TRIER. In ganz Deutschland wird darüber diskutiert, Straßen und Plätze, die nach historisch belasteten Persönlichkeiten benannt sind, umzubenennen, auch in Trier. So wurde im Februar die nach dem ehemaligen Reichspräsidenten Paul v. Hindenburg benannte Straße in Gerty-Spies-Straße umbenannt, nach der jüdischen Schriftstellerin Gerty Spies, die aus Trier stammte. Zugleich erarbeitet die Stadt einen Kriterienkatalog für weitere Umbenennungen. Das Thema ist sensibel, die Frage nach der Bewertung historischer Persönlichkeiten komplex. Lokalo hat darüber mit dem Landeshistoriker der Universität Trier, Prof. Dr. Stephan Laux, gesprochen.
Lokalo: Herr Prof. Laux, nicht nur, aber auch in Trier wird über die Umbenennung von Straßen diskutiert, die nach historisch belasteten Persönlichkeiten benannt sind. Die Umbenennung der vormaligen Hindenburg-Straße in Gerty-Spieß-Straße ist bereits erfolgt, weitere werden wohl folgen. Die Stadt Trier arbeitet gegenwärtig an einem Kriterienkatalog hierfür. Aus der Sicht des Historikers: Welche Kriterien sollten grundsätzlich angelegt werden, um zu entscheiden, welche Persönlichkeiten mit einem Straßennamen geehrt werden sollten bzw. welchen diese Ehrung entzogen werden sollte?
Laux: Mit der Frage tun sich die meisten Historikerinnen und Historiker vermutlich schwer – das muss ich jedenfalls von mir sagen. Es entspricht nämlich eher unserem Selbstverständnis, zu erinnern, als zu „ehren“. Aber Sie fragen ja nach Letzterem. Und da liegt die Latte der Bewertung derzeit ausgesprochen hoch. Zwei Punkte sollte man sich mit Blick auf die Ehrenden wie auf die Geehrten vor Augen führen: Erstens, dass das Werteverständnis unser heutigen Zeit in dauerhafter Bewegung ist und deshalb keine konstante und eindeutige Bezugsgröße darstellt. Selbst wenn wir (ich bin da mal optimistisch) etwa über die Prinzipien unseres Grundgesetzes einen breiten gesellschaftlichen Konsens annehmen können, so gibt es doch sehr unterschiedliche Meinungen darüber, wie diese Prinzipien zu realisieren sind. Stichworte: partizipative Demokratie, Diversität, Solidarität etc. Was wir vielleicht morgen als anstößig empfinden, ist gestern noch so etwas wie Normalität gewesen. Damit meine ich natürlich schon größere Zeiträume. Je weiter die Zeiten zurückliegen, da man mittels Straßennamen Ausdruck von Ehrvorstellungen geben wollte, desto eher müssen wir heute davon ausgehen, dass uns das im Einzelfall zweifelhaft erscheint.
Lokalo: Werte unterliegen also einem Wandel. Das leuchtet ein. Sie hatten aber von zwei Punkten gesprochen.
Laux: Ja, genau. Der zweite Punkt ist, dass wir mit dem Gedanken der Ehrung unweigerlich den Anspruch auf persönliche Integrität, Vorbildhaftigkeit, mithin so etwas wie moralische Unbeflecktheit verbinden. Ich glaube, man muss einräumen, dass ein derartiger Anspruch von den zu „ehrenden“ Personen kaum erfüllt wird. Das liegt schlicht und ergreifend in der Wechselhaftigkeit der Lebensführung, an Sozialisationserfahrungen, Brüchen, Widersprüchen etc. Mit den heutigen Möglichkeiten der historisch-biographischen Durchleuchtung, wie ich es mal nennen möchte, lassen sich die oft stark affirmativen Darstellungen älterer Zeiten leicht widerlegen. Historiker sprechen da oft von „Narrativen“. Das ist also die allgemeine psychologische Ebene, die uns allen aus Lebenserfahrung präsent ist. In historischer Dimension – und das ist der wirklich springende Punkt – müssen wir aber durchweg davon ausgehen, dass Persönlichkeiten unsere Normerwartungen selten erfüllten. Damit ergibt sich also immer die Schwierigkeit der Abwägung. Ich will aber Ihrer Frage Kern nicht ausweichen: Personen, von denen mit hinlänglicher wissenschaftlicher Evidenz zu sagen ist, dass Sie in ihrem Denken und Handeln Illiberalität gegenüber Andersdenkenden oder Minderheiten zum Ausdruck brachten oder gar wirksam machten, haben auf Straßennamenschildern nichts zu suchen. In die Beurteilung sollte aber einfließen, welchen Anteil Illiberalität in ihrem Denken hatte: Stand sie im Kern ihrer Wahrnehmung, oder war sie eher eine „Begleiterscheinung“? Die Beantwortung ist oft genug schwierig und uneindeutig. Denken Sie etwa an die latent antisemitischen, aber im Grunde völlig diffusen Aussagen des Dichters Stefan George (1868-1933). Nach ihm ist in Heiligkreuz eine Straße benannt.
