TRIER. Am Sonntag wird im Trierer Stadtmuseum die Ausstellung „Die 20er – Goldene Zeiten, Dunkle Jahre“ eröffnet. Die Schau beleuchtet zahlreiche Facetten der Kultur und Geschichte dieser faszinierenden Epoche, mit dem besonderen Fokus auf Trier. Dabei werden zahlreiche Objekte gezeigt, die von privaten Leihgebern aus der Trierer Bevölkerung stammen. Trier erweist sich in der Ausstellung auch als Spiegelbild für Deutschland insgesamt in einer Zeit, die zugleich glanzvoll war und von Krisen erschüttert wurde.
Von Alexander Scheidweiler
Ein welthistorischer Eisenbahnwaggon
Dem französischen Marschall Ferdinand Foch, der am 11. November 1918 in seinem Eisenbahn-Salonwagen die deutsche Delegation empfing, die den Waffenstillstand vom Compiègne unterzeichnete, welcher die Kampfhandlungen des ersten Weltkriegs beendete, wird mit Blick auf den Versailler Vertrag die berühmte, pointierte und leider prophetische Aussage zugeschrieben, dieser Vertrag sei kein Friede, sondern lediglich ein Waffenstillstand auf 20 Jahre. Miterleben musste er es freilich nicht mehr – der 1851 geborene Offizier verstarb im Jahre 1929. Seine bedauerlicherweise zutreffende Prognose aber steckt gleichsam den Rahmen ab, in dem wir die 20er-Jahre heute in der Rückschau betrachten: Ein ambivalentes Jahrzehnt, das einerseits durch den Aufbruch in die kulturelle Moderne und zumindest phasenweise – nach der Überwindung der Hyperinflation und vor der Weltwirtschaftskrise, – auch durch ökonomische Prosperität gekennzeichnet war, das aber andererseits auch Zeiten der wirtschaftlichen Not sowie eine politische Radikalisierung erlebte, die dann in den frühen 30ern in die schreckliche NS-Diktatur mündete. Die 20er, sie lassen an die Redensart denken, dass dort, wo Licht ist, auch Schatten ist.
Im Trierer Stadtmuseum Simeonstift kann man dem Marschall und seinem welthistorischen Salonwagen jetzt begegnen, zumindest in Form eines Aquarells des aus Klüsserath stammenden Künstlers Peter Krisam, der mit seinen Bildern als Chronist der französischen Besatzungszeit in den 20ern fungierte. Gezeigt wird es zusammen mit anderen Bildern des Malers im Rahmen der Ausstellung „Die 20er – Goldene Zeiten, Dunkle Jahre“, die am kommenden Sonntag, den 5. Juli, um 11.30 Uhr eröffnet wird und die unterschiedlichsten Facetten dieser Glanz- und Krisenzeit mit Fokus auf Trier und die Region beleuchtet.
Die Folgen des Ersten Weltkriegs
„Foch war mehrmals in Trier“, erläutert Alexandra Orth, Kuratorin der Ausstellung, beim Presserundgang durch die Schau am heutigen Vormittag. „Grund waren die Vorverhandlungen zum Versailler Friedensvertrag. Die haben in Trier stattgefunden, auf dem Hauptbahnhof. Da traf man sich mehrmals, um den Waffenstillstand weiterzuverhandeln.“
Ein anderes Bild Krisams zeigt berittene Soldaten in orientalisch anmutender Kleidung, sog. „Spahis“, die auf dem Trierer Hauptmarkt Zivilisten auseinandertreiben. „Während es in anderen Teilen Deutschlands nach dem Waffenstillstand ein Gefühl des Durchatmens gab, war Trier ein Teil der Besatzungszone“, führt Orth aus. Und zwar bis ins Jahr 1930. Dies bedeutete zahlreiche Einschränkungen im Alltag wie eine Ausweispflicht ab 12 Jahren, Zensur von Zeitungen und Zeitschriften, bestimmte Benimmregeln gegenüber den Besatzern, Verbot von Hamsterfahrten aufs Land und von Tauschhandel.
