Service statt Produktion: Neue Ära bei Ford in Saarlouis — „Wir haben es in der Hand“

Draußen steht zwar noch das alte Ford-Schild, doch drinnen ist alles anders. Aus dem früheren Produktionswerk des Autobauers wird ein Servicezentrum.

0
Foto: Oliver Dietze/dpa/Archiv

SAARLOUIS. Es ist ein besonderes Jahr, das bei Ford in Saarlouis nach den Werksferien am 5. Januar beginnt: für den Arbeitgeber, für seine Beschäftigten und für den Betriebsrat. Denn seit hier Mitte November der letzte Ford Focus vom Band rollte, trifft nach 55 Jahren die Bezeichnung «Autobauer» für diesen Standort nicht mehr wirklich zu.

«Wir gehören nach wie vor zur deutschen Ford-Werke GmbH, aber vorher waren wir ein reines Produktionswerk. In Zukunft nennen wir uns Ford Customer Service Plant – FCSP – und werden ein reines Teile- und Komponentenwerk sein», erläutert der Betriebsratsvorsitzende Dennis Stoffel. Ersatzteile für ausgelaufene Fahrzeugmodelle werden nach Köln und von dort an Ford-Händler in ganz Europa geliefert. Außerdem werden Blech- und Kunststoffteile für die laufende Produktion hergestellt.

Hat mit seinem Rücktritt die Neuwahl des Betriebsrates ermöglicht: Markus Thal. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Auch für den 48-Jährigen bedeutet die neue Ära einen Neuanfang: Erst im Dezember wurde er an die Spitze des Betriebsrates gewählt. Sein Vorgänger Markus Thal und dessen Stellvertreter Holger Michel hatten mit ihrem Rücktritt im September die Neuwahlen ermöglicht und damit ganz bewusst nach vorn gezogen: «Mir war es wichtig, dass der neue Betriebsrat am 5. Januar sofort loslegen kann und wir keine Zeit verlieren», sagte Thal im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. «Gerade in der neuen Aufbauphase des Werkes wäre das tödlich gewesen. Da braucht man von der ersten Minute einen funktionierenden Betriebsrat.»

Nur noch 1.000 statt 4.500 Beschäftigte

Der ist jedoch deutlich geschrumpft – entsprechend der gesunkenen Belegschaftsstärke: Von den einst 4.500 Beschäftigten sind nur noch 1000 übrig, die Zahl der Betriebsräte hat sich von 29 auf 13 verringert. «Die Anzahl der Themen, mit denen wir uns befassen, wird aber nicht geringer sein. Es gibt nur weniger Menschen, die wir betreuen», meint Stoffel. Vor allem werde es darum gehen, dass die neuen Projekte zeitnah starten und für die Kollegen der neue Arbeitsplatz, die Arbeitsbedingungen, die Einstufung und somit die Bezahlung stimmen.

Einer der neuen Arbeitsbereiche wird das Batterie-Recycling und Up-Cycling sein, sprich: Die Mitarbeiter werden alte Batterien prüfen, zerlegen und wieder zu neuen zusammenbauen. Markus Thal liegt bei den neuen Projekten besonders am Herzen, dass der Wiedereinstieg in die Berufsausbildung gelungen sei: So werden künftig wieder zwölf Azubis ihre Lehre in drei verschiedenen technisch-gewerblichen Berufen machen können.

Ford 1000: «Wir haben es in der Hand»

Für Dennis Stoffel steht außer Frage, dass diese – wie auch die anderen Kollegen bei dem Programm «Ford 1000» – eine Perspektive haben: «Die Ersatzteilfertigung und -bereitstellung ausgelaufener Produkte ist gesetzlich geregelt und beträgt zwischen 10 und 15 Jahren», unterstreicht er. Doch auch unabhängig davon glaubt er an eine positive Zukunft in Saarlouis. «Meine Botschaft an die Belegschaft ist: Wir haben es in der Hand. Die Ford-Leitung wird gerade zu Beginn verstärkt ein Auge auf uns haben und prüfen, ob Qualität und Lieferzeiten stimmen.»

