Neues „Kurtrierisches Jahrbuch“: Geschichte als Teil der regionalen Identität

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Von links: Prof. Dr. Stephan Laux (Universität Trier), Markus Nöhl (Kulturdezernent der Stadt Trier), Dr. Udo Fleck (Verlag für Geschichte & Kultur) und Prof. Dr. Michael Embach (Wissenschaftliche Bibliothek der Stadt Trier). Foto: Alexander Scheidweiler

TRIER. Das Kurtrierische Jahrbuch zählt zu den wichtigsten landesgeschichtlichen Publikationen in Westdeutschland. Es versammelt ein breites Spektrum von profan-, kirchen-, kunst- und kulturgeschichtlichen Beiträgen und ist eine echte Fundgrube für alle historisch Interessierten. Gestern wurde der aktuelle Band in der Wissenschaftlichen Bibliothek der Stadt Trier vorgestellt.

Von Alexander Scheidweiler

„Die Geschichte ist ein großer Teil unserer regionalen Identität“, so Markus Nöhl, Kulturdezernent der Stadt Trier und selbst Historiker, beim gestrigen Pressetermin zur Vorstellung des 61. Bandes des Kurtrierischen Jahrbuchs in der Wissenschaftlichen Bibliothek der Stadt Trier am Weberbach. Die identitätsstiftende Wirkung der regionalen Geschichte verbinde die Menschen im Raum Trier unabhängig von ihrem persönlichen Hintergrund, fügte Nöhl hinzu: „Es ist ein Stück von unserem Menschsein, hier in der Region.“

Dabei müsse der Begriff der Region freilich historisch verstanden werden: Wie der Titel des Jahrbuches ja schon sagt, beziehen die versammelten 16 Aufsätze und zehn Rezensionen sich auf die gesamten Liegenschaften und Ländereien des alten Kurfürstentums Trier, das sich bis nach Koblenz und an den Mittelrhein erstreckte. In diesem geschichtlichen Sinne ist die Region Trier also deutlich größer als das, was heute darunter verstanden wird.

Das Jahrbuch sei, so Nöhl, eines der wichtigsten Organe der landesgeschichtlichen Forschung im westdeutschen Raum. Es verfolge das Ziel, die Bedeutung des kulturellen Zentrums an der Mosel mit seiner 2000-jährigen Geschichte aufzuzeigen und weiter zu erforschen. Neben der Wissenschaftlichen Bibliothek und dem Verein Kurtrierisches Jahrbuch als Herausgeber sind das Bistumsarchiv und die Gesellschaft für nützliche Forschungen, die zu den ältesten wissenschaftlichen Vereinigungen Deutschlands zählt, maßgeblich beteiligt. Ausdrücklich bedankte Nöhl sich bei Prof. Dr. Michael Embach, dem Leiter der Wissenschaftlichen Bibliothek, für dessen Herausgebertätigkeit.

Schön sei, dass die versammelten Beiträge ein breites thematisches und zeitliches Spektrum abdecken, meinte Nöhl. So reichten die Themen von einem Beitrag über die archäologischen Grabungen vor der Liebfrauenkirche von Hans-Peter Kuhnen über eine von Jutta Albrecht verfasste Biographie von Louis Scheuer, der für die Karnevalsgesellschaft Heuschreck Revuen schrieb, aber, da er jüdischer Abstammung war, ins KZ Theresienstadt deportiert wurde, überlebte, jedoch nicht mehr nach Trier zurückkehrte, und einen Beitrag über den Trierer Palastgarten in den 30er Jahren aus der Feder von Kathrin Baumeister bis hin zu einem Aufsatz des Herausgebers, Michael Embach, über das Evangeliar von St. Maria ad martyres, der somit ein kostbares Werk der Buchkunst der Karolingerzeit behandelt.

Das Jahrbuch sei also „eine Fundgrube für viele kulturhistorisch interessierte Leserinnen und Leser“, befand der Kulturdezernent – und vergaß nicht hinzuzufügen, dass der Band auch ein schönes Weihnachtsgeschenk abgebe.

Herausgeber Prof. Dr. Embach schloss an die Ausführungen Nöhls an und fügte hinzu, „dass das Kurtrierische Jahrbuch den alten Kulturraum im Blick hat, der heutige nationale Grenzen überschreitet.“ Dieser grenzüberschreitende Aspekt zeige sich u.a. daran, dass der vorliegende Band gleich zwei Beiträge zur Echternacher Springprozession von Andreas Heinz und Wolfgang Schmitt-Kölzer enthalte, welch letzterer die Prozession in der Zeit des Nationalsozialismus behandelt und u.a. die Versuche des Regimes darstellt, das religiöse Brauchtum zurückzudrängen oder im Sinne der völkischen Ideologie zum germanischen Erbe umzudeuten.

