Paradiespforte im paradiesischen Park – Auftakt der Reihe „Kunsthappen“ im Schönstatt-Zentrum Trier

0
Dr. Kathrin Baumeister im Park des Trierer Schönstatt-Zentrums Foto: Alexander Scheidweiler

In einer vierteiligen Vortragsreihe, die sich an ein breites Publikum richtet, stellt die Kunsthistorikerin Dr. Kathrin Baumeister Meilensteine der Kunstgeschichte vor. Den Auftakt machte die Paradiespforte von Lorenzo Ghiberti. Der Park des Schönstatt-Zentrums gibt dazu einen schönen Rahmen ab.

Ein Bericht von Alexander Scheidweiler

„Habe ich Konkurrenz bekommen?“, fragt Kathrin Baumeister und lacht. Die Kunsthistorikerin und Theologin sitzt unter der mächtigen Blutbuche im Park des Trierer Schönstatt-Zentrums und hält vor einer kleinen Gruppe interessierter Zuhörer das erste Referat ihrer in Kooperation mit der Volkshochschule organisierten Vortragsreihe „Kunsthappen“. Hinter ihr springt gerade ein freches Eichhörnchen vorbei. Der kleine Nager huscht immer wieder den dicken Stamm der Blutbuche rauf und runter, zieht die Aufmerksamkeit des Publikums ab von den Werken auf der Leinwand und von Baumeisters Ausführungen. „Der interessiert sich auch für Kunst“, meint eine Zuhörerin schmunzelnd. Irgendwann jedoch hat das Eichhörnchen genug von der Kunst der Renaissance, und Kathrin Baumeister hat wieder die volle Aufmerksamkeit der Anwesenden.

Foto: Alexander Scheidweiler

Sie spricht über die Paradiespforte von Lorenzo Ghiberti, die mit zehn vergoldeten Bronzen geschmückte Tür des Ostportals des Florentiner Baptisteriums, der in ihrer architekturgeschichtlichen Bedeutung kaum zu überschätzenden Taufkirche unmittelbar an der weltberühmten Kathedrale Santa Maria del Fiore. 27 Jahre arbeitete der Bildhauer Mitte des 15. Jahrhunderts an den Bronzen, die Szenen aus dem Alten Testament darstellen. Zuvor hatte Ghiberti bereits das Nordportal gestaltet, das mit 20 Szenen aus dem Leben Jesu geschmückt ist. 20 Jahre hatte dies gedauert. Die beiden Tore – ein künstlerisches Lebenswerk, geschaffen für eine Kirche, die in der Geschichte des so bedeutenden Stadtstaates Florenz auch deshalb eine zentrale Rolle spielte, weil sie als Taufkirche für alle Florentiner fungierte. Dass jahrhundertelang alle Bürger im selben Taufbecken getauft wurden, stärkte den sozialen Zusammenhalt enorm, erklärt Baumeister.

Vor fünf Jahren habe sie begonnen, Park- und Baumführungen anzubieten, die auch sehr gut angenommen worden seien, so Baumeister im Gespräch mit Lokalo.de. Doch dann kam die Pandemie: Immer wieder plante sie Vorträge und Führungen, immer wieder mussten die Veranstaltungen abgesagt werden. Ausgesprochen frustrierend war das. Bestimmt 50 Mal habe sie einen Event geplant, bestimmt 50 Mal konnte er nicht durchgeführt werden. Umso schöner sei es gewesen, jetzt die Vortragsreihe „Kunsthappen“ in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Trier und dem Tagungszentrum der Schönstätter Marienschwestern durchzuführen. Diese hätten sich ebenfalls sehr darauf gefreut, endlich wieder öffnen zu können. Hier, im Park, unter freiem Himmel, können die Vorträge ohne jedes Corona-Risiko abgehalten werden. Und Zelte stehen auch bereit, falls es doch einmal regnen sollte.

Überhaupt ist der Park ein wahrhaft idyllisches Plätzchen, wie gemacht, um sich mit Kunst zu beschäftigen. Die Bäume stehen unter Naturschutz, führt Baumeister aus, es sind einige wirklich besondere darunter, neben der Blutbuche, die v.a. im Frühjahr ihre tiefrote, fast schwarze Färbung zeigt, etwa ein Mammut- und ein Tulpenbaum, der so heißt, weil seine Blütenkelche tatsächlich aussehen wie Tulpen. Bei dem Gelände handelt es sich ursprünglich um den Villenpark der Trierer Brauerei-Dynastie Caspary, die seit 1788 in Trier tätig war. Rudolf Caspary verkaufte das Unternehmen Ende 70er-Jahre an Binding; Anfang der 80er siedelten sich dann die Schönstatt-Schwestern hier an, deren spirituelles Zentrum sich in Vallendar bei Koblenz befindet. Auch ihr Ordensgründer, Pater Josef Kentenich, war zuvor immer wieder in Trier zu Gast gewesen. Am Rande des Parks steht das typische, kleine Marien-Kapellchen, dessen Tür einladend geöffnet ist. Auch ein Kinderspielplatz gehört zum Park.

