Kommission zum Fall Dillinger: Fakten sind “erschreckend und belastend”

Juristen haben zu den Missbrauchstaten des Priesters Edmund Dillinger einen zweiten Bericht vorgelegt. Die Aufarbeitungskommission spricht von einem bedrückenden Ausmaß der Fälle. Und übt Kritik.

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Missbrauch in der katholischen Kirche; Symbolbild; Foto: dpa

TRIER. Über die Missbrauchstaten des Ende 2022 verstorbenen Priesters Edmund Dillinger kommen immer mehr Fakten ans Licht. Die in einem zweiten Bericht dargestellten Tatsachen seien «erschreckend und belastend», teilte die unabhängige Aufarbeitungskommission im Bistum Trier am Mittwoch mit.

Dillingers Taten erstreckten «sich über viele Jahrzehnte und viele Kontinente – oft unter Ausnutzung seiner ehrenamtlichen und vor allem kirchlichen Kontakte». Das Ausmaß der Fälle sei «bedrückend». Die Kommission kritisierte die «weitgehende Untätigkeit nicht nur des Bistums» in dem Fall. «Das Nichtstun und Wegsehen so vieler schmerzt und ärgert.»

Der ehemalige Priester aus Friedrichsthal im Saarland soll ab den 1970er Jahren Jugendliche sexuell missbraucht und in teils pornografischen Posen fotografiert haben. Dillingers Neffe hatte nach dem Tod des Mannes zig ungerahmte Dia-Aufnahmen in dessen Haus gefunden – und war damit im April an die Öffentlichkeit gegangen.

Die Aufarbeitungskommission hatte im Frühjahr den ehemaligen Koblenzer Generalstaatsanwalt Jürgen Brauer und den früheren Vize-Chef der Staatsanwaltschaft Trier, Ingo Hromada, in einem eigenen Projekt mit der Aufklärung in dem Fall betraut. Ihre Arbeit soll im ersten Halbjahr 2024 abgeschlossen werden. Brauer deutete an, dass es wegen erwarteter Rückmeldungen von Betroffenen auch länger dauern könnte.

In dem am Mittwoch vorgelegten Bericht heißt es, inzwischen seien neun Betroffene namentlich bekannt. Einige hätten erst jüngst von sexuell übergriffigem Verhalten des katholischen Geistlichen berichtet: Auf einer Urlaubsreise mit Messdienern nach Tunesien oder in dessen Wohnung in Hermeskeil.

Dillinger habe sich nachts auf oder neben sie gelegt, sie geküsst oder gestreichelt. «Der Vorfall war für mich ein einschneidendes Erlebnis. Ich habe mich heftig gewehrt», sagte ein Opfer demnach. Schon länger bekannt sei ein Fall des sexuellen Missbrauchs eines 15-Jährigen im Jahr 1970 bei einer Wallfahrt nach Rom.

Im Bericht ist die Rede von zahlreichen Fotos, die spärlich bekleidete männliche Jugendliche zeigten. Insgesamt handelt es sich rund 4400 Dias oder Fotos aus dem Nachlass Dillingers, die von der Staatsanwaltschaft Mainz ausgewertet wurden. Zehn Bilder wurden demnach als strafrechtlich relevante jugendpornografische Schrift eingestuft, bei zwölf Bildern war dies nicht eindeutig nachzuweisen.

Auch alle jungen Menschen, die der frühere katholische Geistliche «in sexualbetonten Posen ablichtete», seien «Opfer eines sexuellen Missbrauchs geworden», heißt es im Bericht. «Deren Zahl lässt sich nicht seriös abschätzen.» Kein Bild zeigt sexuelle Handlungen.

Steffen Dillinger, der Neffe des ehemaligen Priesters, sagte am Mittwoch zur bisherigen Aufarbeitung: «Es ist jetzt zum ersten Mal der Punkt, an dem ich sehe, dass man offensichtlich ernsthaft an die Sache ran geht. Das war für mich vorher nie erkennbar, an keiner Stelle. Jetzt ist auf jeden Fall irgendwie Fleisch am Knochen.»

Die Akten der Staatsanwaltschaften Mainz, Saarbrücken und Trier seien eingesehen worden, teilten Brauer und Hromada mit. Bei den Akten in Mainz seien auch zwei akribisch von Dillinger geführte Kalender aus den Jahren 2013 und 2016 gewesen, in denen er auch Telefonate und Treffen notierte.

Angesichts des Informationsgehalts wiege es «sehr schwer», dass die Staatsanwaltschaft Saarbrücken unter anderem die Vernichtung der Kalender, die ab 1967 vorlagen, angeordnet hatte. «Sie wären ein Quell der Information gewesen», sagte Brauer. 52 Kalender wurden vernichtet. Dies stelle «einen herben, in seinen Ausmaßen nicht abzuschätzenden Verlust für die Aufarbeitung dar.»

Der Fall hatte im Sommer für Schlagzeilen gesorgt: Anfang Juli ließ die Staatsanwaltschaft sichergestelltes Material verbrennen, nachdem sie zunächst keine Grundlage für Ermittlungen gegen noch lebende mögliche Mittäter gesehen hatte. Gegen Tote wird nicht ermittelt.

Mitte Juli hatte die Behörde dann doch ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannt wegen des Anfangsverdachts des sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen eingeleitet. Ziel ist es, Zeugen zu finden, die Angaben zu etwaigen noch lebenden Tätern und noch nicht verjährten Straftaten in dem Komplex machen können. «Bislang wurden weder eine konkrete Tat noch ein bestimmter Täter ermittelt», teilte der Sprecher der Staatsanwaltschaft der Deutschen Presse-Agentur mit.

Die Ermittlungen seien aber noch nicht abgeschlossen und würden in verschiedene Richtungen geführt. Bisher wurden nach Angaben des Sprechers umfangreiche Unterlagen ausgewertet und Zeugen gehört. Dillinger war mit 87 Jahren gestorben.

Die Staatsanwaltschaft Trier hatte 2012 gegen Dillinger wegen sexuellen Missbrauchs ermittelt, das Verfahren aber wegen Verjährung eingestellt. Das Bistum hatte dem Mann seitdem den Umgang mit Kindern und Jugendlichen untersagt, er durfte keine Gottesdienste mehr halten.

Brauer und Hromada sagten, man hoffe, dass sich weitere Opfer melden. Zudem appelliere man an Personen und Institutionen, an die sich Betroffene gewandt haben, die Arbeit der Kommission zu unterstützen. «Gelingt es nicht, die an verschiedenen Stellen vorliegenden Erkenntnisse zusammenzuführen, besteht die Gefahr, dass die Aufarbeitung insgesamt Stückwerk bleibt», hieß es von den Autoren.

«Wir sind enttäuscht davon, dass der Zugang etwa zu Akten in anderen Diözesen so schwierig ist, wie es ist», sagte der Vorsitzende der Kommission, Gerhard Robbers. Im Bemühen um Aufklärung sei die Zusammenarbeit mit außerdiözesanen Stellen «ausbaufähig». Man appelliere an die Bistumsverantwortlichen, diese Unterstützung «mit Nachdruck» einzufordern. (Quelle: dpa)

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