Embach hob ferner den Aufsatz von Wolfgang Hans Stein zur Trierer Reunionsadresse von 1798 hervor, der nur auf den ersten Blick ein abseitiges Thema behandelt und in den Kern verfassungsrechtlicher Fragen im Zeitalter der Französischen Revolution geht, die Arbeit von Kristin Hoefener zu Hildegard von Bingen, deren Karriere als Visionärin eng mit Trier verbunden ist, den Beitrag von Désirée Welter, der sich mit dem Heiligen Theodulf von Trier beschäftigt, der, obgleich heute weitgehend vergessen, jahrhundertelang eine intensive Verehrung in Liturgie und Volksfrömmigkeit genoss, den Text von Wolfgang Wolpert über die Reliquien der Hilarius-Kirche in Eller sowie den Editionsbericht von Maria Dötsch, Claudia Bamberg und Matthias Bremm über eine Handschrift des 15. Jahrhunderts, die den Bericht über die Pilgerfahrt des Koblenzer Bürgers Peter Fasbender nach Jerusalem im Jahre 1439 enthält.

Dieser gewähre „Einblick in die Organisationsstruktur der Jerusalem-Fahrten“, so Embach, die auch damals schon durch professionelle Anbieter durchgeführt wurden, i.d.R. über Venedig. Da Fasbender auf der Reise auch noch schiffbrüchig wurde, lese sich der Bericht wie „ein halber Abenteuerroman“, fügte Embach hinzu. Da ferner die Handschrift auch digital veröffentlicht werden soll, könne das Vorhaben Anregung für weitere Projekte sein.

Zum Abschluss seiner Ausführungen unterstrich Embach, dass der vorliegende Band wahrhaft spartenübergreifend ausgelegt ist – Profan-, Kirchen-, Kunst- und Kulturgeschichte sind gleichermaßen berücksichtigt. Die stadttrierische Chronik 2020 aus der Feder von Manfred Wilhelmi, die die wichtigen Ereignisse des Jahres Revue passieren lässt, rundet das Gesamtbild ab.

Prof. Dr. Stephan Laux, Inhaber des Lehrstuhls für Landesgeschichte an der Universität Trier, erläuterte zum Rezensionsteil des Jahrbuches, dass besonders auch das Schrifttum zur neueren uns neusten Geschichte berücksichtigt worden sei. Dies sei auch deshalb wichtig, weil das kulturelle Gedächtnis in der Region Trier sich stark aus der Bezugnahme auf Antike und Mittelalter speise, die jüngere Vergangenheit und ihre Schattenseiten dabei aber häufig ausgeblendet würden.

Laux verwies besonders auf die Besprechung des Buches „NS-‚Rassenhygiene‘ im Raum Trier“ von Matthias Klein, das ein verdrängtes Kapitel der Geschichte zum Gegenstand hat, des Buches von Christopher Spies „Die ‚Kriegsverbrecherfrage‘ in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Württemberg-Hohenzollern“, das auch die wenig rühmliche Rolle des langjährigen Ministerpräsidenten Peter Altmeier beleuchtet, des Buches von David Kunz über den Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Trierer Steipe, des Buches von Manuela Glaab, Hendrik Hering, Michael Kissener, Dieter Schiffmann und Monika Storm über das 70. Jubiläum des Landes Rheinland-Pfalz sowie seines eigenen Buches über den gescheiterten Versuch einer Trierer Universitätsgründung in der unimittelbaren Nachkriegszeit. Es habe den Trierern damals ein wenig an gutem Benehmen gegenüber der französischen Besatzungsmacht gemangelt, so Laux süffisant – und wohl auch ein bisschen am Geld.

Schließlich gab Dr. Udo Fleck, Leiter des Trierer Verlags für Geschichte & Kultur, in dem das 463 Seiten starke Werk erschienen ist, einen Einblick in die technische Seite der Herstellung.

Das Jahrbuch kostet 15,- Euro und kann über die Seite der Stadtbibliothek bestellt werden: https://www.stadtbibliothek-weberbach.de/shop/landesgeschichte-und-volkskunde/kurtrierisches-jahrbuch./.

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