Zurück zur Kunstgeschichte: Im Zentrum ihrer vierteiligen Vortragsreihe, erläutert Baumeister, steht eigentlich Auguste Rodin. Wer einmal das Musée Rodin im siebten Pariser Arrondissement besucht habe, der könne sich dem Zauber seiner Plastiken nicht entziehen. Und so wird sich denn der zweite Vortrag mit Rodins „Höllentor“ befassen, das eine Szene aus Dantes „Inferno“ darstellt. Dann folgt ein Vortrag über Rodins wohl bekanntestes Werk, den „Denker“ – der auch am Höllentor wieder auftaucht – bevor das für die Moderne wegweisende „Eherne Zeitalter“ den Abschluss bildet. Die Vorträge richten sich an ein allgemeines Publikum, so Baumeister. Spezialkenntnisse in der Kunstgeschichte braucht man nicht. Sie bilden zwar eine Reihe, man kann aber auch jeden einzeln und für sich hören.

Ghiberti bildet deshalb den Auftakt, weil Rodin sich durch seine Florentiner Paradiespforte inspirieren ließ – wie so viele Künstler vor ihm. Für mindestens 300 Jahre habe Ghibertis Werk die Kunstgeschichte maßgeblich beeinflusst, betont Baumeister, insbesondere eben die besonders schöne Paradiespforte. Sie zitiert den Kunsthistoriker Michael Schwarz, der zu sagen pflegte, die abendländische Kunstgeschichte sei eine Fußnote zum Baptisterium von Florenz, zu dem eben Ghibertis Paradiespforte wesentlich gehört. Und von keinem Geringeren als Michelangelo, der Ghiberti als seinen geistigen Lehrer ansah, stammt die Bemerkung, die Paradiespforte sei würdig, den Eingang des wahren, himmlischen Paradieses zu schmücken. Am Beispiel der Erschaffung Adams zeigt Baumeister auf, wie Michelangelo sich von der Ghiberti-Bronze zu seinem berühmten Fresko in der Sixtinischen Kappelle anregen ließ.

Dabei gehören Ghiberti und Rodin auch insofern zusammen, als sie beide nicht nur Tore künstlerisch gestaltet haben, sondern auch jeweils das Tor in eine neue Epoche aufgestoßen haben: So wie Rodins Plastik am Beginn der Moderne steht, stellt Ghibertis Werk einen Meilenstein am Übergang vom Mittelalter zur Renaissance dar – durch die große Realitätsnähe etwa, die Plastizität seiner Figuren, den Abschied von überkommenen Mustern wie dem Vierpass als symbolträchtigem Bildrahmen. Auch der Umstand, dass Ghiberti als erster ausführender Künstler das Bildprogramm der Paradiespforte und dessen Gliederung selbst entworfen hat, zeigt die neue Bedeutung der Kunst und des Künstlers in der Renaissance.

Den Abschluss des Vortrags bildet eine Frage- und Gesprächsrunde. Getränke stehen bereit. Es ist ausdrücklich erwünscht, im Anschluss an die Kunsthappen ins Gespräch und ins Philosophieren über das Thema zu kommen, mit der Referentin oder untereinander, ganz zwanglos, zumal der Park ohnedies zum Verweilen einlädt. „Ich finde wichtig, dass die Menschen reden – und sich auch wirklich trauen zu reden“, sagt Kathrin Baumeister. Denn Kunst sei im Grunde eine Form der Kommunikation. Und die sei immer dann am schönsten, wenn man sich ihr in der Natur widmen könne.

Vielleicht könnten sich noch etwas mehr Menschen am Gespräch beteiligen. Platz genug bietet der malerische Schönstatt-Park.

Für die Vortragsreihe „Kunsthappen“ kann man sich auf der Seite der VHS Trier anmelden. Informationen gibt es auch unter info@thekottabos.eu und 0651/75571. Die weiteren Termine sind: 2.7., 9.7. und 16.7.

Vorheriger Artikel++ Corna-Inzidenz im Saarland sinkt weiter – jetzt nur noch 8,2 ++
Nächster Artikel++ Oh weia! Erhöhte UNWETTERGEFAHR – Woche voller Gewitter und Unwetter erwartet ++

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Klarname ist nicht erforderlich. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, wird aber nicht veröffentlicht.