Einbürgerungs-Rekord in Deutschland: Jeder fünfte 2025 Eingebürgerte war zuvor Syrer

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Eine Einbürgerungsurkunde der Bundesrepublik Deutschland und ein deutscher Reisepass liegen auf einem Tisch. Foto: Fernando Gutierrez-Juarez/dpa

WIESBADEN/BERLIN. Deutschland erlebt bei den Einbürgerungen einen historischen Höchststand. Nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts erhielten 2025 rund 332.500 Menschen die deutsche Staatsangehörigkeit. Das waren 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Noch nie seit Einführung der Statistik im Jahr 2000 wurden binnen eines Jahres so viele Menschen eingebürgert. Gleichzeitig zeigt die neue Statistik: Hinter dem Rekord steckt kein einzelner Effekt, sondern eine Mischung aus gewachsenen Antragsbergen, geänderten Gesetzen und einer veränderten Zusammensetzung der Antragsteller.

Zehn Jahre, drei Phasen, ein steiler Anstieg

Der Blick auf die vergangenen zehn Jahre macht deutlich, wie außergewöhnlich der aktuelle Sprung ist. 2016 lag die Zahl der Einbürgerungen bei knapp 110.400, 2017 bei rund 112.200, 2018 bei 112.300 und 2019 bei 128.900. Dann kam 2020 mit der Pandemie und einem Rückgang auf rund 109.900. Seitdem ging es fast nur noch nach oben: 131.600 im Jahr 2021, 168.500 im Jahr 2022, 200.100 im Jahr 2023, 291.955 im Jahr 2024 und nun 332.500 im Jahr 2025. Wer diese Reihe nüchtern betrachtet, erkennt drei Phasen: jahrelange Stagnation auf niedrigem Niveau, dann ein klarer Anstieg seit 2021 – und schließlich ein regelrechter Sprung in den Jahren 2024 und 2025.

Syrer weiter vorne – aber deutlich weniger als 2024

Trotz des Rekords ist ein Detail auffällig: Syrerinnen und Syrer stellten zwar auch 2025 wieder die größte Gruppe unter den Eingebürgerten, ihre Zahl sank aber deutlich. Nach Destatis wurden 65.600 syrische Staatsangehörige eingebürgert – das waren 21 Prozent weniger als 2024, als noch 83.200 Syrer eingebürgert worden waren. Trotzdem kam 2025 noch immer jede fünfte Einbürgerung aus Syrien. Dahinter folgten Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit mit 34.100und russischer Staatsangehörigkeit mit 19.700 – beide Gruppen mit einem kräftigen Plus von jeweils 51 Prozent binnen eines Jahres.

Die eigentliche Rekord-Geschichte heißt Gesetzesänderung

Wer nur auf die nackte Rekordzahl schaut, sieht daher nur die halbe Wahrheit. Der starke Anstieg 2024 und 2025 dürfte vor allem mit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts zusammenhängen. Destatis verweist selbst darauf, dass insbesondere bei türkischen und russischen Staatsangehörigen die neue Möglichkeit, die bisherige Staatsangehörigkeit bei der Einbürgerung grundsätzlich zu behalten, eine wichtige Rolle gespielt haben dürfte. Genau das war früher oft ein Hemmnis. Der Staat hat die Hürde also gesenkt – und die Statistik reagiert prompt. Das ist keine Überraschung, sondern politische Folgelogik.

Mehr Anträge als erledigte Verfahren

Spannend ist auch der neue Blick auf die Verfahren selbst. Denn 2025 wurden erstmals nicht nur die Einbürgerungen gezählt, sondern auch die Anträge und die erledigten Verfahren. Das Ergebnis zeigt, wie groß der Druck auf die Behörden inzwischen ist: 467.400 Einbürgerungsanträge wurden 2025 erfasst, aber nur 371.100 Verfahren abgeschlossen. Das heißt: Der Staat arbeitet zwar deutlich mehr Fälle ab als früher, produziert zugleich aber weiter einen großen Nachschub an neuen Anträgen. Von den erledigten Verfahren endeten 90 Prozent mit einer Einbürgerung, nur rund 3 Prozent mit einer Ablehnung. Weitere 5 Prozent wurden von den Antragstellern zurückgezogen. Das spricht dafür, dass die allermeisten Verfahren am Ende positiv ausgehen – wenn sie denn einmal entschieden werden.

Turbo-Einbürgerung? Eher nicht

Politisch interessant ist noch ein anderer Punkt. In der Debatte war häufig von besonders schnellen Einbürgerungen die Rede. Die Zahlen sprechen hier allerdings eine deutlich nüchternere Sprache. Nur 1.500 Personen wurden 2025 mit verkürzter Mindestaufenthaltsdauer aufgrund besonderer Integrationsleistungen eingebürgert – also weniger als ein Prozent aller Fälle. 2024 waren es noch 19.100 beziehungsweise 7 Prozent. Der Grund: Die entsprechende Regelung wurde nach zwischenzeitiger Öffnung wieder gestrichen. Der Rekord von 2025 ist also gerade nicht vor allem das Ergebnis massenhafter „Turbo-Einbürgerungen“, sondern in erster Linie Folge der allgemeinen Reform und des hohen Bestands an laufenden Verfahren.

Die neuen Deutschen leben meist schon lange hier

Auch die Aufenthaltsdauer liefert einen wichtigen Hinweis gegen allzu einfache politische Schlagworte. Im Durchschnitt lebten die Eingebürgerten 12,4 Jahre in Deutschland, im Vorjahr waren es 11,8 Jahre. Syrische Staatsangehörige wurden im Schnitt nach 7,9 Jahren eingebürgert, Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit erst nach 24,1 Jahren, russische Staatsangehörige nach 14,1 Jahren. Gerade die hohen Werte bei Türken und Russen zeigen: Viele dieser Menschen waren längst dauerhaft im Land – die neue Rechtslage hat ihre Einbürgerung nun schlicht attraktiver oder praktikabler gemacht.

Rekord, ja – aber auch ein Symptom

Genau deshalb ist dieser Rekord ambivalent. Er ist zum einen ein Zeichen dafür, dass Deutschland für viele Migranten dauerhaft zur Heimat geworden ist. Er ist aber auch ein Symptom dafür, dass politische Regeln und behördliche Praxis über Jahre hinweg aufgestaute Verfahren produziert haben, die jetzt unter neuen Bedingungen abgearbeitet werden. Der Rekord erzählt also nicht nur eine Integrationsgeschichte, sondern auch eine Geschichte über Verwaltung, Gesetzgebung und politischen Kurswechsel.

Was die Statistik wirklich zeigt

Unterm Strich zeigt die neue Einbürgerungsstatistik vor allem drei Dinge. Erstens: Deutschland hat einen historischen Höchststand erreicht. Zweitens: Der Anstieg ist ohne die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts kaum zu erklären. Drittens: Die Verfahren laufen zwar in großer Zahl, aber der Berg an Anträgen bleibt gewaltig.

Für die öffentliche Debatte heißt das: Wer den Rekord nur feiert, greift zu kurz. Wer ihn nur skandalisiert, ebenfalls. Die Wahrheit liegt dazwischen: Deutschland erleichtert den Zugang zum Pass, und viele Menschen, die teils seit Jahren oder Jahrzehnten hier leben, nehmen dieses Angebot nun an. Das verändert das Land. Und es wird die politische Diskussion über Staatsangehörigkeit, Integration und Zugehörigkeit weiter anheizen.

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