Sprache als Schlüssel zur Integration – „Ich liebe deutsch“

SPEICHER/TRIER. Eines der größten Probleme bei der Integration von Flüchtlingen in unsere Gesellschaft ist die Sprache. Solange die Asylbewerber sich nicht mit uns verständigen können, bleibt das Leben für sie sehr schwierig. Abhilfe können da nur Sprachkurse schaffen, wie sie etwa von der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) Westeifel unter Mithilfe des Bistums Trier angeboten werden.

Tika Weber zeichnet ein Haus an die Tafel. Rechts daneben einen kleinen Baum und links ein Auto. Aufs Dach zeichnet sie mit der Kreide einen Kamin. Dann deutet Weber mit dem Finger darauf. „Was ist das hier?“, fragt sie in die Klasse. „Schornstein“, antwortet Bahar Kazemi. „Genau“, lobt Weber. „Und das hier?“ „Tür“, kommt schnell die Antwort aus der Klasse.

Weber unterrichtet seit Mitte Januar Deutsch für Flüchtlinge. Sie hat 14 Schülerinnen und Schüler aus zehn Ländern. Sie sind zwischen 19 und 56 Jahre alt. Zweimal die Woche kommen sie ins Jugend- und Vereinshaus in Speicher. Noch bis Ende Juni, insgesamt 100 Stunden, dauert der Kurs. Angeboten wird er von der Katholischen Erwachsenenbildung Westeifel, die derzeit insgesamt zwölf Kurse in der Region für Flüchtlinge organisiert.

Die Sprache ist ein wichtiger Schlüssel

„Für uns ist es ganz wichtig, den Menschen, die zu uns kommen, zu zeigen, dass sie hier willkommen sind“, sagt Wolfgang Vierbuchen von der KEB. Egal, wie lange sie bleiben, welchen Beruf sie ausüben, „und ob sie in unser Wirtschaftssystem passen“, betont Vierbuchen. Die Sprache sei ein wichtiger Schlüssel. „Und es ist ein ganz tolles Gefühl, wenn man spürt, dass die Menschen ganz praktisch mehr teilhaben können an dem, was um sie geschieht.“


„Ein bisschen verstehen deutsch“, sagt Bahar Kazemi stolz. „Ich liebe deutsch.“ Die 32-jährige Iranerin kam vor zwei Jahren mit ihrem Mann nach Deutschland. Mittlerweile wohnen sie zu dritt in Speicher, denn vor neun Monaten kam ihr Sohn Mikail zur Welt. Kazemis großer Wunsch: „In Deutschland leben.“ Dasselbe erhofft sich Hamid Ibrahim. Der 37-jährige kommt aus Afghanistan. „Mein Land viel Krieg“, erklärt er. Seit eineinhalb Jahren ist er nun mit seiner Frau und den Kindern in Deutschland. Seine Tochter besucht die zweite Klasse, der Sohn ist im Kindergarten. Ob Ibrahims und Kazemis Wunsch in Erfüllung geht, ist noch offen. Die Entscheidung über ihren Asylantrag steht noch aus. Einen Anspruch darauf, an einem staatlichen Integrationskurs teilzunehmen, haben sie aber erst, wenn sie ihre erste Aufenthaltserlaubnis erhalten.

An solche Flüchtlinge ohne Status richtet sich der Kurs der KEB. „Das Ziel ist, dass sich die Teilnehmer gut verständigen können“, erklärt Kursleiterin Weber. „Etwa, wenn sie zum Arzt gehen, einkaufen oder mit dem Bus fahren.“ Und ihre Schützlinge machten schon gute Fortschritte. Sie stellten immer wieder Fragen. Auch die, denen das Lernen etwas schwerer falle, arbeiteten engagiert mit. „Die wollen alle lernen, das merkt man“, sagt Weber. Ein Schüler sei sogar so ehrgeizig, dass er nach dem Kurs unbedingt eine freiwillige Abschlussprüfung machen wolle. „Da habe ich gesagt, okay“, erklärt Weber. „Da werde ich mir was überlegen.“

