Zeichen der Verbundenheit: Die Trierer Lumpenglocke als Handy-Melodie

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Pfarrer Dr. Markus Nicolay (links) und Bernhard Kaster vom Kuratorium der Markt- und Bürgerkirche St. Gangolf mit der Lumpenglocke. Foto: Alexander Scheidweiler

TRIER. Die Renovierungsarbeiten an der Trierer Markt- und Bürgerkirche St. Gangolf schreiten voran, pandemiebedingt allerdings etwas langsamer als erhofft. Einstweilen soll in der langen Phase ohne Gottesdienste die Bürgerkirche dennoch für die Bürger erlebbar gemacht und ein Zeichen der Verbundenheit zwischen der Bürgerschaft und „ihrer“ Kirche gesetzt werden.

Von Alexander Scheidweiler

Er freue sich über das rege Interesse der Medien, so Dr. Markus Nicolay, seit Januar Pfarrer der Trierer Innenstadt-Pfarrei Liebfrauen, beim gestrigen Pressetermin zum Stand der Renovierungs- und Sanierungsarbeiten an der altehrwürdigen Markt- und Bürgerkirche St. Gangolf am Hauptmarkt. Andererseits, fügt Nicolay hinzu, sei es dieses Interesse auch nicht ganz überraschend, ist St. Gangolf doch Triers „bedeutendste Kirche neben dem Dom“ – gefühlt für viele vielleicht noch bedeutender.

Dies hängt nun unzweifelhaft mit der engen Verbindung der Kirche mit der Trierer Bürgerschaft zusammen, die auch erklärt, warum überhaupt in so unmittelbarer Nähe zum Dom eine weitere, bedeutende Kirche entstehen konnte. Bereits die Ursprünge der Kirche im 10. Jahrhundert sind mit der Errichtung des Marktkreuzes verbunden, später wurde sie zur Kirche der Zünfte und Handwerker-Innungen, die bis heute die Messe zu ihren Patronatsfesten in der Kirche feiern, und auch der Schützen, deren Patron, der Heilige Sebastian, im Chorfresko dargestellt ist.

Die Sanierung macht Fortschritte. Foto: Alexander Scheidweiler

„Ganz bürgerliche Funktionen“, so Nicolay, habe St. Gangolf lange gehabt, was sich nicht zuletzt im Geläut widerspiegelt: Mit dem Zündel, der Feuerwehrglocke, warnte der Türmer, der mit seiner Familie bis 1905 im Turm von St. Gangolf wohnte, vor Bränden, und das allabendliche Läuten der Lumpenglocke wies auf das Schließen der Stadttore hin – und forderte so die „Lumpen“, die Zecher in den Wirtshäusern, zum Aufbrechen auf. Bis heute ist der Klang der Lumpenglocke „wahrscheinlich der vertrauteste Ton für jeden, der hier einige Zeit gelebt hat“, meint Nicolay. Dass Glocken das Heimatgefühl maßgeblich prägen, sei ihm, so der Pfarrer weiter, in seiner Bundeswehrzeit bewusst geworden. Als er einmal mehrere Wochen lang an einem Manöver in der Türkei teilgenommen habe, sei ihm bei seiner Rückkehr klar geworden, was ihm gefehlt habe. Es war an einem Sonntag, da fuhr sein Zug am Ehrenbreitstein vorüber, und die Kirchenglocken begannen zu läuten: „Da wußte ich: Du bist wieder zu Hause!“

Bernhard Kaster vom ehrenamtlichen Kuratorium der Markt- und Bürgerkirche St. Gangolf Trier, das die Gemeinde bei dem laufenden Renovierungs-Projekt begleitet und unterstützt, fügt hinzu, dass die vormalige Polizeiglocke aus dem Jahre 1475 aus einer Zeit stammt, in der das Bürgertum einen Aufschwung erlebte und an Selbstbewusstsein gewann, wovon in Trier etwa der Bau der Steipe oder die Gründung der Universität zeugen, die in diese Zeit fallen. St. Gangolf sei, so betrachtet, auch „ein starkes Symbol für kommunale Selbstverwaltung“, sagt Kaster: „Die Beliebtheit von St. Gangolf hat sich in dieser Linie bis in die Gegenwart gehalten.“

