Champagnerlaune und historische Schlaglichter: „Die Fledermaus“ am Theater Trier

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Schmetterlinge tanzen beim Prinzen Orlofsky. Foto: Martin Kaufhold

TRIER. Am gestrigen Samstagabend feierte die meistgespielte deutschsprachige Operette am Theater Trier Premiere. Ein hörbar begeistertes Publikum erlebte eine originelle Inszenierung der „Fledermaus“ von Co-Intendant Lajos Wenzel, die bedeutsame historische Parallelen aufzeigte und so einiges zu denken gab, ohne von der sprühenden Lebenslust und -freude im Geringsten etwas wegzunehmen.

Von Alexander Scheidweiler

Das Wichtigste vorweg: „Die Fledermaus“ in der Inszenierung von Co-Intendant Lajos Wenzel, die gestern Abend im Großen Haus des Theaters Trier ihre Premiere erlebte, ist, salopp gesprochen, ein Kracher: optisch opulent, bemerkenswertes Bühnenbild, tolle Kostüme, gelungene Einbindung des Ballettensembles mit schönen Choreographien, ein schwungvolles Orchester, das die Champagnerlaune der Partitur zum Klingen bringt, gute Leistung der Sänger und ein ausgesprochen witziger Gerichtsdiener Frosch.

Damit könnte die Premierenkritik eigentlich zu Ende sein, indes ein bisschen genauer wollen wir natürlich schon hinschauen – und natürlich auch ein bisschen beckmessern, auch wenn’s um die „Fledermaus“, und nicht um die „Meistersinger“ geht. Mehr als einen Satz muss der Kritiker schon zusammenbringen, um Existenz und Tätigkeit zu legitimieren.

Das Tanzensemble mit Fledermaus und Schmetterling. Foto: Martin Kaufhold

Mit der „Fledermaus“ ist es ja so: Für wohl fast alle Freunde des Musiktheaters dürfte der Operetten-Dauerbrenner zu den allerliebsten guilty pleasures gehören – die Melodien süffig wie ein Blaufränkisch aus dem damals noch ungarischen Burgenland, die Dialoge süß wie ein Stück Sachertorte (zum Teil jedenfalls), Ambiente und Atmosphäre von jenem k.u.k.-Glamour durchzogen, der auch ein gutes Jahrhundert nach dem Ende der Donaumonarchie noch immer die kleinbürgerlichen Reflexe der Adelsbegeisterung zu aktivieren vermag, auch wenn die glamouröse Welt, die da gezeichnet wird, von der Blässe der Dekadenz mehr als nur ein wenig angekränkelt erscheint. Dazu jene Prise verspielter Frivolität, die auf so reizvoll-hintersinnige Weise die gesellschaftliche Wohlanständigkeit in Frage stellt, die dann am Ende aber doch wiederhergestellt wird, zumindest vordergründig. Gute, alte Zeit, aber auf sexy und mit einem Augenzwinkern. Doch ist das alles nicht ein bisschen zu gefällig, nicht ein wenig zu seicht die Walzermelodien, die Trinklieder, die nationale Clichés ausbeutenden Wodka-und-Csárdás-Orgien in diesem unverwüstlichen und bekanntesten Werk des Walzerkönigs Strauss jr.?

Um unser bildungsbürgerliches und freilich eminent sowie pflichtschuldigst kritisches Gewissen zu beruhigen, müssen wir also den redensartlichen Wermutstropfen in den Champagner gießen und die Brüche in der Welt der „Fledermaus“ akzentuieren, die es zweifellos gibt: Das Programmheft des Theaters Trier bietet denn auch zum Beweis ihrer Existenz ein längeres, etwas tourettesyndomartiges Zitat des 2002 verstorbenen Direktors der Komischen Oper Berlin, Harry Kupfer, das der dort dargestellten Gesellschaft wahrlich keine Rosen streut („von Lüge und Schwindel durchsetzt“, „Hochstapelei“, „hohle Freundschaften“, „eintöniges Eheleben“, „perverser Lebemann“). Und am Ende gipfelt die Tirade dann der indignierten Feststellung: „Man schiebt die Schuld auf den Champagner, arrangiert sich wieder und lebt weiter wie bisher.“ Aber, aber! Sich so in Harnisch zu werfen bringt doch zu nichts, würdiger Herr Direktor, nichts, möchte man in Anlehnung an den Gerichtsdiener Frosch sagen. So viel puritanischer Moral-Furor gegen die selbstgenügsame Partylaune, die kleinen Retourkutschen und die erotischen Techtelmechtel der besseren Gesellschaft der Belle Epoque? Echt jetzt? In der heutigen Zeit? Cromwell wäre begeistert.

