Ungeahnte Langzeitfolgen: Ganzer Jahrgang kann nicht schwimmen lernen

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Foto: dpa-Unterricht

Monatelang gab es kein Schulschwimmen. Und noch ist unklar, wann die Bäder wieder aufmachen. Die DLRG sieht einen großen Nachholbedarf beim Schwimmenlernen – und befürchtet Langzeitfolgen der Krise.

Geschlossene Schwimmbäder, keine Kurse: In der Corona-Pandemie können viele Kinder nicht schwimmen lernen. «Das ist ein ganzer Jahrgang, der davon betroffen ist», sagte der Sprecher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Rheinland-Pfalz, Marco Vogt. Dabei sei der Bedarf an Schwimmausbildung sehr groß: «Es ist eine Flutwelle, die sich da aufbaut.» Das treffe nicht nur die DLRG, sondern auch die Schulen. «Sie würden auch lieber gestern als heute in die Schwimmbäder gehen und den Kindern Schwimmunterricht anbieten.»

Derzeit sei aber noch unklar, wann die Bäder wieder aufmachen dürften. Je nachdem, wann es grünes Licht für eine Wiederöffnung gebe, könne es sein, dass es vor der Freibadsaison keinen Sinn mehr mache, die Hallenbäder zu öffnen. Man könne Kindern auch in Freibädern Schwimmen beibringen. «Die konzentrierte und bessere Ausbildung aber ist in der Halle», sagte Vogt.

Im vergangenen Sommer seien die Bäder zwischenzeitlich geöffnet gewesen. «Aber dieses kleine Fenster hat definitiv nicht gereicht, den gesamten Bedarf zu decken», sagte Vogt. Einer Umfrage zufolge, die die DLRG im Jahr 2017 in Auftrag gegeben hatte, sind rund 60 Prozent der Zehnjährigen keine sicheren Schwimmer. «Nach meinem Bauchgefühl hat sich die Zahl inzwischen erhöht.»

Es sei alarmierend zu sehen, dass heute «die Tendenz eher zum Nichtschwimmer geht als zum Schwimmer», sagte der Fachmann. «Es ist traurig, dass in einem so hoch technisierten und hoch entwickelten Land wie dem unsrigen wir so gut ausgebildet sind, aber nicht in der Lage sind, schwimmen zu können.» Er befürchtet, dass es später zu mehr Badeunfällen kommen könnte.

Je länger es dauere, dass Schulen keinen Schwimmunterricht anbieten könnten, desto größer sei die Gefahr, «dass Kinder durchs Raster fallen». Möglicherweise holten sie die Kurse nicht nach – und im späteren Jugendlichenalter passierten dann Unfällen an Badeseen oder Flüssen, da sie ja noch nicht schwimmen könnten. 2020 gab es in Rheinland-Pfalz insgesamt 16 Badetote, das waren 7 mehr als 2019.

Ein weiteres Problem sei das «Bädersterben»: «Statistisch gesehen schließt bundesweit alle zwei bis drei Tage ein Schwimmbad. Im Moment ist nicht zu erkennen, dass der Trend umgekehrt wird», sagte Vogt. Ob sich die Entwicklung mit Corona verschärfe, bleibe abzuwarten. Die meisten kommunalen Bäder hätten zwar derzeit keine Einnahmen, aber auch keine großen Kosten. Allerdings seien Kommunen in der Krise finanziell erheblich belastet.

In Rheinland-Pfalz gibt es nach Angaben des Innenministeriums 270 Schwimmbäder. Seit dem Jahr 2000 hätten landesweit mehr als 40 Bäder dauerhaft geschlossen. Im Herbst 2020 kam in Oppenheim das Hallenbad Opptimare hinzu. Rund 50 Jahre alt – eine Renovierung lohnte sich nicht mehr. Jetzt plant die Verbandsgemeinde Rhein-Selz einen Ersatz-Neubau – und hat gerade aus einem Förderprogramm des Bundes einen Zuschuss von drei Millionen Euro zugesagt bekommen.

«Der Schwimmunterricht von Schulen und Vereinen in der Verbandsgemeinde und darüber hinaus muss schnell wieder gewährleistet werden», sagte die Beigeordnete Jutta Hoff, zuständig in der Verbandsgemeinde Rhein-Selz für Schulen. Bis der Neubau stehe, werde an einer Übergangslösung gearbeitet, sagte die Beigeordnete Gabriele Wagner. Bekamen doch jüngst jedes Jahr Tausende Kinder aus Rheinhessen in Oppenheim ihren schulischen Schwimmunterricht. «Wir versuchen alles, was wir können.»

Der geschäftsführende Direktor des Städtetags Rheinland-Pfalz, Fabian Kirsch, glaubt nicht, dass die Corona-Krise allein zu größeren Badschließungen führen werde. Er sieht vielmehr Diskussionen über die Zukunft von Bädern auf die Kommunen zukommen, weil viele Bäder in die Jahre gekommen seien. «Wenn ein größerer Bau und Sanierungsmaßnahmen kommen, dann wir die Diskussion in der Räten lauter», sagte er.

Die Kommunen stemmen sich gegen Badschließungen: «Aber die Situation wird immer schwieriger», sagte Kirsch. Im Sommer 2020 hätten Kommunen für die Öffnung der Freibäder «tief in die Tasche gegriffen, weil man den Menschen in Rheinland-Pfalz Freizeitmöglichkeiten bieten wollte». Das habe die «finanzielle prekäre Situation noch mal verschärft». Je nachdem, wie sich die Pandemie mit den Beschränkungen entwickele, könnte dieser Sommer möglicherweise eine gute Saison für die Freibäder werden. «Es bleibt abzuwarten», sagte er.

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