Mit Dating-Apps zur großen Liebe? Ivonne Ludwigs Buch „Swipe. Meet. Repeat.“

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Foto: Alexander Scheidweiler

TRIER. Mit Dating-Apps zur großen Liebe – oder doch nur von einer Enttäuschung zur nächsten? Die in der Nähe von Trier lebende Nachwuchsautorin Ivonne Ludwig hat über ihre Erfahrungen mit Tinder, Lovoo & Co. ihr Erstlingswerk geschrieben. „Swipe. Meet. Repeat.“ ist ein unterhaltsames, lebenskluges und hoffnungsvolles Buch – und direkt aus dem Leben gegriffen.

Von Alexander Scheidweiler

Die Frühphase der Pandemie, im Sommer 2020, war sicher nicht die beste Zeit, um auf Partnersuche zu gehen – Bars, Cafés, Clubs, alles hatte geschlossen, Sperrstunden und Maskenpflicht sind auch keine idealen Rahmenbedingungen fürs Dating. Doch für Ivonne Ludwig, die in einer Trierer Anwaltskanzlei arbeitet und in einem kleinen Ort in der Region lebt, ergab es sich so. Zehn Jahre war die damals 31-Jährige mit ihrem Partner zusammen, als die Beziehung Anfang Juni 2020 in die Brüche geht, fast ein Drittel ihres Lebens war sie mit dem Mann zusammen. Doch den Kopf hängen lassen, gilt nicht: Obwohl sie sich etwas „überfordert mit meinem neu gewonnen Single-Leben“ fühlt, geht sie auf die Suche nach einer neuen Liebe, während das soziale Leben durch Corona gelähmt ist.

Ivonne Ludwig tut, was viele heute tun und sich natürlich auch anbietet, wenn der Bewegungsfreiraum lockdownbedingt in den realen Welten eingeschränkt ist: Sie greift auf Dating-Apps zurück, auf Tinder, Bumble und Lovoo:

„Liebe Männerwelt, wenn ihr nur auf der Suche seid nach Sex, tut euch selbst und mir einen Gefallen und klickt auf das X. Ansonsten … Herzensmensch, Nerd & Bücherwurm. Ich liebe das Reisen, bin gern draußen unterwegs und mache viel Sport. Nichtraucherin.
P.S.: Ich kann nicht kochen.“

Mit diesem Profiltext bei Tinder stürzt sie sich in eine über einjährige Dating-Odyssee, bei der sie zwar am Ende nicht den Mann fürs Lebens findet, aber einiges erlebt – Lustiges und Trauriges, Dinge, die einen zum Lachen bringen, und Dinge, die ein einen mit dem Kopf schütteln lassen, Dinge, die sich unglaublich anhören, und Dinge, die ein wenig bizarr erscheinen. Ivonne Ludwig hat über ihre Dating-Erfahrungen ein Buch geschrieben, ihr Erstlingswerk. Es ist im April im Piper Verlag erschienen und trägt den Titel „Swipe. Meet. Repeat. Von skurrilen Dates, gebrochenen Herzen und Schmetterlingen im Bauch“, ein Titel, der auf das Sich-durch-die Profile-Wischen auf dem Handybildschirm bezieht und auf die ständige Wiederholung der Dating-Rituale in immer neuen Variationen. Herausgekommen ist ein äußerst authentisches Buch, denn alle Ereignisse haben sich tatsächlich so zugetragen, wie die Autorin im Vorwort versichert. Gewidmet ist „Swipe. Meet. Repeat.“ „allen Singles dieser Welt, die auf der Suche nach der großen Liebe die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben … zumindest noch nicht ganz.“

Das Verhalten der diversen Männer, mit denen sie sich trifft, wird stets mit einem treffenden „Nickname“ auf den Punkt gebracht, so eröffnet etwa Aaron, „der Ausnutzer“ den Reigen. Der angebliche Rettungsschwimmer aus dem Saarland erweist sich als nicht sehr zuverlässig, was die Einhaltung von Terminen angeht, dafür will er schon bald 2000 Euro geliehen bekommen, angeblich für seinen Bruder. Zurecht ein No-Go für Ivonne Ludwig. Sie beendet den Kontakt, nur um ein paar Monate später erneut vom „Ausnutzer“ kontaktiert zu werden.