Lokalo: Bei der Diskussion geht es v.a. um Persönlichkeiten, die in den Nationalsozialismus verstrickt waren. In Trier käme etwa die Kronprinzenstraße für eine Umbenennung in Betracht, die nach Wilhelm v. Preußen, dem ältesten Sohn des letzten deutschen Kaisers, benannt ist. Die Frage nach der Rolle des Kronprinzen beim Aufstieg des Nationalsozialismus schlägt deutschlandweit seit Jahren hohe Wellen, weil die Antwort darauf mit Blick auf Restitutionsforderungen des ehemaligen Kaiserhauses relevant ist. Unterschiedliche Historiker bewerten Wilhelms Rolle ganz verschieden. Was ist Ihre Sicht auf dieses Beispiel?
Laux: Zunächst einmal wage ich die Behauptung, dass die allerwenigsten Triererinnen und Trierer wissen, wer sich überhaupt mit dem „Kronprinzen“ verbindet, geschweige denn dass sie wissen, was dieser Kronprinz – es war Wilhelm mit den Lebensdaten 1882-1951 – in der NS-Zeit gedacht hat. Erst dann schließt sich ja die in der Forschung diskutierte Frage an, welchen Anteil dieser Wilhelm an der Durchsetzung des Nationalsozialismus hatte. Diese komplizierte Frage hat einen rechtlichen Kern und zielt in erster Linie auf die Wirkung, nicht die Gesinnung ab. Wie auch immer. Was die Hohenzollern seit dem Kaiserreich 1870/1871 anbetrifft, so sehe ich aus heutiger Sicht ehrungswürdige Personen höchstens am Rande. Der „Kronprinz“ gehört für mich nicht dazu, ganz abzusehen von seinem Vater, Kaiser Wilhelm II., der übrigens noch heute den Namen der Universität Münster ziert. Für mich beantwortet sich die Frage der Straßenbenennung also unabhängig von der erwähnten Restitutionsfrage – und zwar negativ.
Lokalo: Ein anderes Beispiel wäre Hanns-Martin-Schleyer. Auch nach dem ehemaligen Arbeitgeberpräsidenten ist in Trier eine Straße benannt. Er war SS-Offizier, man erinnert sich seiner heute allerdings v.a. wegen seiner Ermordung durch die RAF im berüchtigten „Deutschen Herbst“ 1977. Was wiegt aus historischer Sicht schwerer: Die Mitgliedschaft in der SS oder die Erinnerung an das Terror-Opfer Schleyer?
Laux: Diese Abwägung ist in einem ethischen-moralischen Sinne kaum statthaft, weil ein gravierendes Fehlverhalten nicht gewissermaßen verjährt oder durch ein Wohlverhalten kompensiert werden kann. Das in diesem Fall um so weniger, als Schleyer, der sich als überzeugter Nationalsozialist zu erkennen gab, nach 1945 meines Wissens keine selbstkritische Sicht auf seine Vergangenheit hatte. Jedenfalls hat er eine solche nicht öffentlich zum Ausdruck gebracht. Seine nationalsozialistische Prägung und seine Vergangenheit in Heidelberg und Prag ist ziemlich evident, wenn auch eher schlecht dokumentiert und daher auch nicht ausreichend erforscht. Das relativiert aber nicht im Geringsten die Tatsache, dass die RAF, getrieben von Hass gegen altes und damaliges Establishment, ihn entführte und kaltblütig ermordete. Man sieht im Falle Schleyers, was ich schon angedeutet habe: Ein Mensch kann seiner Nachwelt als Täter und Opfer zugleich begegnen. Das ist mit Blick auf die Generation Schleyers nach 1945 aber allzu oft unterschlagen worden. Ich darf vielleicht aus persönlicher Sicht sagen: Mir (Jahrgang 1966) ist die Ermordung Schleyers durch die Erschütterung meiner Eltern damals sehr präsent gewesen. Dass er SS-Mitglied – und zwar gewiss nicht passiver Art – gewesen war, habe ich aber erst viel später erfahren. Ich vermute, anderen ging es ähnlich.
