Ausbrechen und auf große Fahrt gehen – „Huckleberry Finn“ als Familien-Musical am Theater Trier

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Huckleberry Finn (Lennart Hillmann) und sein Freund Jim (Jubril Sulaimon) Foto: Martin Kaufhold

Das Publikum ließ sich von den Melodien mitreißen und klatschte zum Rhythmus eifrig mit. Das Familien-Musical am Theater Trier zeigt: „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ sind unvergänglich.

Ein Bericht von Alexander Scheidweiler.

„First traveling Burgtheater“, so steht es am gestrigen Nachmittag auf der Kulisse im Theatergarten des Theaters Trier. Und der Herzog von Bridgewater (Klaus-Michael Nix) legt denn auch großen Wert darauf, es immer wieder zu betonen: Er sei „der erste fahrende Burgtheaterdirektor der Vereinigten Staaten“ und habe mehr Theaterfeuer in seinem linken kleinen Zeh als die junge Generation in ihrem ganzen Leib. „Eine Trutzburg der Kultur inmitten der Barbarei“ solle sein Wandertheater an den Ufern des Mississippi sein, denn: „Wir überlassen den Banausen nicht das Feld.“ Große Ansprüche, die er erhebt, gemeinsam mit seiner Tochter Cordelia (Luiza Braz Batista), der eigentlichen Seele der kleinen Theatertruppe, sowie seiner Frau, der „Königin“ (Stephanie Theiss), die auch im Grunde immer nur Königinnen spielen will – am besten Elisabeth I. von England oder gleich Cleopatra – und die dementsprechend mit einer etwas verunglückten Version von Lady Macbeths Blutfleck-Monolog eingeführt wird.

Man merkt sogleich, was hier gespielt wird: Es sind Motive aus Mark Twains „Abenteuern des Huckleberry Finn“, mit denen seit Erscheinen des Buches im Jahre 1884 Generationen von Kindern aufgewachsen sind, entweder durch die Buchfassung oder die zahllosen Adaptionen für Film und Fernsehen oder durch beides. Die Geschichte des Ausreißers Huck Finn (Lennart Hillmann) aus Missouri, der die Misshandlungen seines Alkoholiker-Vaters nicht mehr ertragen kann, und seines Freundes Jim (Jubril Suleimon), der der Sklaverei entlaufen ist und in den freien Norden will, ist im Grunde zeitlos, regt die Phantasie an – von Kindern und von Erwachsenen – und lädt zum Träumen ein: Wer möchte nicht einfach mal den Zwängen des Alltags entfliehen, auf große Fahrt gehen, einfach mit dem Floß den mächtigen Mississippi befahren, sich verkleiden, jemand anders sein und Abenteuer erleben? Eine Ursehnsucht des Menschen, die Kunst und Literatur zu allen Zeiten umgetrieben hat, von den Reisen des Odysseus über die großen Aventiure-Fahrten mittelalterlicher Ritter-Romane bis hin zum Genre moderner Road Movies.

Doch bloße Träumerei und selbstgenügsamer Spaß ist es natürlich nicht, was das Theater Trier hier mit „Die Abenteuer des Huckleberry Finn. Dargestellt von ihm selbst und seinen Freunden“ als Familien-Musical ab sechs Jahren in der Inszenierung von Lajos Wenzel nach der Vorlage von John von Düffel auf die Bühne gebracht hat: Die Freiheitsthematik und -problematik, die auch für das Twain’sche Original so zentral ist, wird immer wieder in kindgerechter Form an- und ausgeleuchtet, so wenn Jim davon spricht, dass das, was für manche Menschen ein Abenteuer ist (eben auf große Fahrt zu gehen), anderen als Verbrechen ausgelegt wird – also z.B. ihm, weil er sich der Sklaverei entziehen wollte. Oder wenn Huck seinen Freund fragt, woher er denn wissen wolle, wann ihr Floß den Ohio River und damit den freien Norden erreicht habe, und dieser erwidert, dass jemand, der einmal Sklave gewesen sei, spüre, wenn er die Freiheit erreicht habe. Oder wenn Jim beiläufig erwähnt, dass seine Vorfahren ja nun nicht gefragt worden seien, ob sie in Amerika auf den Baumwollplantagen schuften wollen.

Jim wird steckbrieflich gesucht. Foto: Martin Kaufhold

Vor allem aber werden viele humorvolle und unterhaltsame Episoden aus Mark Twains Buch dargestellt, denn der Herzog und die Königin beschließen auf Cordelias Vorschlag, die Abenteuer von Huck und Jim unter deren Mitwirkung an ihrem „fahrenden Burgtheater“ aufzuführen, so dass die zur Premiere im Theatergarten zahlreich erschienenen Kinder und deren Eltern ein Theaterstück sahen, in dem ein Theaterstück aufgeführt wurde, in dem Abenteuer von denjenigen gespielt werden, die sie selbst erlebt haben, von denen wir aber zugleich wissen, dass sie eigentlich Romanfiguren sind – eine fast schon geniale Verschachtelung der Ebenen von Fiktion und Realität. Jedenfalls erleben wir Huck, wie er als Mädchen verkleidet versucht, essen zu schnorren, und sich dabei durch sein wenig mädchenhaftes Verhalten verrät, werden Zeugen der turbulenten Flucht von Huck und Jim vor einem schießwütigen Kopfgeldjäger und schauen Huck dabei zu, wie er Jim in letzter Minute vor dem Sheriff rettet, dem die Familie Phelps Jim ausliefern will, um die auf seinen Kopf ausgesetzte Belohnung zu kassieren.

Zusätzlichen Schwung erhalten „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ durch die Gesangs- und Tanznummern zu eingängigen Melodien, gespielt von Luiza Braz Batistas Band, deren Rhythmus die Zuschauer am Ende zum Mitklatschen animierte. Ein großes Lob geht an alle Mitwirkenden, die den Figuren je ihre charakteristische Eigenart verleihen: Klaus-Michael Nix spielt einen Herzog, dessen Großsprechertum sich ständig selbst parodiert, Stephanie Theiss’ Königin ist sowohl als Möchtegern-Lady-Macbeth wie auch als Hotzenplotz-artiger Kopfgeldjäger ein Vergnügen, Luiza Braz Batistas Cordelia ist wirklich die gute, empathische Seele des Ganzen, die sich mit dem Schicksal von Huck und Jim identifiziert, Lennart Hillmann verkörpert glaubhaft den jungenhaften Charme der Hauptfigur und Jubril Sulaimon zeigt uns einen inspirierenden Jim voller Freiheitssehnsucht, der sich von seinem schweren Schicksal Lebensmut und -freude nicht hat rauben lassen.

Wie gesagt: Das Publikum ließ sich am Ende von der Musik wirklich mitreißen, klatschte zum Rhythmus des leitmotivischen Lieds über die Liebe zum Freisein, zu Ufer, Wasser und Wind enthusiastisch mit und spendete reichlich Applaus. Leuchtende Kinderaugen und zufriedene Gesichter bei Eltern und Großeltern zeigten, dass „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ wahrhaft unvergänglich sind.

weitere Termine: 13.6., 18.6., 19.6.

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