Das Innengerüst soll im März abgebaut werden. Foto: Alexander Scheidweiler

Nicolay und Kaster stehen gemeinsam vor dem nach wie vor innen wie außen eingerüsteten Sakralbau, dessen umfassende Sanierung seit 2020 im Gange ist – von der Erneuerung der Dacheindeckung und des Bodenbelages über die Restaurierung von Kunstwerken und Kirchenfenstern bis nur Neugestaltung der Altarinsel ist viel zu tun. Und vieles auch schon erreicht: Zu 50-60% sei die Innensanierung bereits abgeschlossen, mit den Malerarbeiten werde man wohl Ende des Monats fertig sein, so Architekt Peter Berdi. Im März soll das Innengerüst abgebaut werden, dann kann die Restaurierung der Kunstwerke beginnen: Ein Highlight werden laut Berdi neben der Restaurierung des riesigen Chrofreskos des Koblenzer Nazareners August Gustav Lasinsky die in den Origialfarben der Erbauerzeit wiederhergestellten Schlusssteine der sieben gotischen Joche des Hauptschiffes darstellen. Aufwendig wurden sie analysiert, um die ursprüngliche Farbgebung eruieren zu können.

Allein die Pandemie hat auch die Arbeiten an der Gangolf-Kirche verzögert, erläutert Kaster: Mal kann Material nicht oder nur verspätet geliefert werden, mal fällt ein Handwerksbetrieb wochenlang aus, weil Mitarbeiter erkranken oder in Quarantäne müssen. Man habe sich das Ziel gesetzt, so Pfarrer Nicolay, ab Ostern 2023 die Kirche liturgisch wieder nutzen zu können. Damit man einen „zeitlichen Puffer“ im Herbst und Winter 2022 habe, nur zur Sicherheit.

Kein Beichtstuhl, sondern die Mechanik der Uhr im Glockenturm. Foto: Alexander Scheidweiler

Einstweilen, in der langen Phase ohne Gottesdienste, müsse man versuchen, dennoch „die Bürgerkirche für die Bürger erlebbar zu machen“: Am 21. und 22. Juli werden Veranstaltungen im Rahmen des Moselmusikfestivals in der Kirche stattfinden – ein begehbares Hörspiel und ein Konzert des Gambenensembles „Les Escapades“ – die Trier Tourist und Marketing GmbH wird St. Gangolf zudem in ihr Programm „Trier für Treverer“ mit Führungen aufnehmen, schließlich sollen Formate mit Künstlern und Kulturschaffenden entwickelt werden. Gerade in diesem Punkt sei man der Trierer Kulturstiftung – vor Ort vertreten durch Hiltrud Zock – für ihre Unterstützung sehr dankbar.

Im Hiatus der Bauarbeiten soll die Verbindung der Bürgerschaft zu „ihrer“ Kirche also nicht abreißen – und um das zu gewährleisten haben Kirchengemeinde und Kuratorium sich noch etwas Originelles einfallen lassen: Die Lumpenglocke fürs Handy. Auf der Internetseite der Pfarrei kann man sich das Läuten der alten Polizeiglocke als MP3-Datei herunterladen, als Handyklingelton, als Wartemelodie etc. Vielleicht könne man sie auch nutzen, um privat allzu hartnäckige Zecher zum Aufbruch aufzufordern, meint Kaster ironisch.

Traumhafte Aussicht vom Turm der Kirche. Foto: Alexander Scheidweiler

Freilich führen Nicolay und Kaster die anwesenden Pressevertreter auch hinauf in den 62 Meter hohen Turm, um die mächtige Glocke unmittelbar in Augenschein nehmen zu können. Vom Turm der Kirche bietet sich zudem ein beeindruckender Rundumblick auf die Trierer Innenstadt dar. Zum Abschluss lässt Nicolay die Glocken dann natürlich auch erklingen, einzeln, damit der besondere Klang jeweils zum Tragen kommt. „Da ich ja der Vertreter des Hausherren bin, der Jesus ist, kann ich ja sagen: Macht mal“, sagt der Pfarrer lächelnd. Und wirklich: Als der volle Ton der Lumpenglocke über den Hauptmarkt tönt, kann sich wohl niemand dem echten, heimatlichen Gefühl entziehen.

Wer sich den Klang der Lumpenglocke unter https://www.liebfrauen-trier.de/marktkirche herunterladen möchte, findet dort auch das Spendenkonto zur Unterstützung der Renovierung. Über einen kleinen Beitrag würden Gemeinde und Kuratorium sich freuen.

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