Tochter wegen Lebenswandel getötet? Vater gesteht Mord vor Gericht

Mit Tabletten gefügig gemacht und ohnmächtig in den Fluss geworfen - so sollen die Eltern einer die 15-Jährigen ihre Tochter umgebracht haben. Der Vater gesteht. Welche Rolle spielte die Mutter?

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Wenige Tage nach der Tat suchte die Polizei am Rheinufer in Worms-Rheindürkheim nach der Leiche. Foto: Michael Deines/Promediafoto/dpa

MAINZ. Die beiden würdigen sich keines Blickes. Sie, im schwarzen Blazer, hält beim Betreten des Gerichtssaals einen großen Briefumschlag vor das Gesicht. Er nimmt in der Reihe über ihr auf der Anklagebank Platz. Dann startet gegen die Eltern der Mordprozess vor dem Landgericht Mainz. 

Der Anklage nach sollen der 40-Jährige und die 34 Jahre alte Frau – beide stammen aus Afghanistan – ihre Tochter umgebracht haben. Die 15-Jährige soll mit Tabletten in einen hilflosen Zustand versetzt, später in Worms von ihrem Vater mit einem Schal gedrosselt, ohnmächtig über 30 Meter einen Weg entlang ans Rheinufer gezogen und in den Fluss geworfen worden sein. 

Die Eltern sollen laut Staatsanwaltschaft mit dem Lebenswandel der Tochter nicht einverstanden gewesen sein – sie sei in Straftaten und Drogenkonsum verwickelt gewesen.

Ermahnung des Vorsitzenden Richters

Zu der Tat am 15. Juni 2024 machen die Angeklagten, die drei weitere Kinder haben, am ersten Prozesstag sehr unterschiedliche Angaben. Der Vater berichtet, er habe Drogen konsumiert und versucht, sich das Leben zu nehmen. Am Tag der Tat habe er nicht gewusst, was los ist und wo er sich befindet. Nach einem Hinweis des Vorsitzenden Richters Matthias Weidemann, dass Mitschnitte von Telefonaten eine andere Sprache sprächen, folgt eine Kehrtwende: Der Mann räumt über seinen Verteidiger alle Vorwürfe ein.

Die 34-jährige Mutter betont in einer von ihrer Verteidigerin vorgelesenen Erklärung, zu keinem Zeitpunkt den Plan gehabt zu haben, ihrer Tochter etwas anzutun. Nach einem Streit am Tattag in der gemeinsamen Wohnung in Pirmasens habe sie der 15-Jährigen Klebeband anlegen wollen, um sie zu beruhigen. Beruhigungstabletten habe sie ihrem Kind nicht gegeben.

Die Mutter kam mit einem großen Briefkuvert vor dem Gesicht in den Gerichtssaal.
Foto: Lando Hass/dpa

Nach einer Autofahrt nach Worms, wo die Familie früher wohnte, habe der Vater alleine mit der Tochter zum Rhein spazieren wollen. Er sei mit verdreckten Klamotten und verwirrtem Blick zum Wagen zurückgekommen – ohne das Mädchen. «Ich verkrafte den Verlust meiner Tochter nicht», heißt es in der von der Verteidigerin verlesenen Erklärung.

Mit Klebeband gefesselt, Tabletten eingeflößt

Ganz anders klingt das in der von Staatsanwalt Thomas Kröger verlesenen Anklageschrift. Nach einem Streit mit der Tochter am Tattag, einem Samstag, habe die Mutter endgültig den Entschluss gefasst, ihr Kind zu töten. Zusammen mit dem Bruder der 15-Jährigen soll sie diese in der Wohnung mit Klebeband gefesselt, ihr dann Tramadol-Tabletten eingeflößt haben. Das ist ein synthetisches Opioid, das zur Behandlung von Schmerzen eingesetzt wird.

Der Vater lebte zu dem Zeitpunkt nicht mehr in der Wohnung. Es gab eine Gewaltschutzverfügung wegen häuslicher Gewalt. Laut Anklage stellte die 34-Jährige ihm in Aussicht, zur Familie zurückkehren zu können, wenn er die Tochter töte. Sie soll ihn mal als Nichtsnutz und Angsthase beschimpft haben.

Der Anklage zufolge stieg die Tochter in der Annahme, dass es zu Freunden gehe, gemeinsam mit der Mutter in das Auto des Vaters. Um 18.49 Uhr fuhren sie demnach los. Es soll über eine Tankstelle in Kaiserslautern, einen Discounter in Osthofen und ein Geschäft in Worms in den Wormser Stadtteil Rheindürkheim gegangen sein – dort soll der Wagen gegen 21.40 Uhr abgestellt worden sein.

Was spielte sich genau am Rheinufer ab?

Dem Opfer wurden laut Staatsanwaltschaft weitere sieben Tabletten gegeben, die Mutter habe ihrem Kind einen Schal um den Hals gelegt – laut ihrer Aussage wegen der Kälte. Am Rheinufer soll der Vater die 15-Jährige zu Boden geschlagen, mit dem Schal gedrosselt und in den Rhein geworfen haben.

Die Leiche des Mädchens wird am Abend des darauffolgenden Montags gefunden, nachdem die Mutter sich bei der Polizei gemeldet und den Verdacht mitgeteilt hatte, dass ihre Tochter getötet worden sein könnte. Eine Obduktion ergab, dass die 15-Jährige durch Ertrinken und Gewalt gegen den Hals ums Leben kam. Schnell gerieten die Eltern unter Tatverdacht und kamen in Untersuchungshaft.

Mutter: Tochter hatte falsche Freunde

Die Mutter schildert in ihrer Erklärung, dass sie ein gutes Verhältnis zu ihren Kindern gehabt habe – im Fall der 15-Jährigen zumindest bis zum Winter 2023. Dann habe die Teenagerin falsche Freunde kennengelernt, habe sich verändert, sei nicht mehr zugänglich und tagelang weg gewesen.

Vater und Mutter sind im afghanischen Herat geboren. Der weitere Verlauf ist nur der Erklärung der Frau zu entnehmen: Beide seien muslimischen Glaubens gewesen, später hätten sie sich christlich taufen lassen. Der Mann habe ihr immer wieder Gewalt angetan. 2015 sei er nach Deutschland gegangen, sie sei mit den Kindern nachgekommen – gegen den Willen ihrer eigenen Familie.

Der erste Verhandlungstag geht mit dem Abspielen von Telefongesprächen der beiden Angeklagten nach der Tat sowie mitgeschnittenen Gesprächen während einer Fahrt zur Rekonstruktion der Tat im vergangenen Jahr zu Ende. Sie drehen sich darum, was beide bei der Polizei und vor Gericht sagen und was das zur Folge haben könnte.

An einer Stelle ist der Mann zu hören. Einem verschriftlichen und im Saal vorgelesenen Protokoll zufolge sagt er auf Farsi: «Ich werde die Schuld auf mich nehmen. Du brauchst nicht zu weinen.»

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