Leider bleiben viele Erfahrungen enttäuschend, so auch diejenige mit Jonas, dem „Schubladendenker“, der ihr beim ersten Date gleich mal erklärt, was alles „typisch Frau“ sei, und beim zweiten Date homophone Bemerkungen abgibt, behauptet, dass Schwarze einen unangenehmen Körpergeruch hätten, und ihr empfiehlt, sich weniger freizügig zu kleiden, um nicht sexuell belästigt zu werden. Eine richtig dicke Ladung Vorurteile und Stereotype also. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich aufstehen und mit dem Kopf gegen die Wand rennen, einfach losweinen, schreien oder mit irgendwelchen Sachen um mich werfen soll“, schreibt Ivonne Ludwig zu so viel Borniertheit.

Aber nicht alle Dates sind grauenhaft. Mit dem „Polizisten“ Tom, der bei der Bundespolizei in Trier arbeitet, scheint es anfänglich ganz gut zu laufen, trotz seiner nassen Küsse: „Er ist sympathisch, sagt genau die richtigen Dinge, wirkt einfühlsam, höflich respektvoll. […] Zu ihm halte ich keinen Abstand; suche eher seine Nähe.“ Doch dann ist er es, der die Sache relativ schnell beendet. Es müsse innerhalb von zwei, drei Dates richtig funken, so seine Begründung.

Über Monate zieht sich die Beziehung mit Alexander, dem „Fuckboy“, einem der zahlreichen Wirtschaftsprüfer, an die Ivonne Ludwig gerät, hin. Auch mit ihm versteht sie sich gut, fühlt sich von seinem Lächeln angezogen, er bringt sie so zum Lachen, dass er sie „Kichererbse“ nennt. Der Haken: Er gibt von Beginn an zu verstehen, dass er sich alle Optionen offen halten will. Man ahnt gleich: Das kann nicht gut ausgehen. Wider besseres Wissen und gegen den Rat von Freunden und Arbeitskollegen hält sie den Kontakt dennoch aufrecht. Immer wieder spielt sie mit dem Gedanken, die Sache zu beenden, kann sich aber nicht dazu durchringen. Am Ende tut es weh, und der Kopf fährt „Gedankenkarrussel“:

„Gefühle erleben, durchleben, leben ist ein Prozess der Heilung. Nur wer verarbeitet, kann auch heilen. So heißt es zumindest. Ich hingegen verdränge sie, diese Gefühle – das Chaos in meinem Kopf und meinem Herzen – und schiebe den Heilungsprozess dadurch nur weiter hinaus.“

Es sind auch und gerade diese lebensklugen, nachdenklichen Reflexionen, die die Autorin immer wieder einschaltet, die „Swipe. Meet. Repeat.“ zu etwas Besonderem machen. Die letzten Abschnitte des Buches, in denen Ivonne Ludwig das Resümee ihrer Dating-Odyssee zieht und über das Leben und die Zitronen, die es einem gibt, sowie den Tequila, mit dem man sie doch noch genießen könne, schreibt, sind eine kleine, hoffnungsvolle Alltagsphilosophie und eine Ermunterung, sich allen Enttäuschungen zum Trotz nicht hängen zu lassen.

Hinzu kommen die schönen Orte, an denen viele Dates stattfinden, auch wenn sie nicht immer wie gewünscht laufen, Orte wie das Zurlaubener Ufer, die Mariensäule oder die Trierer Innenstadt rund um den Dom. Zudem berichtet Ivonne Ludwig wirklich von zahllosen, sukrrilen Momenten, bei denen man sich wundert, dass es so etwas überhaupt gibt – wie etwa das Date, bei dem sie gefragt wurde, ob sie ein Lederkostüm hat und beim nächsten Mal gleich auf eine Sexparty mitkommen möchte, oder dasjenige Date, als ihre Verabredung ihr gestand, noch mit Ex-Frau und drei Kindern zusammenzuwohnen. So etwas passiert wirklich? Anscheinend ja.

Bleibt noch zu erwähnen, dass die Danksagung der Autorin an ihre Lektorin Julia Feldbaum mehr als berechtigt ist, denn „Swipe. Meet. Repeat.“ wurde offensichtlich hervorragend lektoriert. Das hat man nicht immer.

Alles in allem ein wirkliches Lesevergnügen, flott geschrieben, ohne jemals flach zu sein, immer abwechslungsreich mit einem Schuss Lebensphilosophie – und v.a. direkt aus dem Leben gegriffen. Unbedingt empfehlenswert.

Ivonne Ludwig. „Swipe. Meet. Repeat. Von skurrilen Dates, gebrochenen Herzen und Schmetterlingen im Bauch“. Piper Verlag, 312 Seiten, €16,-.

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