Schon in der Vergangenheit habe man oft bewiesen, dass man eines der produktivsten und qualitativ besten Werke in der Ford-Welt sei. Stoffel: «Ich gehe fest davon aus, dass wir auch in Zukunft zeigen werden, dass wir ein Standort sind, an dem Qualität gelebt und produziert wird

Auf die Trauer folgt Motivation

Und so langsam spiegle sich diese neue Zuversicht auch in der Belegschaft wider. «Bis November war die Zeit sehr geprägt von Trauer und Abschied. Das war allgegenwärtig. Auch wenn man durch die leeren Hallen ging und die abgerissenen Anlagen sah», blickt der neue Betriebsratsvorsitzende zurück. Auch habe bei den bereits gestarteten Projekten zu Beginn noch große Unsicherheit unter den Kollegen bestanden. «Viele haben sich gefragt, wie es weitergeht und mussten sich in den neuen Teams erst zusammenfinden. Aber jetzt scheint die Trauerphase langsam beendet und man merkt, dass die Kollegen hochmotiviert sind.»

Von Euphorie allerdings mag er noch nicht sprechen: «Aber viele sind bereit, das Neue zu starten und in verschiedenen Projekten echte Pionierarbeit zu leisten.»

Und auch, wenn es nicht gelungen sei, die Ford-Focus-Produktion in Saarlouis zu erhalten und das neue FCSP «nur die zweitbeste Lösung» sei, ist Stoffel mit dem Erreichten zufrieden: «Das Schöne war: Bis auf wenige Ausnahmen konnte jeder selbst entscheiden, ob er gehen oder bleiben und einen Neustart versuchen möchte. Wir mussten keine Auswahl treffen.»

Transfergesellschaft mit knapp 1.400 Kollegen

Nach Angaben von Markus Thal sind zum 1. Dezember 1.390 Kollegen in die Transfergesellschaft gewechselt. «Ab 55 Jahren können sie bis zu 24 Monaten bleiben, darunter haben sie eine 18-monatige Laufzeit.» Nach über 30 Jahren im Betriebsrat – davon fast elf als Vorsitzender – kann er auch mit Stolz auf dieses Ergebnis blicken: «Alle Seiten sagen uns, es könne als bisher einzigartig erachtet werden, was man hier für die Menschen im Anschluss erreichen konnte.»

Aktuell werde das bisherige Ford-Verwaltungsgebäude von der Transfergesellschaft für Einzelberatungen und Gruppenworkshops genutzt. «Ende des Jahres wird es in dieser Größe dann sicher nicht mehr benötigt, dann wird es abgerissen – und auch die Endmontage wird es dann nicht mehr geben», vermutet Thal. Schon jetzt werde parallel die Fläche für die Neuansiedlung des Pharma-Unternehmens Vetter aus Ravensburg vorbereitet.

Wie es selbst für ihn weitergeht, kann der 56-Jährige allerdings noch nicht sagen: Fest steht bislang nur, dass er Ende März aus dem Unternehmen ausscheidet.

Noch weitere Freiwillige für Abfindungsprogramm gesucht

Derweil läuft das Abfindungsprogramm bei Ford weiter. Dennis Stoffel rechnet, dass die Zahl der Mitarbeiter bis zum Jahresende auf etwa 850 sinken wird. Nach Angaben der Werkleitung hätten bislang 150 Beschäftigte über das neue Programm einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet. «Um möglichst nahe an das vorgegebene Ziel von 250 Aufhebungsverträgen zu kommen», machten Werkleiter Michael Steuer und Personalleiter Holger Bähr im Dezember in einer internen Info darauf aufmerksam, dass die Teilnahme an dem Freiwilligenprogramm nach wie vor möglich sei. Interessierte können sich dafür noch bis zum 15. Januar in der Personalabteilung melden. (Quelle: Katja Sponholz, dpa)

Vorheriger ArtikelZentrale Ausländerbehörde RLP: So viele Menschen nutzten beschleunigtes Fachkräfteverfahren
Nächster ArtikelGanztagsbetreuung in der Grundschule: GEW und Kommunen schlagen Alarm

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Klarname ist nicht erforderlich. Eine E-Mail-Adresse muss angegeben werden, wird aber nicht veröffentlicht.