WASSERLIESCH. 1.128 Kilometer, 8.022 Höhenmeter, fast 52 Stunden unterwegs – und am Ende der Vizemeistertitel: Ultracycler Stefan Feilen hat beim Race Across Germany eine beeindruckende Leistung gezeigt. Trotz technischer Probleme, Schlafmangel, Kälte, mentaler Tiefpunkte und zahlreicher Rückschläge kämpfte sich der Sportler bis ins Ziel und wurde Zweiter bei der Deutschen Meisterschaft im Ultracycling in der Kategorie „Supported Ü50“.
Es war ein Rennen, das alles abverlangte. Körperlich, mental, organisatorisch. Als Stefan Feilen in Flensburg um 11.08 Uhr auf die Strecke ging, lagen mehr als eintausend Kilometer quer durch Deutschland vor ihm. Das Ziel: Garmisch-Partenkirchen. Dazwischen: Wind, Nacht, Müdigkeit, Technikprobleme, Kälte und die Frage, wie lange Kopf und Körper gemeinsam durchhalten.
Schon auf den ersten Kilometern zeigte sich, dass dieses Race Across Germany kein einfacher Ritt mit Rückenwind werden würde. Zwar schob der Wind zunächst von hinten, doch heftige Seitenböen machten das Fahren anspruchsvoll. Was nach guten Bedingungen klingt, verlangte auf dem Zeitfahrrad höchste Konzentration.
Technikprobleme kosten wertvolle Zeit
Bereits am ersten Abend kamen die nächsten Rückschläge. Probleme mit der Kommunikation im Betreuerteam kosteten wertvolle Minuten. Wenig später streikte auch die Navigation: Schwierigkeiten mit dem GPS machten eine weitere Pause nötig, bis die Strecke wieder auf das Garmin-Gerät übertragen werden konnte.
Bei einem Rennen dieser Art zählt jede Minute. Jede Unterbrechung kostet Rhythmus, Konzentration und Zeit. Doch Feilen blieb im Rennen – und sein Team hielt ihn auf Kurs.
Der erste Kaffee seit vier Monaten wirkt wie ein Turbo
Eine besondere Geschichte schrieb in der ersten Nacht ausgerechnet ein Kaffee. Feilen hatte rund vier Monate bewusst auf Koffein verzichtet, um dessen Wirkung im Rennen gezielt nutzen zu können.
Der Plan ging auf: Der erste Kaffee wirkte in der Nacht nach Angaben des Teams wie ein Turbo. Feilen fuhr weiter – Stunde um Stunde, Kilometer um Kilometer. Ohne Schlaf ging es bis drei Uhr in der zweiten Nacht.
Dann aber war die Erschöpfung zu groß. Zunächst reichten 45 Minuten Schlaf. Später zwang die eisige Kälte zu einer weiteren Pause von rund 30 Minuten, um sich wieder aufzuwärmen.
Kurioser Schreckmoment während der Schlafpause
Für einen unerwarteten Moment sorgte ein Autofahrer während einer dieser Pausen. Er hielt am Betreuungsfahrzeug an, weil er offenbar davon ausging, das Team habe den Fahrer angefahren und dieser liege regungslos auf der Straße.
Erst als Feilen selbst aufwachte und erklären konnte, dass es sich um eine geplante Schlafpause während eines Ultraradrennens handelte, klärte sich die Situation auf.
Es ist eine dieser Szenen, die zeigen, wie extrem dieser Sport ist: Was für Außenstehende wie ein Notfall wirken kann, gehört bei einem Rennen über mehr als 1.100 Kilometer manchmal zur Strategie.
Mentaler Tiefpunkt – Team bringt Feilen zurück in den Fokus
Die größte Herausforderung kam jedoch nicht durch Wind, Technik oder Kälte, sondern im Kopf. Als sich abzeichnete, dass das ursprünglich gesetzte persönliche Zeitziel nicht mehr erreichbar sein würde, wurde es mental schwer.
Gerade in dieser Phase war das Betreuerteam entscheidend. Ines, Dirk und Fränk gaben immer wieder neue Motivation, sortierten die Lage, hielten den Fokus auf das Wesentliche: weiterfahren, ankommen, kämpfen.
Mit steigenden Temperaturen fand Feilen schließlich zurück in seinen Rhythmus. Auf den letzten 200 Kilometern mobilisierte er noch einmal alle Reserven und kämpfte sich mit großer Willenskraft ins Ziel.
Vizemeistertitel nach fast 52 Stunden
Die Zahlen dieses Rennens sind beeindruckend: Stefan Feilen absolvierte 1.128 Kilometer und 8.022 Höhenmeter in einer Bruttozeit von 51 Stunden und 57 Minuten. Die reine Fahrzeit betrug 44 Stunden und 36 Minuten.
Das Ergebnis: Platz zwei bei der Deutschen Meisterschaft im Ultracycling in der Kategorie „Supported Ü50“ – und damit der Titel des Deutschen Vizemeisters.
Auch in der altersübergreifenden Gesamtwertung setzte Feilen ein starkes Ausrufezeichen: Platz sechs. Von 209 gestarteten Teilnehmern erreichten lediglich 100 das Ziel, nur 85 davon innerhalb der Karenzzeit.
24.300 Kilokalorien und 183.000 Kurbelumdrehungen
Auch die Leistungsdaten zeigen, welche Dimension dieser Erfolg hat. Feilen trat durchschnittlich 156 Watt, verbrannte rund 24.300 Kilokalorien und kam auf etwa 183.000 Kurbelumdrehungen.
Zur Einordnung: 24.300 Kilokalorien entsprechen ungefähr dem Energiebedarf eines Erwachsenen für zwölf Tage – oder rund 44 Big Macs.
Auch bei der Ernährung hatte Feilen im Vergleich zu früheren Rennen einiges verändert. Fast vollständig setzte er auf Flüssignahrung. Ab dem zweiten Morgen bestanden die Trinkflaschen nahezu ausschließlich aus Cola, um den enormen Energiebedarf decken zu können.
Rund 1.070 Kilometer legte er auf dem Zeitfahrrad zurück, die verbleibenden Kilometer auf dem Bergrad.
Aus der offenen Rechnung wird ein großer Erfolg
Vor dem Rennen hatte Feilen angekündigt, beim Race Across Germany eine alte offene Rechnung begleichen zu wollen. Vor drei Jahren hatte er seine Teilnahme wegen schwerer Kniebeschwerden abbrechen müssen. Dieses Mal kam er nicht nur ins Ziel – er fuhr aufs Podium.
Der Vizemeistertitel ist deshalb mehr als eine Platzierung. Er ist der Lohn für monatelange Vorbereitung, für Disziplin, für Rückschläge, für das Vertrauen in das eigene Team und für die Fähigkeit, auch dann weiterzumachen, wenn das ursprüngliche Ziel unterwegs wackelt.
Zum Abschluss richtet Feilen seinen besonderen Dank an sein Betreuerteam mit Ines, Fränk und Dirk. Ohne deren Einsatz, Motivation und Unterstützung sei dieses Ergebnis nicht möglich gewesen. Ebenso bedankt er sich bei seinen Sponsoren sowie seinem Arbeitgeber, der UVB, für die Unterstützung auf dem Weg zu diesem außergewöhnlichen sportlichen Erfolg.
Am Ende steht ein Satz, der dieses Rennen wohl am besten beschreibt: Nicht alles lief nach Plan, aber Stefan Feilen fuhr trotzdem bis ganz nach vorne.













