Region: Weniger Ausbildungsverträge trotz weiterhin hohem Nachwuchskräftebedarf

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(von links nach rechts): Ulrich Schneider, Geschäftsführer Ausbildung der IHK Trier, Axel Bettendorf, Hauptgeschäftsführer HWK Trier, Heribert Wilhelmi, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Trier, und Stefanie Adam, Geschäftsführerin operativ der Agentur für Arbeit Trier @Agentur für Arbeit Trier

TRIER. Weniger neue Ausbildungsverträge, mehr unversorgte Bewerber, aber auch weniger unbesetzte Ausbildungsstellen: So die durchwachsene Bilanz des regionalen Ausbildungsmarktes in diesem, von Corona geprägten, Jahr.

„Die Corona-Pandemie hat den regionalen Ausbildungsmarkt im Frühjahr ziemlich ins Straucheln gebracht. Durch den Lockdown konnten viele Berufsorientierungsveranstaltungen an Schulen, Ausbildungsmessen und Einstellungsverfahren nicht wie geplant stattfinden. Junge Menschen, aber auch Ausbildungsbetriebe sind mit Blick auf die kommenden Monate und Jahre verunsichert,“ so Heribert Wilhelmi, vorsitzender Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Trier, anlässlich der gemeinsamen Pressekonferenz mit Industrie- und Handelskammer (IHK) und Handwerkskammer (HWK) am 29. Oktober.
Diese Entwicklung hat sich auch in der Statistik niedergeschlagen. Zur Ausbildungsmarktbilanz, die das Berufsberatungsjahr von Oktober 2019 bis September 2020 in den Blick nimmt, wurden der Agentur für Arbeit Trier im Vergleich zum Vorjahr 7,9 Prozent weniger Ausbildungsstellen gemeldet. Von den 4.274 registrierten Lehrstellen blieben 597 unbesetzt. Das sind immerhin 18,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Auch die Entwicklung bei den ausbildungsinteressierten Bewerbern war rückläufig. Mit 2.763 Ausbildungsinteressenten haben sich 7,5 Prozent weniger an die Berufsberatung der Arbeitsagentur gewandt als im Vorjahr.

Dieser Rückgang könne allerdings nicht ausschließlich auf das Covid-19-Virus zurückgeführt werden, betont Heribert Wilhelmi: „Wir haben es hier auch mit längerfristigen Einflussfaktoren zu tun. So tragen zum Beispiel die demografische Entwicklung, die Tendenz zum längeren Schulbesuch sowie eine erhöhte Studienneigung zur Abnahme der Bewerberzahlen bei. Die Ausbildungsbereitschaft der hiesigen Wirtschaft ist seit Jahren – auch im Vergleich zu anderen Regionen Deutschlands – sehr hoch. Das Angebot übersteigt weiterhin deutlich die Nachfrage. Manch ein Ausbildungsbetrieb hat jedoch auf Grund des steigenden Aufwands bei der Ausbildungsrekrutierung und der Schwierigkeit, passende Bewerber zu finden, sein Ausbildungsengagement etwas zurückgefahren. Wirtschaftliche Probleme, bedingt durch die Pandemie, verstärken natürlich diese Tendenz.“ Fakt ist, dass bereits im März – als die Auswirkungen des Lockdowns noch nicht in der Statistik abgebildet wurden – sowohl die Zahl der gemeldeten Bewerber (minus 7,9 Prozent), als auch die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen (minus 6,8 Prozent) bei Weitem nicht an das Niveau des Vorjahres anknüpfen konnten.

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf die Auswirkungen von Corona zurückzuführen, sind hingegen die aktuellen Entwicklungen in einzelnen Branchen. Der Lebensmittelhandel klagt bereits seit Jahren über mangelnden Nachwuchs. Die Pandemie hat diese Sorge weiter verschärft. In der Lebensmittelherstellung wurden, gegen den allgemeinen Trend, 40,2 Prozent mehr Ausbildungsstellen gemeldet als im Vorjahr. Im Verkauf von Lebensmitteln gab es eine Steigerung um 13,6 Prozent. Erfreulich: Es wurden in diesen Berufszweigen nicht nur mehr Lehrstellen gemeldet. Zumindest zum Teil konnte der Bedarf auch besser gestillt werden, so dass weniger Stellen unbesetzt blieben als im vergangenen Jahr. So sind die Berufe der/des Fleischer/in und der/des Fachverkäufer/in im Bäckerhandwerk aus den Top Ten der unbesetzten Lehrstellen herausgefallen.

