Die Autorin und Illustratorin Mira Lob hat im Kölner Marzellen Verlag „Das Trierer Märchenbuch“ veröffentlicht. Es versammelt 18 Sagen, Märchen und Legenden aus Trier, ist äußerst liebevoll illustriert und ein Vergnügen für Groß und Klein. Auch als Weihnachtsgeschenk ist das Buch bestens geeignet.
Von Alexander Scheidweiler
Wenn eine Stadt über eine Geschichte und Tradition verfügt, wie das bei der ehemaligen Kaiser- und Kurfürstenstadt Trier der Fall ist, kann es nicht ausbleiben, dass im Laufe der Jahrhunderte ein ansehnlicher Bestand an Märchen und Sagen sich herausbildet. Alte Bauwerke, steinerne Zeugen der Vergangenheit, Besonderheiten der Landschaft und des Brauchtums, Erinnerungen an bedeutende Persönlichkeiten, die nach und nach vom Reich der Geschichte in das Reich der Legende übergingen – sie bieten den Stoff, aus dem in der Phantasie der Menschen über Generationen hinweg einen Schatz an spannenden Abenteuern, wunderlichen Schwänken und magischen Erzählungen geschaffen hat. Einen Schatz, den zu heben nun die Autorin und Illustratorin Mira Lob unternommen hat.
Lob hat im Kölner Marzellen Verlag „Das Trierer Märchenbuch“ veröffentlicht, im Untertitel „Sagen, Legenden und Märchen aus Trier neu erzählt“. Auf 120 Seiten versammelt das Buch 18 Texte, die Lob mit liebevollen Illustrationen versehen hat. Dabei geht die Liebe zum Detail so weit, dass sogar die Initialen der Märchen wie in einer mittelalterlichen Handschrift bunt verziert und mit Ornamenten geschmückt wurden. Zudem wurde jedem Märchen ein Bild-Symbol zugeordnet, das auf der „Trierer Märchenkarte“, einem illustrierten Stadtplan auf der Innenseite des Buchdeckels, eingetragen wurde. Man kann also sofort erkennen, wo genau in und um Trier sich die Handlung des jeweiligen Märchens abspielt, so dass man anhand des Buches auch Märchenrundgänge in Trier und Umgebung durchführen könnte. Schließlich folgt jedem Märchen ein kleiner Informationstext mit Hintergründen und Erläuterungen.
Das Spektrum der versammelten Mädchen und Sagen reicht bis in die mythische Vorzeit zurück: So eröffnet die Geschichte des sagenhaften assyrischen Prinzen Trebeta, der vor seiner bösen Stiefmutter Semiramis floh, sich nach einer Flucht von 4.000 Kilometern vor rund 4.000 Jahren im Moseltal niederließ und zum Stadtgründer Triers wurde, den Märchen-Reigen. Noch heute erinnern etwa der Trebeta-Brunnen auf dem Nikolaus-Koch-Platz oder der Trebeta-Saal im Simeonstift an ihn. Und wenn von Simeon die Rede ist: Selbstverständlich erzählt Lob auch das bewegte Leben und die zahlreichen, weiten ausgreifenden Reisen und Pilgerfahrten des ursprünglich aus Sizilien stammenden Eremiten und Lokalheiligen nach, der sich am Andreasfest des Jahres 1030 im Ostturm der Porta Nigra einmauern ließ und so, durch die alsbald einsetzende und von Bischof Poppo v. Babenberg tatkräftig geförderte Simeonsverehrung, bewirkte, dass das Trierer Wahrzeichen, anders als viele andere römerzeitliche Bauten, die Jahrhunderte weitgehend unbeschadet überstand.
Freilich enthält das Buch auch Gruseliges, wie die drei zechenden Geister, die nachts durch die Ruinen der Kaiserthermen spuken, bei gespenstischem, rotem Lichterglanz bechern und schmausen und ein goldenes Kalb verehren, das sie nach dem Geistermahl 700 Schuhlängen tief vergraben. Schon mancher Schatzsucher hat vergeblich versucht, das kostbare Götzenbild auszubuddeln! Oder das Fackelmännchen, ein Irrlicht und Feuergeist, der die Weinberge zwischen Trier und Mehring bewohnt und einst nachts die Fuhrleute piesackte, wenn diese, vom Moselwein bezecht, pfeifend durch die Weinberge fuhren und so seine Ruhe störten.
Aber auch Lustiges und Heiteres versammelt das „Trierer Märchenbuch“, etwa die Geschichte von der Runkelrübe Rumpel, die ganz besonders „schrumpelig, knollig, beulig, haarig und borkig“ ist und deshalb von den Rübengeschwistern auf dem Acker verspottet wird: „Mann, bist du runzelig“, „Wer soll dich denn essen?“ und „Aus dir wird man ja nie eine feine Suppe kochen können!“ Doch wer zuletzt lacht, lacht am besten: Als die Erntezeit gekommen ist, reißen sich die Bauernkinder um Rumpel! Denn Rumpel ist zur Rummelbooz-Rübe bestimmt – als beleuchteter Rübengeist mit Gruselgesicht beschützt er zu Allerheiligen das Haus, und da sind seine vielen Runzeln und Warzen natürlich ein Riesen-Vorteil:
„Die Kinder verkleideten sich mit Fellen, malten sich mit Asche die Gesichter schwarz und spukten mit Heulen und Ächzen nun zwischen den Rübengeistern hin und her. […]
Und Rumpel? Der war sehr stolz. Würdevoll streckte er seine wirren Haare, seine Warzen, seine Schrumpeln und Falten dem Nachthimmel entgegen. Ein ehrenvolleres Leben als Rübe konnte er sich nicht vorstellen. Und wenn die Rübengeister nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“
Mira Lobs „Trierer Märchenbuch“ lädt dazu ein, die versammelten Sagen, Märchen und Legenden“ zu entdecken bzw. neu zu entdecken. Es bietet eine unterhaltsame Mischung von Geschichten zum Vorlesen und Selberlesen, zum Gruseln, Lachen und Träumen, in einem schön gestalteten und mit viel Liebe zum Detail illustrierten Buch, das man gerne zur Hand nimmt und das sich auch hervorragend als Weihnachtsgeschenk für Groß und Klein eignet. Die beigegebene Märchenkarte macht außerdem Lust, die Orte aufzusuchen, an denen die Märchen spielen.
Mira Lob. „Das Trierer Märchenbuch. Sagen, Legenden und Märchen aus Trier“. Marzellen Verlag, 120 Seiten, Hardcover mit vielen farbigen Illustrationen. €14,95.