Lokalo: Wie gesagt geht es in der Debatte häufig um die Verstrickung in den Nationalsozialismus, aber nicht nur. In Berlin wurde beispielsweise Ende letzten Jahres eine Studie vorgelegt, die Antisemitismus bei den namensgebenden Persönlichkeiten von Straßen und Plätzen im Allgemeinen in den Blick nahm. Dabei wurden 290 Namen von Straßen und Plätzen in der Hauptstadt identifiziert, deren Namensgeber sich in unterschiedlicher Intensität antisemitisch geäußert haben, z.B. auch der Reformator Martin Luther. In Freiburg diskutiert man über Jacob Burkhardt, den großen Kunsthistoriker des 19. Jahrhunderts, dem bisweilen rassistische Töne vorgehalten werden. Wie weit in die Geschichte sollte zurückgegangen werden? Bis ins 19. Jahrhundert? Bis zur Reformation? Oder wird es nicht irgendwann zu weit getrieben?
Laux: Noch einmal: Wir sollten nicht allein auf die Personen schauen, sondern unsere Standards reflektieren. Je strenger wir in Zeiten von „Cancel Culture“ die Kriterien hinsichtlich der erwarteten Unbescholtenheit auslegen, desto weniger Personen werden am Ende übrigbleiben. Dann müsste man im Falle Luthers zum Beispiel gar nicht an seinen Antijudaismus vor allem in seiner späten Lebensphase denken, sondern hätte ihn wegen seines autoritären Gesellschafts- und Familienverständnisses aus dem Spiel zu nehmen. Die Trierer Kurfürsten und Erzbischöfe der Frühen Neuzeit, die fast in geschlossener Serie Straßennamen bezeichnen, wären gleich mitzunehmen. Gefragt nach Luther aber, würde ich einwenden, dass er – durchaus vergleichbar Nikolaus von Kues – Kind seiner Zeit war, auch wenn sich das etwas abgedroschen anhören mag. Ein Ernst Moritz Arndt (1769-1860) rund 300 Jahre später war das natürlich auch, aber seine ziemlich unerträglichen Aussagen über Staat, Nation und Gesellschaft stellte er bewusst in den Gegensatz zum Liberalismus seiner Zeit. Arndt, der übrigens weitenteils aus Opportunismus handelte, waren zu seinen Lebzeiten also alternative Auffassungen zugänglich. Er wäre für mich ein Streichungskandidat, aber zum Glück gibt es ja wohl keine „Arndt-Straße“ in Trier.
Zu Ihrer Teilfrage „Ob es nicht irgendwann zu weit getrieben wird“? Vielleicht, zumal in der Ballung und manchmal auch Penetranz der Kritik. Aber ich finde grundsätzlich, dass die Diskussion über unsere „Vorbilder“ wichtig und durchaus produktiv ist. Es gibt – leider – genug Länder, in denen die kritische Auseinandersetzung mit so genannten Traditionen unterbunden wird. Aber ich möchte auch den praktischen Aspekt bei der Sache nicht ausgeblendet sehen. In vielen Fällen muss man das Rad nicht neu erfinden: Hindenburg ist beispielsweise bestens erforscht. Und im Grunde sieht sich ja jede Stadt mit derselben Herausforderung einer Bewertung ihrer Straßennamen konfrontiert. Da kann ich nur empfehlen, sich umzusehen. Schwierig sind aber die weniger prominenten Personen, die manchmal ausschließlich Lokalbezug hatten. Da stellt sich nicht selten die Frage: Um wen handelte es sich eigentlich? Zum Beispiel beim Stuckrad-Weg in Trier-West/Pallien. Man könnte auf die Malerin Martha von Stuckrad (1854-1942) tippen, die aber mit Trier nichts zu tun hatte: Tatsächlich ist der „Geehrte“ einer von mehreren Generalmajoren dieses Namens, nämlich Edwin von Stuckrad, der 1892 an Ort und Stelle bei einem Reitunfall ums Leben kam. Bewertungen werden gewiss durch Kriterien systematisiert, aber erst einmal müssen die Fakten auf den Tisch – in jedem Einzelfall.
Lokalo: Trier ist auch die Stadt von Karl Marx. In gewissem Sinne hat der Philosoph – unwissentlich, aber in Resultat eben doch – die Ideologie für die kommunistischen Diktaturen geliefert oder zumindest vorbereitet. Gehört auch die Karl-Marx-Straße auf den Prüfstand?
Laux: In dieser Logik: definitiv nein! Denn wir können die Rezeption von Persönlichkeiten nicht zum Maßstab ihrer Bewertung machen. Die Frage muss also in eine andere Richtung zielen: Waren Marxens Vorstellungen von der Befreiung des Proletariats und die von ihm angestrebte Gesellschaftsordnung per se inhuman? Hat Marx Gewalt befürwortet? Und wenn ja, in welchem Verständnis? Von der Beantwortung solcher und ähnlicher Fragen wird auch die Ihrige abhängen. Ausgerechnet im Falle von Karl Marx ist aber zu prognostizieren, dass es niemals ein Einvernehmen geben wird.