Anders sieht die Entwicklung in der Gastronomie aus. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie haben diesen Wirtschaftszweig so hart getroffen, dass sich die Auswirkungen auch auf dem Ausbildungsmarkt bemerkbar machen. Das Ausbildungsengagement wurde in den letzten Monaten deutlich zurückgefahren, in der Gastronomie um 13,3 Prozent und der Hotellerie um 2,4 Prozent.

Nicht nur die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen ist gesunken, sondern auch die Zahl der neu eingetragenen Ausbildungsverträge. Die beiden großen Wirtschaftskammern IHK und HWK verzeichnen ein deutliches Minus im Vergleich zum Vorjahr. 1.026 Neueintragungen vermeldet die HWK bis Ende September. 7,4 Prozent weniger als in 2019. Jedoch sind nicht alle Branchen von diesem Rückgang gleichermaßen betroffen, wie Axel Bettendorf, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Trier, berichtet: „Die Corona-Krise und der Lockdown im Frühjahr hat das Interesse an einer Ausbildung im Handwerk in der Region schwer getroffen. Insbesondere im Friseurhandwerk sind durch die Kontaktverbote die Rahmenbedingungen für Praktika und Lehrlingsausbildung nach wie vor äußerst ungünstig. Bedingt durch die fehlende Berufsorientierung in den Ausbildungswerkstätten des neuen Berufsbildungszentrums sind vor allem die MINT-Berufe weniger stark nachgefragt als im Vorjahr. Einzig die Berufe im Bauhauptgewerbe konnten das Vorjahresniveau an neu abgeschlossenen Lehrverträgen erreichen.“

Die IHK macht einen größeren Rückgang aus. Die Kammer registriert bis Ende September 1.736 neue Ausbildungsverträge, ein Minus von 9,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Das Minus ist seit dem Frühjahr deutlich kleiner geworden. Es gibt zwar Betriebe, die sich aktuell bei der Ausbildung zurückhalten aber der Großteil der Betriebe hält das Ausbildungsengagement hoch. Gerade jetzt ist es wichtig positive Signale zu senden, denn die Unternehmen brauchen die ausgebildeten Fachkräfte bei einer wirtschaftlichen Erholung. Wir werden nicht müde, unsere Ausbildungsbetriebe bei der Besetzung ihrer freien Ausbildungsstellen zu unterstützen“, sagt Ulrich Schneider, Geschäftsführer Ausbildung der IHK Trier.

Eine weitere besorgniserregende Entwicklung stellt, aus Sicht der Arbeitsagentur, die Steigerung des Anteils an unversorgten Bewerbern dar. 206 junge Menschen haben bis Ende September keine Ausbildungsstelle gefunden – 31,2 Prozent mehr als im Vorjahr. „Die Verunsicherung bei ausbildungssuchenden Jugendlichen ist leider groß und zeigt wie wichtig unsere Berufsorientierung und -beratung ist,“ erklärt Stefanie Adam, operative Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Trier. „Wir haben während des Lockdowns im April und Mai schnell festgestellt, dass wir den Mädchen und Jungen alternative Angebote unterbreiten müssen, wenn unsere regelmäßige Präsenz an den Schulen vor Ort nicht möglich ist. Deshalb haben wir kurzfristig neue Formate entwickelt, von der Video-Beratung über die Verlegung von Beratungsterminen ins Freie, Live-Beratungssessions und Videos auf YouTube bis hin zu der Durchführung von Online-Workshops und der Neuentwicklung der virtuellen Ausbildungsmesse FUTURE 2.0.“

Viele der innovativen Informationsmöglichkeiten und Online-Angebote sind in Kooperation mit den regionalen Netzwerkpartnern entstanden. So wurde gerade erst die Kampagne „Ausbildung kennt keine Auszeit“ unter der Federführung der IHK bis Jahresende verlängert. Und mit gezielten Nachvermittlungsaktionen versuchen IHK, HWK und Arbeitsagentur auch noch in den kommenden Wochen freie Ausbildungsstellen und suchende Bewerber zusammenzuführen.
Abschließend senden die Experten der drei Institutionen trotz aller Risiken auf Grund der Corona-Krise ein hoffungsvolles Signal an alle Ausbildungsinteressierten aus. Heribert Wilhelmi: „Corona hat den Ausbildungsbeginn in diesem Jahr verzögert. Ein Berufseinstieg ist auch jetzt noch möglich. Junge Menschen sollten sich nicht zu sehr verunsichern lassen und mutig ihre Berufsplanung mit der Unterstützung der Berufsberatung vorantreiben. Denn junge, gut ausgebildete Fachkräfte werden auch in Zukunft benötigt.“

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