Die französischen Besatzungssoldaten in Trier kamen aus Nordafrika, was die orientalisch anmutende Kleidung auf Krisams Bild erklärt, das sich auch dem Umstand verdankt, dass die Besatzungsmacht zeitweise das öffentliche Fotografieren verbot, weshalb dem Künstler die erwähnte Chronistenrolle zufiel. Viele Berichte belegten, so Orth, dass das fremdländische Erscheinungsbild der nordafrikanischen Soldaten die Trierer Bevölkerung besonders geängstigt hat, wobei vielfach auch fremdenfeindliche Klischees laut geworden seien. Markus Nöhl ergänzt, dass die historische Forschung gezeigt hat, dass dies bewusstes Kalkül der französischen Besatzungsmacht war. Ziel war es, ein Gefühl der Demütigung hervorzurufen, wodurch Rassismus geschürt wurde.
Im Pressegespräch betont Nöhl das große Interesse in der Trierer Bevölkerung an der Epoche: „Diese 20er-Jahre treffen einen Nerv.“ Zahlreiche Objekte seien zur Ausstellung von privaten Leihgebern beigesteuert worden, was eine große Bereicherung darstellt: „Die Familien bringen nicht nur ein Objekt, sie bringen einen ganzen Horizont an Erzählungen und Bedeutungsebenen mit hinzu.“ So ist in der Ausstellung ein kleines dekoratives Keramikhündchen zu sehen, das eine junge Trierer Angestellte sich von ihrem ersten Lohn gekauft hat und das in der Familie bis heute weitervererbt wurde.
Auch Museumsdirektorin Dr. Viola Skiba betont, die 20er-Jahre seien „eine Zeit, die unheimlich fasziniert“. Der Gegensatz von Licht und Schatten, der die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts gekennzeichnet hat, spiegele sich, wenn auch in einem anderen globalen Kontext, bis zu einem gewissen Grade in den 20er-Jahren des 21. Jahrhunderts, in denen wir leben. „Verschiedene Themen vorstellen, Erinnerungen zusammenführen, das Licht und den Schatten zeigen“ sei das Ziel der Schau. Der Fokus liege klar auf Trier, mit „ganz viel Erinnerung“, darunter bisher unbekannte Bilder aus Privatbesitz: „Da ist ein wirklicher Schatz zusammengekommen.“ Zugleich sei die Ausstellung auch ein Spiegel für Deutschland insgesamt in dieser bewegten Epoche. „Es gibt mehr Bezüge zwischen Trier und Berlin, als man denken würde.“
An Hörstationen in der Ausstellung sind Experteninterviews zu hören. Projektoren zeigen filmische Szenen aus der Zeit, teilweise mit KI zum Leben erweckte Fotos. In Kooperation mit dem Bereich Modedesign der Hochschule Trier zeigt das Museum zudem eine Ausstellung mit Kleidungsstücken, die von Studentinnen und Studenten des Faches entworfen wurden und sich am Stil der 20er orientieren.
Ein schlichter Leiterwagen macht anschaulich, wie hart die Zeit der Hyperinflation gewesen sein muss: Er ist gefüllt mit Reproduktionen der von dem Trierer Künstler Fritz Quant gestalteten Trierer Inflationsgeldscheine – da die Römerstadt weit ab von Berlin liegt, musste auf die galoppierende Geldentwertung mit vor Ort gedruckten Geldscheinen reagiert werden, mit der Porta geschmückt. Der Kaufkraft hat es freilich nicht geholfen. Der Leiterwagen stammt aus der Epoche und wurde tatsächlich zum Geldtransport genutzt, um einzukaufen, bevor selbst ein Leiterwagen voller Geldscheine nicht mehr genug wert war, um sich ein Brot zu kaufen.
Nicht zuletzt durch die vielen Kriegsversehrten, deren Versorgung eine Herausforderung darstellte, blieb der Erste Weltkrieg präsent. So zeigt die Ausstellung etwa einen Thonet-Stuhl, der zu einem Rollstuhl umfunktioniert wurde. Der behelfsmäßige Charakter des selbstgebauten Rollstuhls zeige, so Orth, wie unvorbereitet viele auf die verheerenden Folgen des Krieges waren.
Moderne Medien und moderne Kunst
Doch wie gesagt: Wo Schatten ist, ist auch Licht.
