lokalo-Interview: Herausforderung und Chance – Chinesische Touristen in Trier

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Marie Hoffmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mercator Institut für China Studien in Berlin

TRIER. Das Mercator Institut for China Studies (MERICS) und das Zentrum für Ostasien-Pazifik Studien der Universität Trier (ZOPS) veranstaltete in der vergangenen Woche einen Vortragsabend zum Thema „Chinas Aufstieg – Herausforderungen und Chancen für Deutschland“. Dabei wurden die Bereiche Religion, Investitionen und auch die Tourismusbranche genauer vorgestellt.

Marie Hoffmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mercator Institut für China Studien in Berlin, spricht im Interview mit lokalo.de über die Zeitenwende im globalen Tourismusmarkt mit neuen Herausforderungen und Chancen für deutsche Tourismusziele und Schlussfolgerungen zur Positionierung Triers.

Frau Hoffmann, was genau meinen Sie mit Zeitenwende im globalen Tourismusmarkt?

Marie Hoffmann: Die Chinesen haben den weltweiten Tourismusmarkt in den letzten Jahren von hinten aufgerollt. Sie sind seit 2012 Reiseweltmeister und bis heute wächst kein anderer Markt so schnell wie der chinesische. Das ist eine Entwicklung in Superlativen mit weitreichenden Konsequenzen für alle Beteiligten – von Hotels und Gastronomie über Einzelhandel bis hin zu Reiseveranstaltern und den einzelnen Tourismusstandorten – weltweit.

Welche Herausforderung und Chancen sehen Sie für Trier als Tourismusziel für Chinesen?

Gastronomie, Hotels und gerade der Einzelhandel dürfen mit hohen Mehreinnahmen rechnen, wenn es diesen Branchen gelingt, die reise- und kauffreudigen Touristen aus China für die Angebote ihrer Region zu begeistern. Trier erlebt gerade einen großen Anstieg von Touristen aus China. Bereits in der ersten Hälfte des Jahres kamen knapp 8.500 Touristen, rund 1.000 mehr als im gesamten Vorjahr. Wichtiges Zugpferd für den chinesischen Triertourismus ist vor allem Karl Marx. Der „rote Tourismus“ zu europäischen Städten mit kommunistischer Vergangenheit ist inzwischen ein eigenes Geschäft geworden. Die Erwartungen an die Karl Marx-Ausstellung 2018 in Trier sind hoch.
Doch Touristen aus China kommen inzwischen mit ganz unterschiedlichen Erwartungen. Die Bandbreite reicht von Milliardären auf Luxusreise bis hin zu Studenten, die als Rucksacktouristen unterwegs sind. Es kommt also auf die gezielte Vermarktung der Region Trier an: z.B. kulinarische Weintouren, Naturerlebnisse, Architektur oder Geschichte. Und das am besten auf Chinesisch. Hier liegen meines Erachtens die größten Herausforderungen.

Sehen Sie noch Möglichkeiten für die Stadt Trier, sich für Besucher aus dem Reich der Mitte besser zu positionieren?

Trier hat die Touristen aus China zwar als wichtigen Markt erkannt — die Stadt erlebt ja gerade bereits einen hohen Anstieg chinesischer Besucher. Schwierig gestaltet sich jedoch die Kenntnis des chinesischen Marktes, denn die Informationen sind spärlich. Aus welchen Gründen reisen Chinesen wohin? Wie passt die jeweilige deutsche Region dazu und wie kann man das Angebot individuell auf sie zuschneiden? Wie erreiche ich den chinesischen Touristen, bevor er sich entscheidet, wohin er reist? Das sind die Fragen, mit denen sich nicht nur Trier beschäftigen sollte, wenn man mehr Besucher erreichen möchte. Ein Schlüssel liegt in Angeboten auf Chinesisch, auch im Internet.

Gibt es verlässliche Zahlen zu der Anzahl der Übernachtungen chinesischer Touristen in der Stadt Trier?