Champagnerlaune und Art-Deco-Ästhetik. Foto: Martin Kaufhold

Sicher, sicher, es gibt, wie gesagt, die Brüche, aber im Sich-Arrangieren liegt ja gerade die Weisheit: Leben und leben lassen ist besser als die soziale Ordnung in die Luft zu sprengen, weil Inkongruenzen von Reden und Handeln, Sein und Sollen, Schein und Sein überhaupt nicht toleriert und sofort maximal skandalisiert werden. Das sollte im Übrigen insbesondere unsere Zeit sich auf den erregungsaffigen Social-Media-Merkzettel und hinter die Ohren schreiben. Hat der Hausherr eine Affäre mit dem Studenmädchen, während die Dame des Hauses sich mit dem Gesangslehrer vergnügt, schiebt man’s halt auf den Champagner, wahrt den schönen Schein mit einer kleinen Notlüge hier und da – und die Institutionen funktionieren weiter. Besser als sie täten’s nicht. Man kann’s mit allem übertreiben, auch mit der Authentizität.

Doch zurück auf die Trierer Operettenbühne: Das erwähnte Zitat steht auch ein bisschen verloren im Programmheft, denn glücklicherweise hat Lajos Wenzel sich mit seiner Inszenierung eben nicht auf jenen sauertöpfischen Pfad begeben, auf den das Kupfer-Zitat zu weisen scheint. Stattdessen hatte der Trierer Co-Intendant die zündende Idee, die Handlung ins Trier der 20er-Jahre zu verlegen. Zum einen gibt es dafür historische Gründe, entstand doch die 1874 uraufgeführte Operette vor dem Hintergrund der großen Börsen- und Wirtschaftskrise des Jahres 1873 („Gründerkrach“), so dass die trunkene Champagnerlaune der „Fledermaus“ vor der Folie eines dramatischen ökonomischen Einbrechens gesehen werden muss, worin dann eben eine Parallele zu den „Roaring Twenties“ liegt, deren jazzverliebte Lebensfreude, jedenfalls in Deutschland und insbesondere im redensartlichen „Krisenjahr 1923“, von Inflation (Notgeld) und politischer Radikalisierung („Hitler-Putsch“) begleitet war, welche toxische Kombination – also Inflation und Aufstieg der radikalen Rechten – auch heute, genau 150 Jahre nach dem Gründerkrach und 100 Jahre nach dem Krisenjahr, wieder beobachtbar ist. Dass gerade auch die Bevölkerung von Stadt und Region Trier von den Krisen des Jahres 1923 und der Vorjahre stark gebeutelt wurde, während gleichzeitig diejenigen, die es sich leisten konnten, in Feierlaune waren, legt das Programmheft anhand von zeitgenössischen Originalzitaten dar.

Rosalinde (Yibao Chen) räkelt sich auf der Chaiselongue. Foto: Martin Kaufhold

Die Verlegung der Handlung vom franzisko-jospehinischen Wien ins Trier der Zwischenkriegszeit eröffnet nicht nur die Möglichkeit, historische Parallelen in den Blick zu nehmen, sondern auch der „Fledermaus“ mit zahlreichen Anspielungen Trierer Lokalkolorit zu verleihen, und bildet schließlich auch die Grundlage für das aparte, teilweise geradezu spektakuläre Bühnenbild im Art-Deco-Stil (Judith Leikauf, Karl Fehringer). Zwei große Säulen rechts und links, ästhetisch irgendwo zwischen Wiener Sezession und Chrysler Building angesiedelt, in der Mitte ein jugenstilhaftes Fenster im Hintergrund sowie eine geschwungene Treppe, Chaiselongue, Zimmerpalme und Boudoir-Tisch mit Spiegel links im Vordergrund stellen das Haus der Eiseneins vor. Dreht sich die Bühne, erscheinen große Lampen an horizontalen Trägern sowie ein beleuchteter, von einer Holzkonstruktion ummantelter Zylinder als Bühne auf der Bühne – und schon sind wir in der Villa des Prinzen Orlofsky. Zahlreiche Lampen an Säulen, Trägern und Treppe schaffen beeindruckende, varietéartige Lichteffekte, eine schwarz-goldene Pantherskulptur, die auf dem Lichtzylinder platziert und am Ende sogar mit Fledermausflügeln versehen wird, unterstreicht das Dionysische des Orlofsky’schen Bacchanals, wozu auch die wiederholten Tanzeinlagen des Ballettensebmles ihren Teil beitragen, besonders fulminant im Finale des zweiten Aktes, bei dem die Tänzer in Anspielung auf das Faschingskostüm Eisensteins als Schmetterlinge gekleidet sind (Choreographie: Andrea Mortelliti).