So konnten besser situierte Haushalte sich in den 20ern schon einige Annehmlichkeiten des modernen Lebens leisten, etwa ein elektrisches Bügeleisen. Das Radio wurde zum ersten Massenmedium. Am 29. Oktober 1923 verlas der Direktor der ersten deutschen Sendegesellschaft, Friedrich Georg Knöpfke, die erste Rundfunkansage, die auf der Wand im Simeonstift zu lesen ist: „Achtung, Achtung. Hier ist die Sendestelle Berlin im Vox-Haus auf Welle 400. Meine Damen und Herren, wir machen Ihnen davon Mitteilung, daß am heutigen Tage der Unterhaltungsrundfunkdienst mit Verbreitung von Musikvorführungen auf drahtlos-telephonischem Wege beginnt. Die Benutzung ist genehmigungspflichtig.“ Es war der Beginn einer neuen Ära – so wurde auf der Trierer Gewerbeschau von 1925 mit Nachdruck dafür geworben, Radio zu hören.
„Einen Meilenstein an Entwicklung“, so Orth, legte auch die Fotografie hin: Nach und nach kamen kompaktere Fotoapparate auf den Markt, die jedermann nutzen konnte: „Das ermöglichte es den Leuten, selber Fotos zu machen und ihren Alltag zu dokumentieren.“ Gerade dieser mediale Fortschritt lasse uns heute die 20er-Jahre als die erste Epoche erscheinen, die uns nahe stehe, weil sie durch Medien geprägt wurde, die auch heute noch benutzt werden.
Dass auch die moderne Kunst in Trier Einzug hielt, davon legen u.a. die im Bauhaus-Stil gehaltenen Möbel Zeugnis ab, die Hans Proppe für sein Haus in Trier-Euren entwarf, das ein Treffpunkt der Künstlerszene war. Expressionismus, Dada, Kubismus, Collageartiges – alle zeitgenössischen Stile seien in der Trierer Künstlerszene vertreten gewesen, erklärt Orth. Die damalige Kunstgewerbeschule am Paulusplatz sei sehr gut vernetzt gewesen und verfügte über renommierte Professoren: „Man war hier zwar in einer kleinen Stadt, aber man war nicht provinziell“.
Film, Freizeit, Flapper Girls
Auch der Film hielt in Trier Einzug, zumal der Acht-Stunden-Tag, der in Deutschland 1918 eingeführt wurde, den Menschen in der Zwischenkriegszeit ganz andre Möglichkeiten der Freizeitgestaltung eröffnete. Über drei Kinos verfügte Trier in den 20ern, in der Ausstellung ist eine Innenansicht desjenigen Kinos zu sehen, das sich im Vergnügungskomplex der Brauereibesitzer-Familie Schiefer in der Simeonstraße befand; auf eine Leinwand wird ein zeitgenössischer avantgardistischer Trickfilm projiziert. „In dem Haus Schiefer gab es ein Café, es gab ein Restaurant, es gab eine Varieté-Bühne und eben ein Kino“, weiß Alexandra Orth.
Und selbst Flapper Girls mit extravaganten Charleston-Kleidern gab es in Trier! Lange Zeit sei man sich nicht sicher gewesen, ob diese Mode in Trierer Tanzcafés getragen wurde, jetzt ist man aufgrund von Fotos sicher, erläutert Orth. Auch ein Mantel aus Scheitelaffen-Pelz, in den 20ern eine Modeerscheinung, die beinahe zur Ausrottung der Tierart führte, wurde von einer Triererin als Leihgabe zur Verfügung gestellt und zeigt, dass die modernen Modetrends der Epoche in der Moselstadt vertreten waren.
Zum Abschluss wirft die Ausstellung einen eher knappen Blick auf den Aufstieg der NSDAP. Hier hätte man vielleicht etwas mehr bieten können. Interessant ist allerdings die Gegenüberstellung zweier sehr unterschiedlicher Werke zweier sehr unterschiedlicher Literaten, dem sehr bekannten Anti-Kriegs-Roman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque und dem heute ungleich weniger bekannten Buch „Sperrfeuer über Deutschland“ des im Dritten Reich viel gelesenen, aus Traben-Trarbach gebürtigen Schriftstellers Werner Beumelburg. Beide Autoren zeigten, wie sich aus der selben Erfahrung, der Teilnahme am Ersten Weltkrieg, völlig unterschiedliche Lebenswege entwickeln konnten.
Die Ausstellung „Die 20er – Goldene Zeiten, Dunkle Jahre“ wird bis zum 24. Januar 2027 gezeigt. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm mit Sonderveranstaltungen, Vorträgen und Workshops für Kinder. Weitere Informationen unter: https://museum-trier.de/ausstellungen/sonderausstellungen/2026-die-zwanzigerjahre-in-trier/.

