Lokalo: Stellen wir die Frage zum Abschluss einmal umgekehrt. Aus Ihrer Perspektive als Landeshistoriker: Welche Persönlichkeit bzw. Persönlichkeiten, nach denen in Trier keine Straße bzw. kein Platz benannt ist, sollte/n auf diese Weise geehrt werden und warum?
Laux: Diese Frage möchte ich aus dem Stand eher nicht beantworten, weil mir der Überblick fehlt. Ich sehe aber eben auch ein generelles Problem bei Namensvergaben, das ich versucht habe zu umreißen: Auf einem Schild bietet sich wenig bis gar kein Raum für die stets notwendigen Differenzierungen, ebenso wenig für den gewichtigen Unterschied zwischen Ehrung und Erinnerung. Erläuternde Zusätze unterhalb der Schilder sind ein sehr beschränktes und, wie ich finde, unbefriedigendes Behelf. Ganz allgemein gesagt aber würde ich empfehlen, sich einmal gezielt im Spektrum des politischen und kulturellen Liberalismus der Nachkriegszeit umzusehen, auch der Frauenbewegung. In Trier, wo das historische Gedächtnis weitgehend auf alte Zeiten hin ausgerichtet ist, wird man hier bestimmt auf manche honorable Persönlichkeit stoßen.
Lokalo: Herr Prof. Laux, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Laux: Sehr gerne. Ich bedanke mich ebenfalls.
Die Fragen stellte Alexander Scheidweiler













Hat der Herr Professor in diesen Zeiten sonst keine Sorgen?
Wer weiss denn schon, ob Frau Gerty Spies, nicht auch Andersdenkende abscheulich und/oder abwertend behandelte?
Zudem völlig unbekannt.
Ich finde es abartig und abstrus, völlig unnötig, zudem kostenintensiv, jahrzehntealte Strassennahmen umbenennen zu wollen, aufgrund meist unbekannter, evtl. nationalsozialistischer „Tätigkeiten“ (ob sich der-, diejenige späterhin dazu „öffentlich“ distanzierte, oder nicht).
Auch mir (Jahrg. 1962) und vielen anderen Freunden und Bekannten, war Schleyers nation.soz. Tätigkeit NICHT bekannt. Hmmm, haben „die Medien“ wohl damals verschlafen, als die Ermordung stattfand?
Über die „Kronprinzenstrasse“ haben ich und viele weitere Trierer sich noch NIE Gedanken gemacht – unrelevant!
Meine Güte, man sollte das auch mal „gut sein lassen“ – die Menschen werden völlig bekloppt gemacht – habt ihr alle sonst wirklich nichts zu tun?
DAS muss man sich echt mal fragen, in diesen Zeiten gibt es absolut wichtigeres, als Strassennamen umzubennen, was immer mit hohen Kosten verbunden ist.
Karl Marx 🤮 war ein Antisemit und Judenhasser. Da gibt es wohl nicht viel zu diskutieren. Also weg mit Straßenname und dem restlichen Müll der an solch einen üblen Menschen erinnert!!!
Und diesem Karl Marx wird ein riesiges Denkmal in der Stadt erstellt, gesponsert von einem Menschenrechte verachtetendem totalitären, diktatorischen China welches sich öffentlich der intensiven Bruderschaft mit dem russischen Kriegsverbrecher Putin rühmt.
Straßennamenänderungen in Trier. Es gibt auch Berufsbezeichnungen die geändert werden müssen, weil sie aus dem 3. Reich stammen. Die Chefs der Zwangskammern IHK und Hwk nennen sich gerne HauptgeschäftsFÜHRER. Im 3. Reich haben diese Hauptgeschäftsführer den Zahlungszwang für Industrie-u. Handel eingeführt. Zunächst nur in Berlin um leichter an die Finanzen der jüdischen Industriellen dort zu kommen. Außerdem haben sie weggeschaut wie man den Juden die Betriebe weggenommen hat und hat sie nicht unterstützt beim zwangsweisen Verkauf ihrer Geschäfte. Also Straßennamenumänderer sorgt auch dafür dass die Kammerführer auf ihren Titel verzichten. Die Sparkasse Trier hat mehrere hundert Mitarbeiter, ich Chef nennt sich schlicht und einfach Direktor. Die IHK Trier mit 70 Mitarbeitern hat einen HauptgeschäftsFührer….Die HwK auch…….