2014 gab es in Trier 7.420 Übernachtungen. Allein im ersten Halbjahr 2015 waren es 8.485 Übernachtungen, also rund 1.000 mehr als im gesamten Vorjahr.
Im ersten Halbjahr 2015 entspricht das übrigens 0,6 Prozent aller chinesischen Touristen in ganz Deutschland. Hier kann Trier noch deutlich aufholen.

Gibt es spezifische Reisegewohnheiten, die gerade für diese Besuchergruppe zutreffen?

Chinesen reisen vor allem während der landesweiten Feiertage im Januar und Februar rund um das Chinesische Neujahrsfest und rund um den Nationalfeiertag am 1. Oktober sowie in den Sommermonaten ins Ausland. Besonders in der „Goldenen Woche“ Anfang Oktober ist ganz China auf den Beinen, ob im Inland oder im Ausland.

Mit welchen Erwartungen kommen chinesische Touristen nach Deutschland? In welchen Bereichen hat Deutschland noch Nachholbedarf, und berücksichtigt Trier die Reisegewohnheiten chinesischer Touristen?

Im Fokus stehen nach wie vor Reisen, die ein romantisches und beschauliches Deutschlandbild bedienen. Deshalb steht auch Schloss Neuschwanstein in Bayern hoch im Kurs.  Als Besuchermagnet erweisen sich auch gute Einkaufsmöglichkeiten. Chinesen sind gezielt auf der Suche nach Markenprodukten „made in Germany“. Die Bandbreite reicht dabei von Schmuck und Uhren über Taschen bis hin zu Töpfen und Messern. Originale müssen es sein, die Fälschungen kennnen die Touristen bereits aus der Heimat. Bemerkenswert ist, dass die Reisewünsche der Chinesen sich derzeit immer weiter auffächern. Natur- oder Sporterlebnisreisen in die Berge bis hin zu Touren über Deutschlands Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbegrenzung — die Vielfalt ist inzwischen groß. Was alle eint, ist der Wunsch, sich im Ausland willkommen zu fühlen, z.B. durch chinesischsprachiges Informationsmaterial oder geschultes Servicepersonal. Reisesicherheit spielt ebenfalls eine wichtige Rolle.

Nachdem Deutschland die Einreisebestimmungen im letzten Jahr gelockert hat, erleben wir bereits einen deutlichen Anstieg der Touristen aus China. Andere europäische Länder wie Frankreich, Großbritannien oder Italien sind darin aber bereits viel weiter. Der Wettbewerb um die chinesischen Touristen aus China in Europa ist längst eröffnet.

Gibt es ein öffentlichkeitswirksames Programm oder Projekt, in Ansätzen ähnlich wie der „Tag der Luxemburger“ in Zusammenarbeit mit der City Initiative auch bei deutsch-chinesischen Projekten?

Trier unterhält seit 2010 eine Städtepartnerschaft mit der südchinesischen Küstenmetropole Xiamen. In diesem Rahmen wird bis 2016 an einem chinesischen „Xiamen Garten“ in Trier gebaut. Große Erwartungen weckt besonders das Jahr 2018. Trier wird mit einem „Karl-Marx-Jahr“ den 200. Geburtstag des Philosophen feiern. Geplant sind eine große Ausstellung sowie ein breites Kultur- und Wissenschaftsprogramm, das, so die Hoffnung der Stadt, auch viele Besucher aus China anziehen wird.

Das Interview führte Ceyhun Yakup Özkardeş

Das Mercator Institute for China Studies
Das Mercator Institute for China Studies (MERICS) ist ein im Jahr 2013 gegründetes Institut der gegenwartsbezogenen und praxisorientierten China-Forschung mit Sitz in Berlin. MERICS ist eine Initiative der Stiftung Mercator. MERICS ist weltweit eines der größten Institute für Forschung und Wissensvermittlung über das gegenwärtige China.

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