Schweigen und abwiegeln: Der Landrat von Ahrweiler weicht unangenehmen Fragen aus

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Landrat Jürgen Pföhler (CDU). Foto: Thomas Frey/dpa

AHRWEILER. Mindestens 138 Menschen ertranken in den Fluten der Ahr, wo Landrat Jürgen Pföhler (CDU) erst spät – um 23.09 Uhr am Abend des 14. Juli – den Katastrophenfall auslöste. Hätte er früher handeln können, ja müssen? Die Kritik wird immer lauter. Doch Pföhler schweigt und weicht den Medien aus.

Die Staatsanwaltschaft Koblenz prüft mittlerweile die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung, das sich noch gegen keinen bestimmten Tatverdächtigen richtet. Im Zentrum der Debatte steht aber eindeutig der aus Wittlich stammende Pföhler, der in seinem Amt als Landrat auch oberster Katastrophenschützer im Kreis Ahrweiler ist.

Pföhler jedoch hat vor einigen Tagen im Bonner General-Anzeiger alle Vorwürfe zurückgewiesen: „Gegenseitige Schuldzuweisungen sind völlig deplatziert, geschmacklos und verkennen den Ernst der Lage“, so der Landrat. Zudem könne „niemand im Bund, im Land oder im Kreis seriös die Fragen nach Verantwortlichkeiten beantworten“. Und überhaupt: Für ihn gehe es jetzt erst einmal darum, die Grundversorgung der Flutopfer sicherzustellen.

Der Kieler Krisenforscher Frank Roselieb hat den Äußerungen des Landrats gegenüber der Rhein-Zeitung vehement widersprochen: Der Rahmen-, Alarm- und Einsatzplan (RAEG) Hochwasser des Landes Rheinland-Pfalz von 2020, der allen Landräten vorliege, regele die Vorgehensweise sehr klar. Mit der Aktivierung der höchsten Warnstufe durch die Hochwasservorhersagezentrale um 17.17 Uhr hätte der Landrat, dessen Krisenstab um 17.40 Uhr zusammentrat, die Befugnis gehabt, den Katastrophenfall auszulösen.

Warum also wurde bis 23.09 Uhr gewartet, als in vielen Ortschaften entlang der Ahr die Fluten schon so hoch standen, dass die Helfer gar nicht mehr zu den Opfern vordringen konnten? Pföhler hatte damit argumentiert, dass die Pegelprognose von fünf Metern zwischenzeitlich auf vier Meter abgesenkt worden war – allerdings nur eine Stunde lang. Und auch ein Stand von vier Metern wäre immer noch deutlich höher gewesen als bei dem schlimmen Ahr-Hochwasser von 2016.

Aufschluss über die genauen Abläufe und Entscheidungsprozesse im Krisenstab könnte das Einsatztagebuch gewähren, das Krisenstäbe führen müssen und in dem jede Entscheidung protokolliert werden muss. Doch unter Verweis auf die Prüfungen der Staatsanwaltschaft Koblenz wiegelt die Kreisverwaltung Ahrweiler ab. Eine Stellungnahme hierzu sei derzeit nicht möglich.

Eine unkluge Entscheidung, wie die Süddeutsche Zeitung findet, die auf nicht näher genannte Stimmen aus Pföhlers Umfeld verweist: Dass Pföhler „sich nun so zurückziehe, sei nicht nur ungewöhnlich, sondern auch unklug, weil die Fragen lauter würden. Und der Ruf nach jemandem, der sie beantwortet.“

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6 KOMMENTARE

  1. Da müssen mit Sicherheit noch viele Fragen beantwortet werden.
    Abtauchen des Landrats ist schändlich, jedem Todesopfer und für jeden Angehörigen unwürdig.
    Hier wurde von einem gewählten Politiker die Bevölkerung im Stich gelassen.
    Wer, wenn nicht Herr Phöhler, hatte die Befugnis Katastrophenalarm rechtzeitig auszurufen.

    • Da muss ich immer an Helmut Schmidt denken. Hätte er 1962 nicht so rigoros gehandelt und alle ängstlichen Zweifler mundtot gemacht wobei er selber die Verantwortung für sein Handeln übernommen hat wären wesentlich mehr Tote während der Sturmflut in Hamburg zu beklagen gewesen.

      Das ist mMn der Unterschied zwischen einem richtigen Politiker mit Rückrad und einem gewählten Pöstchenjäger.

      • Hm, mal nachdenken… Rückrad, Rückrad…?
        😂😂😂
        Nich nie gehört…
        Aber da ich kein RückGRAT besitze kann ich ja hier auch gut anonym dummes Zeug schreiben…

  2. Nicht auszudenken, wenn diese Naturkatastrophe nicht regional begrenzt, sondern weitere, größere Teile des
    Landes betroffen hätte..

    Hier zeigt sich die kommunale und politische Inkompetenz in erschreckender Weise !!

  3. Offensichtlich sind Landräte besser darin Nebeneinkünfte zu generieren als organisatorische Leistungen zum Wohle ihrer Bürger zu leisten

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