“Lieber Herr Spahn, …” – Waldracher Hausarzt schreibt Brand-Brief an Gesundheitsminister!

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Symbolbild; Foto: dpa (Patrick Pleul)

WALDRACH. Die Entscheidung, weniger Impfstoff der Unternehmen Biontech/Pfizer für Hausarztpraxen bereitzustellen sorgt derzeit für reichlich Chaos und Unverständnis bei vielen Ärzten. In einem Protest-Brief an (noch) Gesundheitsminister Jens Spahn, schildert Dirk Hagenburger, niedergelassener Hausarzt aus Waldrach (Kreis Trier-Saarburg), die aktuelle Situation in seiner Praxis. Dabei schildert Hagenburger eindrucksvoll, welches Chaos immer wieder neue politische Entscheidungen verursachen und welche Konsequenzen er daraus zieht.

Der Protestbrief im Wortlaut:

“Sehr geehrter Herr Gesundheitsminister, lieber Herr Spahn!

Vielleicht darf ich mich kurz vorstellen. Mein Name ist Dirk Hagenburger, 45 Jahre alt, seit 2012
niedergelassener Hausarzt in Waldrach, Rheinland-Pfalz. Unsere Gemeinschaftspraxis liegt in einem
beschaulichen Weinanbaugebiet an der Ruwer, in einem Seitental der Mosel, nette Menschen,
soweit also alles gut, Traumjob gefunden.

Und dann kam Corona…

Seither sind wir eigentlich nicht mehr als selbstständige Ärzte tätig, sondern setzen nur noch die uns
von der Politik auferlegten Vorgaben um.

Aus der einen Praxis mussten wir gefühlt drei Praxen schneidern, eine für Infektpatienten, eine für
Impfungen und eine, man soll nicht glauben, dass es sie noch gibt, für die normalen Kranken.
Diese Maßnahmen stellen uns jeden Tag vor Aufgaben, die auf Dauer weit über das Maß des
Ertragbaren hinausgehen. Wir verlangen von unseren Helferinnen und Ärzten, die täglich eine
wirklich herausragende Leistung erbringen, sich ständig auf neue Erlässe der Politik einzustellen und
sie unseren Patienten zu vermitteln.

Die Politik hat es leider erneut versäumt, sich auf eine erneute Welle der Pandemie vorzubereiten.
Es wurden Impfzentren geschlossen, weil ja nicht zu erwarten war, dass uns auch 2021 ein Winter
bevorsteht, der alleine schon witterungsbedingt die Infektzahlen in die Höhe treibt.
Jetzt liegt es also wieder in der Verantwortung der Menschen die draußen in den Praxen am
Patienten arbeiten, die Versäumnisse aufzuarbeiten.

Wir müssen uns dabei täglich vor unseren Patienten rechtfertigen, warum sich die
Gesundheitsminister der Länder und die in Lichtgeschwindigkeit arbeitende STIKD nicht einig sind,
was die Empfehlung für Booster-Impfungen anbelangt und müssen uns von einem, in meinen Augen
völlig weltfremden Prof. Karl Lauterbach anhören, wir müssten die Boosterimpfungen nach Alter und
Erkrankung priorisieren, was de facto aufgrund der Vielzahl der Anfragen (unser Telefonsystem ist
beispielsweise schon lange ausgestiegen) in keinster Weise mehr umsetzbar ist.

Dann kommt ein besonders schlauer Kommentar des Gesundheitsministers von NRW dessen Name
mir bis dato gar nicht geläufig war, die Ärzte sollen samstags lieber impfen statt golfen! Ich kann
nicht golfen, aber mein fünfjähriger Sohn wird sicherlich gerne auch samstags auf seinen Papa
verzichten, darin hat er ja mittlerweile Routine.

Wir haben bereits, bevor Herr Laumann diese Aussage getätigt hat, erkannt, dass wir die hohe
Nachfrage nach Impfungen nicht mehr in der Wochenarbeitszeit bewältigen können und daher für
unsere Praxis 700 Impftermine an zwei Samstagen freigeschaltet, die innerhalb von knapp 48
Stunden ausgebucht waren.

Nach vorheriger Absprache mit unserem Apotheker, der uns zusagte, dass genügend Impfstoff der
Firma BioNTech / Pfizer zu Verfügung steht, wurde allen Patienten (insgesamt stehen ca. 2000
Patienten verbindlich auf unserer Impfliste, da wir neben den genannten Samstagsterminen ja auch
noch während der Woche impfen) versichert, dass sie eben mit BioNTech geimpft werden, was auf
breite Zustimmung getroffen ist.

Tja, und dann kamen Sie..