Im dritten Akt senken sich dann einfachere Wände sowie ein Gitterfenster auf die Konstruktion, die dann das Gefängnis vorstellt, mit einem kleinen Tischchen, auf dem dann der angetrunkene Gefängnisdirektor Frank (Karsten Schröter) mit Tee-Ei und Taschenuhr ergötzlichen Slapstick vollführen kann. Dabei tragen die Herren überwiegend Dreiteiler, deren Erlesenheit situationsadäquat variiert, und die Damen Flapper und Hüte im Stile der 20er. Janja Vuletic ist als Prinz Orlofsky in einem schillernden Pailetten-Cutaway mit dazu passendem Kopfschmuck angetan, ein echter eye catcher (Kostümbild: Judith Peter). Insgesamt entsteht so eine wirklich reizvolle Optik, die mehr an „The Great Gatsby“ und „Some Like It Hot“ denn an angestaubte Alt-Wien-Romantik erinnert.

Vorfreude auf die große Party: Dr. Falke (Wolf Latzel, links) und Gabriel von Eisenstein (André Baleiro). Foto: Martin Kaufhold

Schon gleich zu Beginn – das Philharmonische Orchester der Stadt Trier unter dem Dirigat von Generalmusikdirektor Jochem Hochstembach hat kaum mit der Ouvertüre begonnen – unterbricht Gerichtsdiener Frosch (Michael Hiller) mit viel Getöse vom Zuschauerraum aus die Musik und erklärt, das Theater müsse wegen der Inflation geschlossen werden. Die geplante Renovierung werde wegen der Geldentwertung viel teurer als gedacht. (Es bleiben nicht die einigen Anspielungen im historischen Gewand auf die in der Gegenwart geplante Renovierung.) Selbst den neuen Taktstock des Dirigenten konfisziert Frosch, um diesen zur Rede zu stellen, ob die Anschaffung denn wirklich nötig war und auch ordnungsgemäß beantragt wurde. Wie gut, dass Dr. Falke (Wolf Latzel) den Abend rettet, indem er dem Prinzen Orlofsky, der zugleich als Theaterdirektor fungiert, die Aufführung seiner „Rache der Fledermaus“ zur Aufführung anbietet.

Dabei streicht die Wenzel’sche Inszenierung die Rolle des Dr. Falke als Strippenzieher der Intrige heraus: Die in der Vorlage lediglich brieflich erfolgende und erst im zweiten Akt in der Villa Orlofsky selbst offenbar gemachte Einladung an Rosalinde (Yiabo Chen), die Feier zu besuchen und den treulosen Herrn Gemahl zu überführen, wird im ersten Akt auf offener Bühne ausgesprochen; von der Villa aus inszeniert Falke zudem die Festnahme Alfreds (Derek Rue), indem er den Gefängnisdirektor Frank per Telefon losschickt, das Tête-à-Tête im Hause Eisenstein zu beenden. Zudem wurde die Verhaftungsszene in den zweiten Akt verlegt, so dass die Trierer Fassung vom Terzett „So muss allein ich bleiben“ direkt in die Villa Orlofsky springt, und die Festnahme Alfreds gleichsam „nachgeliefert“ wird. Ferner bleibt das Telefon nicht die einzige moderne Technologie, durch die die „Fledermaus“ vom späten 19. Jahrhundert ins und frühe 20. versetzt wird: So besteht der gemeine Faschingsscherz Eisensteins (André Baleiro) in der Fassung von Lajos Wenzel nicht darin, dass der betrunkene Dr. Falke im Wald ausgesetzt und dann auf dem Heimweg von Schulkindern verspottet wird, sondern darin, dass kompromittierende Fotos des Betrunkenen gemacht und veröffentlicht werden, womit sich Parallelen zur heutigen Bloßstellung von Menschen im Internet andeuten.

Prinz Orlofsky (Janja Vuletic, Mitte) feiert mit einen Gästen. Foto: Martin Kaufhold

Viele Lacher und am Ende auch wohlverdienten Applaus erntete, wie bereits angedeutet, Michael Hiller als Gerichtsdiener Frosch, der im dritten Akt seinen großen Auftritt mit Slibowitz-Flachmann und und lockeren Sprüchen hatte. Die Trägheit des deutschen Beamtentums, die geplante Theaterrenovierung (Frosch imaginierte die Notwendigkeit eines ganzen Turms mit Büros sowie einem Penthouse mit Jaccuzi für die vielen Direktoren und Intendanten, die sich angesammelt hätten) sowie die Gefahr des Aufstiegs demokratiefeindlicher Kräfte („Ich stehe hinter jeder Regierung, bei der ich nicht sitzen muss, wenn ich nicht hinter ihr stehe.“) – nichts war vor den scharfzüngigen Pointen des ob des Alkoholgenusses bedenklich schwankenden Gerichtsdieners sicher.

