Seit Wochen sind die Läden wieder auf, doch Shoppen ist mit Maske nicht dasselbe. Unter dem Strich sind die Umsätze längst noch nicht wieder auf dem Vorkrisen-Level. Doch es gibt auch Gewinner. Der Handelsverband beklagt Unterschiede zwischen den Bundesländern.
Auch Wochen nach der Wiedereröffnung ist der Einzelhandel in Rheinland-Pfalz noch weit von Normalität entfernt. Insgesamt lägen die Umsätze zwischen 60 und 70 Prozent des Normalen, sagte der Präsident des Handelsverbandes Mitte, Jan Sebastian, der Deutschen Presse-Agentur in Mainz. Allerdings zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Sparten. Harsche Kritik übte er an der Landesregierung, Sebastian sieht Wettbewerbsnachteile im Vergleich zu den Einzelhändlern etwa im benachbarten Hessen.
In Grenzen halte sich nach wie vor das Geschäft mit Artikeln, die die Menschen nicht unbedingt bräuchten, berichtete Sebastian. Das treffe zum Beispiel Juweliere oder auch Parfümerien. Es sei einfach nicht so schön, Ohrstecker samt einem Collier mit Maske im Gesicht zu probieren. Es stelle sich nicht das übliche Schlender- und Einkaufsgefühl ein, vielen gehe es eher um gezieltes Einkaufen in diesen Tagen. «Die Lust ist noch nicht richtig da.»
Neue Kleider könnten auch nicht so präsentiert werden wie sonst, es gebe nach wie vor weniger Ausgehmöglichkeiten. Auch das Anprobieren mit Maske sei für viele kein Vergnügen. Der Textilhandel leide massiv, sagte Sebastian. Von guten Geschäften berichteten ihm zufolge Spielwarenläden, dort seien etwa Puzzle oder Gesellschaftsspiele sehr gefragt. Laufläden profitierten ebenfalls, mehr Menschen als sonst griffen zu Laufschuhen. Positive Signale gebe es zudem von Baumärkten, dem Buch- und dem Elektrohandel.
Ähnlich klingt das bei der stellvertretenden Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Koblenz, Karina Szwede. Sie sieht den Handel in den Innenstädten bisher als Verlierer. Rückmeldungen von Unternehmen zeigten, dass Kundenfrequenzen und -umsätze dort deutlich unter dem Level aus der Zeit vor der Krise lägen. Besser sehe es bei Läden für Sport- oder Babybekleidung aus. Szwede verwies auf Ergebnisse der Frühsommer-Umfrage der IHK. Demnach rechnet im Handel im Kammerbezirk Koblenz knapp die Hälfte der Betriebe mit einer schlechten oder schlechteren Geschäftslage.
Verbandsvertreter Sebastian glaubt, dass in der Corona-Krise der ein oder andere weitere Kunde an den Onlinehandel verloren gegangen ist. Ein Indiz dafür ist, dass beispielsweise der Online-Modehändler Zalando entgegen der Prognosen für den Modemarkt insgesamt in diesem Jahr mit einem Umsatzplus von zehn bis 20 Prozent rechnet. In einer Mitteilung von Anfang Mai hieß es, Wachstumstreiber sei die Verschiebung der Kundennachfrage von Offline nach Online. «In Zeiten, in denen der stationäre Handel in vielen Ländern Europas durch Ausgangsbeschränkungen stark betroffen ist, verlagern Marken größere Anteile ihres Geschäftes ins Digitale, um ihre Kunden weiterhin erreichen zu können.»
Nach Einschätzung Sebastians hat aber auch der stationäre Handel dazugelernt. Viele Betriebe seien in der Phase des Locksdowns selbst online aktiv geworden. Hoffnung macht dem Inhaber eines Juweliergeschäfts in Mainz auch die «Solidarität vieler Menschen mit dem Innenstadt-Protagonisten». Wie sich die in den kommenden Wochen und Monaten weiter entwickele, müsse abgewartet werden. Eine «grunddepressive Stimmung bei Gewerbetreibenden» sieht Sebastian trotz allem nicht. Man fährt eher mit angezogener Bremse», sagte er. Der Staat tue auch viel, um Liquidität zu erhalten. Mit Kurzarbeit könnten Betriebe Kosten senken, die Gewerbesteuer werde ausgesetzt.
An anderer Stelle übt Sebastian deutliche Kritik am Staat, genauer an der Landesregierung. Hessen habe Einzelhändlern eine Öffnung an Sonntagen ermöglicht, mittlerweile geht das noch für einige Stunden. In Rheinland-Pfalz sei das nicht so, hier seien nach wie vor wenige verkaufsoffene Sonntage nur in Verbindung mit einem Anlass möglich wie Stadtfeste. Doch die seien in diesem Jahr abgesagt, de facto seien keine verkaufsoffenen Sonntage machbar. «Das ist eine ganz klare Wettbewerbsverzerrung.» Auch seien in anderen Ländern Hilfen ohne Rückzahlungsverpflichtung gewährt worden, hierzulande nicht.
In einem Schreiben an die Mainzer Staatskanzlei, das Arbeits- sowie das Gesundheitsministerium stößt sich der Handelsverband Mitte auch daran, dass eine Landesverordnung, die dem Outlet-Center in Zweibrücken Öffnungen an Sonntagen auch in Schulferien gestattet, nicht außer Kraft gesetzt worden sei. «Die Haltung des Arbeitsministeriums ist hier nicht nachzuvollziehen und stößt auf vehementes Unverständnis», heißt es in dem Schreiben.
Aus dem Ministerium heißt es, für das Ladenschlussrecht seien nunmal die Länder alleine zuständig, unterschiedliche Regelungen in grenznahen Gebieten ließen sich nicht vermeiden. Eine Übertragung der hessischen Regelung auf Rheinland-Pfalz werde aufgrund des verfassungsrechtlich gebotenen Sonntagsschutzes für rechtlich bedenklich gehalten. «Ein Bedarf für zusätzliche Öffnungszeiten für die Verbraucherinnen und Verbraucher an Sonntagen ist aus Gründen des Infektionsschutzes derzeit nach unserer Ansicht nicht erkennbar.» Auch würde eine solche Regelung hierzulande bei Gewerkschaften und Kirchen auf Unverständnis stoßen.
Die Industrie- und Handelskammern hätten den Wunsch nach Ausnahmen für die Sonntagsöffnung ebenfalls an die Regierung herangetragen, teilte das Ministerium weiter mit. Die Kammern wollten Gespräche mit Gewerkschaften und Kirchen initiieren. «Die Landesregierung steht einer einvernehmlichen Lösung grundsätzlich offen gegenüber.»















