöfe nicht diese Kompetenz, so dass keine größeren Veränderungen festzustellen sind. Prof. Lammert wünscht sich hier mehr Mut der Ortsbischöfe, um die aktuellen Themen der Kirche anpacken zu können.
Pater Albert hatte auch noch eine persönliche Frage an Norbert Lammert, die konkreter gesagt eine Frage zur persönlichen Meinung Lammerts zu einer Stärke und einer Schwäche von der Bundeskanzlerin Angelika Merkel war. Der Dominikanerpater fügte hinzu, „ich bin überzeugt, dass sie diese Frage beantworten können, ohne dass Frau Merkel sich im Nachgang bei ihnen melden muss.“ Für Lammert war die Antwort einfach. „Frau Merkel hat viele Stärken und nur wenige Schwächen“ begann er mit der Analyse. Die größte Stärke ist definitiv, dass die Bundeskanzlerin eine fast übermenschliche Geduld im Ertragen der noch so abwegigstens Position nationaler und internationaler Gesprächspartner, wo sie sich mit stoischer Ruhe nicht anmerken lässt, was sie davon hält, um damit die Gesprächsfähigkeit aufrecht zu erhalten. Deshalb hat sie eine Begabung der Integration von zunächst weit auseinanderliegenden Positionen.“ Die Schwäche ist nach Lammert exakt das Gegenteil. Manchmal wünschte er sich von Angela Merkel, dass Sie auch mal gelegentlich auf den Tisch haut und sagt, dass ist nicht mit mir zu machen. Für den ehemaligen Bundestagspräsidenten ist Angela Merkel eine heimliche Anführerin des europäischen Prozesses.
In der Publikumsfragerunde wurde unter anderem das Thema Flüchtlinge, und wie man in Europa mit ihnen umgehen könne aufgegriffen. Für Lammert ist dies klar in unserer Verfassung geregelt, dass politisch Verfolgte bei uns Asyl genießen. „Wenn wir das so gemeint haben, wie es aufgeschrieben ist, dann gilt das.“ Die Frage ist für ihn nur: „wer ist politisch verfolgt und wer möchte hier leben, weil hier die Zukunftsaussichten besser sind, als in dem Land, aus dem er kommt?“ Weiter erklärt er: „Zudem leben wir in einem Rechtsstaat und dort wird in ordentlichen Verfahren entschieden, das ist manchmal kompliziert.“  Die einzige Lösung ist für ihn eine zumutbare Lastenverteilung innerhalb von Europa. Außerdem fügte er hinzu: „Da wir uns gerade hier in einer Wallfahrtskirche befinden, muss man ergänzen das aus christlicher Sicht eine zahlenmäßige Begrenzung der Aufnahme von politischen Flüchtlingen undenkbar ist.“
Der offizielle Teil der Veranstaltung endete unter großem Applaus der 230 Zuhörer. Danach gab es noch bei einem Glas Wein die Gelegenheit mit dem ehemaligen Bundestagspräsidenten ins Gespräch zu kommen, bevor er wieder in die Heimat nach Bochum gefahren wurde.

Auszüge aus dem Gespräch sind auf dem YouTube Kanal der Wallfahrtskirche Klausen oder unter www.facebook.com/WallfahrtskircheKlausen verfügbar.

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