Flüchtlingshilfe gehört zu den Kernaufgaben

„Der Bedarf ist einfach riesig“, sagt Vierbuchen über die Sprachkurse für Flüchtlinge. Zwar biete die KEB schon seit Jahren derartige Kurse an, doch sie musste das Angebot ausweiten, um es an die steigende Zahl der Menschen anzupassen, die in Deutschland Asyl suchten. So wurde etwa auch der Kurs in Speicher neu eingerichtet. Die Verbandsgemeinde stellt dort den Raum zur Verfügung und sorgt für den Transport der Kursteilnehmer. Finanzielle Mittel für die Sprachkurse kommen vom Flüchtlingsfonds des Bistums Trier, der 2014 eingerichtet wurde. „Wir sehen es als eine Aufgabe an, die Flüchtlinge willkommen zu heißen und ihnen einen guten Start in eine andere Kultur und einem fremden Land zu ermöglichen“, sagt Stephanie Nickels von der Abteilung Ehrenamt, Bildung und Gesellschaft im Bistum. Flüchtlingshilfe gehöre zur Kernaufgabe der katholischen Kirche, erklärt Nickels. Mit dem Fonds sollen konkrete kirchliche Projekte und Initiativen vor Ort unterstützt und vernetzt werden – wie etwa Begegnungen ermöglichen, Wohnraum schaffen sowie bei der Integration in den Arbeitsmarkt helfen. Und eben Sprache vermitteln.

„Wie viele Wochentage haben wir?“, fragt Tika Weber in die Klasse. Die Antwort kommt sofort und von mehreren Schülern gleichzeitig: „Sieben!“ Weber nickt zufrieden. Auch für die quirlige Frau ist Deutsch nicht ihre Muttersprache. Obwohl man es der 37-Jährigen nicht anhört. Mit 22 Jahren kam sie aus Georgien – ursprünglich als Au-pair, für ein Jahr. Das ist mittlerweile 16 Jahre her. Weber studierte in Deutschland, heiratete und hat mittlerweile zwei Kinder. Deutschland sei ihre „zweite Heimat“. Und ihre Erfahrungen möchte sie an die Klasse weitergeben.

Deutsch ist schwer und „einfach schön“

„Ich weiß, wie die Leute in meiner Klasse sich fühlen“, sagt sie. Und unterrichten mache ihr zudem sehr viel Spaß. Daher nimmt sie sich auch viel Zeit für ihren Kurs, auch außerhalb des Unterrichts. Mit Hilfe verschiedener Bücher erstellt sie Arbeitsblätter für die Klasse. Und zuhause bastelt sie auch schon mal: Aus Zeitschriften und Werbezetteln hat sie diesmal Gegenstände ausgeschnitten, die in einem Haus benötigt werden. Und auf einem großen Pappkarton hat sie ein Haus gezeichnet, ähnlich wie das an der Tafel. Die Schüler müssen die Bilder nun gemeinsam den einzelnen Räumen zuordnen. „Dusche“, sagt Bahar Kazemi. Und fügt gleich hinzu: „Badezimmer.“ Dort findet der Schippsel dann seinen Platz. „Lampe“, sagt Hamid Ibrahim. „Wohnzimmer“, schlägt Kazemi vor. „Nein, Arbeitszimmer“, sagt Ibrahim bestimmt. Gemeinsam füllen die Kursteilnehmer das Haus mit Leben. Und lernen dabei. „Deutsch, ein bisschen schwer“, sagt Ibrahim. Das sei aber nicht weiter schlimm. Denn die Sprache sei auch: „Einfach schön.“

Weitere Informationen zum Flüchtlingshilfe im Bistum Trier gibt online unter www.willkommens-netz.de. Anträge für den Flüchtlingsfonds können formlos über die Pfarreien, Pfarreiengemeinschaften, Dekanate oder Verbände bei der Koordinierungsstelle Flüchtlinge beim Bischöflichen Generalvikariat in Trier gestellt werden.

Informationen zu den Sprachkursen der KEB Westeifel, Kalvarienbergstraße 1, 54595 Prüm gibt es unter Tel.: 06551-96556-0, E-Mail: info@keb-westeifel.de.

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