Komödie „Extrawurst“ startet am Theater Trier mit furioser Premiere

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Bei der Mitgliederversammlung von "Fortuna Moselaue" geht es hoch her. Foto: Theater Trier

Die neue Komödie „Extrawurst“ am Theater Trier packt das heiße Eisen Integration auf witzige Weise an.

Ein Bericht von Alexander Scheidweiler

Autor Moritz Netenjakob ist sichtlich hochzufrieden: Hervorragend habe die Trierer Schauspieltruppe unter der Leitung von Thomas Peters seine neue Komödie „Extrawurst“, die er gemeinsam mit Ko-Autor Dietmar Jacobs verfasst hat, umgesetzt: „Tolle Darsteller! Alle Gags sind im Ziel gelandet“, freut sich Netenjakob, der u.a. für die Erfolgsserie „Stromberg“ Drehbücher geschrieben hat. Insbesondere bei einer Open-Air-Aufführung sei das nicht selbstverständlich: „Das Publikum sitzt weiter auseinander, da springt der Funke nicht immer über“, so der Autor. Auch Regisseur Peters lobt die tolle Interaktion seiner Schauspieler mit den Zuschauern im Theatergarten, und Pressereferent Christoph Traxel ist glücklich, dass die Premiere des Stückes, die zugleich die Premiere für die neue Spielstätte unter freiem Himmel war – eine „Blüte Coronas“, wie er sagt – bei bestem Wetter rundum gelungen ist.

Doch der Reihe nach. Blenden wir anderthalb Stunden zurück:

Rund 140 Besucher haben sich am Mittwoch Abend um 19.30 Uhr im Garten des Theaters Trier eingefunden und an den dort aufgestellten Tischen Platz genommen – 40 Zuschauer mehr, als bei einer Aufführung in den Innenräumen zugelassen gewesen wären. Es ist ein warmer Sommerabend mit Urlaubsfeeling. Bitburger und Aperol Spritz stehen auf den Tischen, während über Lautsprecher die Vereinshymne des fiktionalen Tennisklubs „Fortuna Moselaue“ auf das Theaterstück einstimmt, eine Schunkelmelodie über pathetische Sporthymnenphrasen wie „Fortuna Moselaue, verdammt ich liebe dich!“

Solchermaßen eingeschwungen, wird das Publikum sodann Zeuge, wie auf der Bühne Dr. Heribert Bräsemann (Michael Hiller), jovial-begütigender Vereinsvorsitzender der Fortuna, die schon weit fortgeschrittene Mitgliederversammlung des Klubs ihrem Ende und die Anwesenden dem heiß ersehnten Buffet zuzuführen versucht. Doch vergebens! Bräsenmanns umtriebiger Vize Matthias Scholz (Martin Geisen), sehr von der eigenen Wichtigkeit überzeugt, zögert den Abschluss der Sitzung mit einem weitschweifigen Vortrag über die Mängel des bisherigen und die Vorzüge des neu anzuschaffenden Vereins-Grills hinaus, der beim beliebten Sommerfest der Fortuna den „Wurstausstoß“ deutlich steigern soll. Allein auch dieses ausufernde Referat ist irgendwann zu Ende, die Anschaffung des neuen Grills beschlossen, und das Buffet kann eröffnet werden – hofft zumindest Dr. Bräsemann.

Doch erneut weit gefehlt! Melanie Pfaff (Marsha Zimmermann) wendet ein, dass ihr Partner im gemischten Doppel, Erol Outran (Giovanni Rupp), auf Grund seines islamischen Glaubens kein Schweinefleisch esse. Die Würstchen, die beim Sommerfest gegrillt werden, enthalten aber nun einmal Schweinefleisch. Da sollte man schon allein aus Gründen der Höflichkeit einen zweiten Grill anschaffen, den Erol dann zur Zubereitung von Sucuk nutzen könne. Zwar erklärt Erol, gar keinen Zusatzgrill zu wollen, doch Melanie insistiert, so dass Erol schließlich doch um- und auf Melanies Linie einschwenkt. Dies gefällt wiederum Matthias nicht: Er will nicht, dass die „Türkenwurst“ zur für das Stück titelgebenden „Extrawurst“ wird. Hierauf greift Thorsten ein, der von seiner vermeintlichen Intellektualität und stets betonten, aufgeklärten Toleranz vielleicht ein bisschen zu sehr eingenommene Ehemann Melanies, seines Zeichens Atheist und Vegetarier, und mahnt in seiner Eigenschaft als Werbetexter, man müsse auf die Sprache achten – „Türkenwurst“, das gehe nun wirklich nicht!

In kürzester Frist eskaliert die Situation und die Sitzungsteilnehmer liegen einander in den Haaren. Auch wenn Vereinspatriarch Dr. Bräsemann immer wieder erfolglos die Wogen zu glätten versucht – die geplante Anschaffung des neuen Grills wird zum Aufhänger für weltanschauliche Grundsatzdiskussionen, ob und in welchem Maße Minderheiten sich der Mehrheit anpassen müssen oder vielmehr die Mehrheit dem Lebensstil der Minderheit Platz zur Entfaltung lassen muss, ob religiöse Intoleranz die Wurzel allen Übels ist oder nicht eher Atheisten mindestens genauso missionarisch sein können wie religiöse Fundamentalisten, ob Muslime Integrationsverweigerer sind oder die Mehrheitsgesellschaft ihnen die Integration durch Diskriminierung verunmöglicht, was eine noch akzeptable Meinungsäußerung ist und wo Pediga-Sprech beginnt etc. etc. Und so reden sich alle Figuren des Stückes nach und nach in Rage und klettern auf ideologische Bäume, von denen sie nicht mehr herunterkommen.

Neben einem originellen Wortwitz mit saloppen Sprüchen und witzigen One-Liners entsteht die Komik von „Extrawurst“ dabei v.a. aus dem Missverhältnis von banalem Anlass (der neue Grill) und überbordender Erregung (über die erwähnten, weltanschaulichen Grundsatzfragen). Dabei ist die Figurenpsychologie, von den Trierer Akteuren schauspielerisch glänzend dargeboten, interessanter als man bei der heiteren Muse erwarten würde: Jacobs und Netenjakob parodieren gekonnt die kleinbürgerlichen Anti-Ausländer-Ressentiments Matthias‘, den gekränkten Stolz und die latente Opfermentalität Erols, das unterschwellige Hingezogensein Melanies zu dem viril-athletischen Erol und die Unsicherheit, mit der der verkopfte, zögerliche Thorsten auf die erotische Spannung zwischen seiner Frau und ihrem Tennispartner reagiert. Und schließlich die bräsige und irgendwie sehr deutsche, hilflos auf Versöhnung drängende Jovialität Dr. Bräsemanns, dem am Ende, als alle Sitzungsteilnehmer wutentbrannt das Vereinsheim verlassen haben, das letzte Wort bleibt, das er direkt an die Zuschauer richtet: „Wie das hier weitergeht, liegt an Euch. Ihr müsst jetzt übernehmen. Und lasst auch mal fünfe gerade sein.“

Manchmal, so Autor Netenjakob im Anschluss an die Aufführung, sei genau dies der richtige Weg: fünfe gerade sein lassen. Nicht alles bis ins Letzte durchdiskutieren. Aussagen auch einfach einmal stehen lassen. Und vor allem: Humor bewahren und über sich selbst lachen können.

weitere Termine: 4.6., 5.6., 6.6., 16.6., 17.6., 22.6., 23.6., 27.6.

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