Dr. Falke mit dem Prinzen. Foto: Martin Kaufhold

Die Sänger waren durch die Bank gut bei Stimme und trugen ihre Partien tadellos vor, wobei André Baleiro in der Rolle des Eisenstein nicht nur mit der Wärme und Kraft seines Baritons, sondern auch mit sichtlicher Spielfreude zu Werke ging. Seinen wohl stärksten Moment hat er sängerisch und mimisch im Uhrenduett des zweiten Aktes: Herrlich, wie er den eitlen Gockel auf Freiersfüßen spielt, der sich – und seine Taschenuhr – für unwiderstehlich hält, und doch der List der schönen Gräfin auf den Leim geht, in der er in seiner Verblendung die eigene Gemahlin nicht zu erkennen vermag. Nicht nur hier ergänzt Yibao Chen Baleiro hervorragend: Den Csárdás singt sie kraftvoll und mit viel Temperament, wie sie überhaupt eine Rosalinde gibt, die sich als souveräne Frau nimmt, was sie haben will, und insofern ihrem Mann nicht nachsteht. Beim „Abschiedskuss“ von ihrem Liebhaber hält sie sich nicht zurück, sondern wirft sich geradezu in Derek Rues Arme. Eisenstein auf dem Fest in Gegenwart Adeles (Einat Aronstein) anzutreffen, quittiert sie mit der so selbstbewussten wie spitzen Bemerkung: „Dass ich ihn betrüge, ist meine Sache, aber dass er mich betrügt, das geht entschieden zu weit.“

Uhrenduett mit Panther im Hintergrund. Foto: Martin Kaufhold

À propos Derek Rue: Stand ihm schon im „Falstaff“ die Nebenrolle des jugendlichen Liebhabers ausgesprochen gut (lokalo.de berichtete), so in der „Fledermaus“ noch mehr. Sowohl das „Täubchen, das entflattert ist“ wie auch das Trinklied klingen frisch und strotzen vor Lebensfreude. Dabei entfaltet er zugleich komödiantisches Talent, wenn er sich hinter der Zimmerpalme vor dem überraschend eintreffenden Eisenstein versteckt und, diese vor sich herschiebend, versucht, sich davonzumachen, oder wenn er sich im dritten Akt mit Michael Hiller die Bälle zuspielt, indem sie ihre Späße über die Brotlosigkeit der Künste machen.

Sehr lustig auch Einat Aronsteins ironisch gebrochener, herzerweichender Jammer um die freilich erfundene, arme, kranke Tante im ersten Akt sowie ihr schelmisches Kokettieren als „Unschuld vom Lande“ im gleichnamigen Couplet im dritten. Wirklich großartig aber gelingt ihr das Lachlied des zweiten Aktes („Mein Herr Marquis“), in dem ihre quicklebendigen Koloraturen wie Champagnerperlen aufsteigen. Aber auch Janja Vuletic vermag im Champagnerlied Akzente zu setzen – man hört regelrecht „den Feuerstrom der Reben“, von dem sie singt.

Scharfzüngige Pointen: Gerichtsdiener Frosch (Michel Hiller, links) und Gefängnisdirektor Frank (Karsten Schröter). Foto: Martin Kaufhold

Das Philharmonische Orchester der Stadt Trier präsentierte sich, wie eingangs erwähnt, schwungvoll und gut austariert, speziell bei der ja nicht ganz einfachen Ouvertüre machte das zuhören viel Spaß, wenngleich der Elan gegen Ende etwas nachzulassen schien.

Alles in allem sah das beim Schlussapplaus hörbar begeisterte Premierenpublikum im knallvollen Großen Haus eine originelle Inszenierung, die durch die Verlagerung der Handlung in die „Roaring Twenties“ Schlaglichter auf bedeutsame geschichtliche Parallelen warf und so auch einiges zu denken gab, ohne von der sprühenden Lebenslust und -freude der „Fledermaus“ im geringsten etwas wegzunehmen. So geht Operette.

weitere Termine: 16.12., 19.30 Uhr, 27.12., 19.30 Uhr, 31.12., 19.00 Uhr und 26.1., 19.30 Uhr

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