Bedrohung in der Notaufnahme: Pflegefachfrau im Trierer Mutterhaus berichtet

Lange Wartezeiten und steigende Aggressionen: In der Notaufnahme erleben Pflegekräfte zunehmend Gewalt. Ein neues Projekt bietet psychologische Unterstützung.

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Die junge Frau muss öfter mit Beleidigungen umgehen. Foto: Harald Tittel/dpa

TRIER. Pflegefachfrau Merret Olthoff hat in der Notaufnahme schon oft negative Erfahrungen mit Patienten und Angehörigen gemacht. «Heute bin ich schon fünf, sechsmal beleidigt worden», sagt die 23-Jährige im Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen in Trier. Warum? «Weil es ihnen nicht schnell genug geht oder weil sie eine andere Vorstellung von der Behandlung haben.»

Bei ihrer Arbeit auf Station sei sie auch schon geschubst oder getreten worden, erzählt die junge Frau. So etwas komme vor, vor allem wenn Patienten in psychischen Ausnahmesituationen seien oder unter Drogen stünden. Sie könne mit diesen Situationen gut umgehen. «Ich glaube aber, dass viele Kollegen das mit nach Hause nehmen, vielleicht auch unterbewusst.»

Frust und Aggression wegen langer Wartezeiten

Und genau da setzt ein neues Projekt in der Zentralen Notaufnahme an: Für solche Fälle gibt es Unterstützung von Psychologen – für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch für Patienten und Angehörigen. Oft reiche ein kurzes Gespräch, um die Situation zu deeskalieren, sagt Katharina Meyer, Leiterin Pflege in der Notaufnahme.

«Die Situation in den Krankenhäusern ist in Rheinland-Pfalz zunehmend herausfordernd und insbesondere in den Notaufnahmen spitzen sich die Konflikte zu», sagt Geschäftsführer Christian Sprenger. Weniger Anlaufstellen für Patienten führten zu mehr Andrang in den Notaufnahmen. «Es gibt lange Wartezeiten und mehr Frust, der sich gegen Mitarbeitende entlädt.»

Oft sind lange Wartezeiten bei Patienten ein Auslöser für Aggressionen. (Archivbild) Foto: Harald Tittel/dpa

Durch den Wegfall beim ärztlichen Bereitschaftsdienst kämen deutlich mehr Patienten in die Notaufnahme. «80 Prozent sind dort nicht zwingend richtig», sagt Sprenger. «Und das führt zu Konfliktpotenzial.» Und: Die Patienten hätten heute eine andere Erwartung. Schon nach 15 Minuten fragten sie: «Wann komme ich denn endlich dran?»

Bedrohung führt zu Angst vor der Arbeit

Im Mutterhaus gibt es wie in vielen anderen Kliniken einen Sicherheitsdienst, der rund um die Uhr da ist. «Aber der federt ‚die Frechheiten‘ nicht ab, die man sich teilweise anhören muss», sagt Sprenger. Jüngst habe ein Angehöriger die Pflegefachkräfte bedroht: Er habe sinngemäß gesagt: «Ich rufe jetzt meine Kumpel an und dann kriegt ihr alle mal eine», berichtet Sprenger.

Hier sei es wichtig, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter psychologisch unterstützt würden, sagt Psychotherapeutin Esther Hilterscheid. «Wenn es zu so einer Drohung kommt oder zu einer sehr aggressiven Situation, kann es durchaus sein, dass auch ein erfahrener Mitarbeiter mit Schlafstörungen reagieren kann. Oder auch Ängste davon bekommt, auf die Arbeit zu kommen.»

Nach einer Umfrage in dem Krankenhaus haben 39 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angegeben, verbale oder körperliche Gewalt bereits erfahren zu haben, sagt Sprenger. «Und die Notaufnahme ist dabei sozusagen das Brennglas.»

Das neue Angebot, das es seit Oktober gebe, werde sehr gut angenommen, sagt Meyer. «In den letzten Jahren haben wir immer mehr Situationen, in denen Stressreaktionen, Angst, Aggression und Überforderung eine sehr große Rolle spielen.» Ein Gespräch mit einer Psychotherapeutin könne Angehörige sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlasten.

Projekt ist bundesweit besonders

Fakt sei: Wer anderen helfe, brauche auch mal selbst Unterstützung. «Meine Mitarbeiter müssen ja auch mental gesund bleiben.» Die Notaufnahme sei ohnehin ein Ort «mit sehr hoher emotionaler Belastung», sagt Meyer. Für Patienten, Angehörige und für das medizinische Personal. «Es ist so, dass wir nicht nur Krankheiten oder Verletzungen behandeln, sondern dass wir auch ganz oft täglich großer Angst begegnen.»