Am gestrigen Tag haben Sie dann rausgehauen, dass ab sofort die Auslieferung des o.g. Impfstoffes
auf 30 Impfdosen pro Arzt pro Woche limitiert wird, weil ja noch genug Impfstoff eines anderen
Herstellers vorhanden ist, der ansonsten im Frühjahr verfällt.
Bitte erklären Sie mir einmal, wie das bei Ihnen rein praktisch abläuft! Kommt da irgendwann ein
Mitarbeiter aus dem Lager Ihres Ministeriums zu Ihnen, klopft Ihnen auf die Schulter und flüstert:
„Hey Chef, ich hab da unten grad Inventur gemacht, wir haben noch ziemlich viel Moderna über, der
müsste jetzt erstmal weg…”?!

Und dann machen Sie sich wieder einmal einen Spaß daraus, „Buh” zu machen und die gesamte
Ärzteschaft nebst aller, die am Patienten arbeiten, geht in die Knie.

Ich erkläre Ihnen mal wie ich das in unserer Praxis umsetzen werde!

Ich werde nicht schon wieder wegen Ihnen (damit meine ich nicht nur Sie persönlich, sondern auch
die Damen und Herren der STIKO, von deren Arbeit ich bis zum Ausbruch der Pandemie tatsächlich
überzeugt war mein Wort brechen und einen anderen Impfstoff verwenden, mit dem ich keinerlei
Erfahrung und in den meine Patienten nicht das nötige Vertrauen haben!

Und ich werde auch nicht von meinen Mitarbeiterinnen, die eh schon auf dem Zahnfleisch gehen
und täglich AuBergewohnliches leisten, verlangen, 2000 Patienten anzurufen und, unserer
Aufklärungspflicht folgend, zu diskutieren, warum jetzt doch ein andere Impfstoff zum Einsatz
kommt.

Soll heißen, dass wir, sollten wir nicht Impfstoff der Firma BionTech / Pfizer in ausreichender Menge
erhalten, uns ab sofort diesem Wahnsinn entziehen und keinerlei Impfungen mehr durchführen
werden.

Vielleicht können ja Sie, lieber Herr Spahn, gemeinsam mit Herrn Prof. Lauterbach, Herrn Laumann
und dem für die Inventur im Keller zuständigen Mitarbeiter für uns in die Presche springen und
unseren Job übernehmen. Wir werden uns dann wieder um die Kranken kümmern.

Herzliche Grüße und bleiben Sie gesund.

Dr. med. Hagenburger”

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5 KOMMENTARE

  1. Hallo Herr Dr. med. Hagenburger,

    Sie haben meine Volle Zustimmung zu den von Ihnen geschilderten Zuständen.
    Zuerst bindet man die Haus-, Betriebsärzte zu spät mit ein , dann schließt man die Impfzentren und öffnet sie zu spät wieder.
    Erwarten Sie bitte von unseren Politikern keine Fachkompetenz. In meinen Bekanntenkreis kursiert das Gerücht, das Frau Merkel mal gefragt hat wer möchte welches Ministerium. Da im gleichen Moment jemand nießen musste sagte Herr Spahn Gesundheit.Und zack war der erste Posten vergeben.

  2. Dieser Brandbeief stellt die jetztige, tatsächliche und reale Welt eines impfenden Arztes dar.
    Was in der Politik vorgeht ist weltfremd und dem geschuldet, dass kaum ein Politiker Bodenhaftung hat und noch Kenntnis besitzt, was in der “normalen” Welt passiert.

  3. Super Brief! Solche Ärzte braucht das Land und solche Leute bräuchte man in der Politik! Wir können nur hoffen das unsere (H) Ampelmänner es angehen und was tun! Viel versprochen und erzählt wurde ja schon, jetzt müssen Taten her, um die gefühlten 8 Jahre Duldungsstarre der scheidenden Minister und Kanzlerin wieder in Bewegung zu setzen. Es bleibt zu hoffen, dass die neue Regierung einen neuen Weg in Gesundheit, Bildung, Rente, Integration uvm. einschlägt und nicht nur gut bezahlte Posten abgreift und in die selbe Kerbe schlägt wie alle zuvor!! Ebenso müssen wir als Volk lernen es anzugehen und die Komfortzone mal zu verlassen und tun statt jammern!
    Bis dahin bleibt alle gesund und trotz aller Widrigkeiten eine schöne und besinnliche Weihnachtszeit!

  4. Hallo Herr Dr. Hagenburger, ich finde es toll, dass sie die Realität so darstellen. Vom Schreibtisch aus ist immer schnell entschieden und das nicht immer zum Vorteil für die Situationen. Ein dickes Lob!!!

  5. Dieser Brief zeigt die Unfähigkeit der Politik. Die Damen und Herren leben in ihrer eigenen Welt, sind weder fachlich kompetent und ignorieren Wissenschaftler, die ständig vor dieser Situation gewarnt haben. Am meisten ärgert es einen, wenn jetzt wieder wir dafür verantwortlich gemacht werden. Wir müssen uns für unsere Fehler verantworten ansonsten verlieren wir bei derartige Verhalten unseren Job. Es ist echt unglaublich und kostet unnötiges Leid.

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