Oft kann schon ein kleines Gespräch helfen. Foto: Harald Tittel/dpa

Das Projekt «Psychologische Unterstützung in der Zentralen Notaufnahme» sei bundesweit besonders, sagt Psychologin Hilterscheid. «Wir haben uns erkundigt nach anderen Modellprojekten. Es gibt so etwas noch nicht, was wir jetzt hier auf die Beine gestellt haben.» Drei Kolleginnen teilten sich die Stelle. Sie seien zeitweise vor Ort in der Ambulanz oder würden hinzugerufen.

Bei den Pflegekräften gebe es viel Fluktuation. «Psychologen können nicht die Verantwortung bekommen, das Unternehmen zu retten, aber es sind diese kleinen Bausteine, die helfen können», sagt Sprenger zum Projekt. Generell sollte aber allen klar sein: «Wir brauchen Menschen in der Notaufnahme, die dort arbeiten und bereit sind, sich so einer Herausforderung zu stellen. Und es wäre schön, wenn alle dann auch freundlich mit ihnen umgehen könnten».

Schicksalsschläge können auch belasten

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Notaufnahme müssen neben Beleidigungen und Bedrohungen regelmäßig auch mit schweren Ereignissen fertig werden. Verkehrsunfälle, plötzliche Todesfälle, schwerste Verletzungen. «Auch da sind wir auf die Hilfe von unseren Psychologen angewiesen», sagt Meyer.

Pflegefachfrau Olthoff erzählt: «Im ersten Moment, wenn die Patienten ankommen, funktionieren alle. Man macht seinen Job Hand in Hand, arbeitet zusammen.» Aber wenn ein Patient an seinen Verletzungen sterbe und Angehörige vor der Notaufnahme zusammenbrechen, dann mache das schon was mit einem, sagt sie. Und das war auch ihre bisher schlimmste Erfahrung: «Das war, als hier in der Notaufnahme ein junges Mädchen gestorben ist. Und wie die Eltern dann schreiend in die Ambulanz gelaufen sind.» (Quelle: Birgit Reichert, dpa)

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5 Kommentare

  1. Das Problem überfüllter Notaufnahmen besteht im ganzen Land. Entlastung ließe sich bereits schaffen, wenn man Neubürgern besser vermittelt, dass die Notaufnahme ausschließlich für echte Notfälle gedacht ist und kein kostenloser Ersatz für einen regulären Hausarzttermin ist.

  2. Die Träger in Trier sind das Problem .In Berlin gibt es was auf die Schnauze. Da stehen Wachleute mit einem dicken Knüppel und Elektroschocker

  3. Es ist ein unzumutbarer Zustand für die Beschäftigten in der Notaufnahme!
    Wer auch nur einmal als „Notfall“ dort behandelt werden sollte, der wünscht sich nie dort arbeiten zu müssen!
    Unverschämtes und rücksichtsloses Auftreten der Patienten, jeder zuerst, alle „sterbenskrank“, selbst bei Schnupfen behaupet der Egoist ein Notfall zu sein.
    Wer Ellenbogen und lautes Auftreten beherrscht ist im Vorteil.
    Hier soll das Personal einen kühlen Kopf bewahren und auch noch alle Sprachen unseres Erdballes beherrschen, wenn nicht, Drohungen sind alltäglich und gehören hier zum guten Ton.

  4. In 20 Jahren Berufserfahrung im Klinikbereich hat man schon einiges erlebt,das Polizei oder Ordnungsamt anrücken musste, um körperliche Gewalt gegenüber mediz.Personal abzuwenden. Wenn den Patienten bei eigener Anreise alles zu lange dauert,ruft derjenige einen KTW, da kommt man ja direkt zur richtigen Stelle.Viele Situationen lassen sich auch hausärztlich behandeln, bzw. diese bestanden schon längere Zeit,wo derjenige nichts unternommen hat. Deeskalationstraining zwar gut,aber man handelt in gewissen Situationen eigenständig.

  5. Es ist fast schon naiv zu glauben das alle Hilfebedürftigen die in der Notaufnahme aufschlagen sich gesittet an allgemeine Umgangsformen halten und kommentarlos akzeptieren das es der Reihe nach geht und eben auch nach Dringlichkeit.In absehbarer Zeit müßen Krankenhäuser/Notaufnahmen mit glaubwürdigen sichtbaren,unter Umständen auch bewaffneten Sicherheitsunternehmen zusammen arbeiten.Das treibt die Betriebskosten und wird leider alternativlos sein.
    Modelle dieser Sicherheitskonzepte gibt es bereits in Amerika,Südafrika,Israel und einer Reihe weiterer Staaten

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