Sechs Wochen Beratungsbus: Gemischte Bilanz im Flutgebiet

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Blick auf Bad Neuenahr im Ahrtal. Foto: Thomas Frey/dpa

BAD NEUENAHR-AHRWEILER. Nach dem tödlichen Hochwasser im Ahrtal zögern immer noch viele traumatisierte Anwohner, vertrauliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Mitarbeiter einer mobilen Beratung kommen ihnen noch mehr entgegen.

Rund sechs Wochen nach dem Start eines Beratungsmobils für Flutopfer im Ahrtal zieht seine Koordinatorin eine gemischte Bilanz. Einerseits sei der umgebaute Reisebus mit Experten für soziale und psychologische Hilfe dringend nötig für traumatisierte Anwohner nach der tödlichen Flutkatastrophe in dem Flusstal, sagt Roswitha Stockhorst von der Kreisverwaltung Ahrweiler der Deutschen Presse-Agentur. Andererseits werde dieses kostenlose und vertrauliche Angebot an seinen rund 20 Stationen auf etwa 50 Kilometern im Tal sehr unterschiedlich angenommen: «Ich frage mich täglich, wie kann ich die Hemmschwelle noch weiter runtersetzen?»

Auch Lisa Bläser, Mitarbeiterin des Jugend-Hilfe-Vereins für den Kreis Ahrweiler, sagt in dem Bus bei einer Station im Dorf Insul, viele Anwohner zögerten noch, in das Fahrzeug mit zwei Büros und einer Spielecke zu kommen. Sie biete daher in den flutgeschädigten Orten auch einfach Leuten auf der Straße Hilfe an, etwa beim Ausfüllen von Formularen für finanzielle Hilfen. Laut Stockhorst sind die rund 20 sogenannten Infopoints sowie die Essensausgaben und Sachspendenlager in der Flussregion besonders geeignet, um mit Flutopfern ins Gespräch zu kommen.

Viele haben in Todesangst die Sturzflut nach extremem Starkregen am 14. und 15. Juli im engen Ahrtal überlebt und alles verloren. Die Bilanz: 134 Todesopfer, 766 Verletzte, Tausende zerstörte oder beschädigte Häuser und viele psychische Belastungen. Die Koordinatorin Stockhorst sagt: «Häufig kommen die Leute mit praktischen Problemen zu uns wie zum Beispiel, dass sie keine Mülltonnen mehr haben. Erst im weiteren Gespräch kommt heraus, was sie alles verloren haben und dass sie nicht wissen, wie es weitergeht.» Gerade vor der dunklen Jahreszeit kämen Ängste hoch.

In den Herbstferien seien auch mehr Kinder in den Bus gekommen. «Das ist gut, um direkt mit ihnen zu sprechen», erklärt Stockhorst. «Immer wieder spielen kleine Kinder die Flut zum Beispiel mit Sand nach. Das ist ihr Weg, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Das sagen wir auch den Eltern.» Wenn allerdings Kinder auch jetzt mehr als 100 Tage nach dem Hochwasser immer noch nicht schlafen und duschen könnten, würden sie in eine umfassendere therapeutische Unterstützung vermittelt.

Nach den Worten der Koordinatorin ist es oft auch ein großer Unterschied, ob Flutopfer in den historischen Weinorten im Ahrtal mit generationenalten Familienstrukturen oder als zugezogene Bürger etwa in Sinzig nahe der Ahrmündung in den Rhein leben: «Die Zugezogenen verfügen oft nicht über so gute Netzwerke, die sie unterstützen.»

Der vom Hamburger Kinderhilfswerk Plan International Deutschland mit rund 400.000 Euro finanzierte Beratungsbus soll zunächst ein Jahr lang an fünf Tagen pro Woche jeweils mehrere Stunden vormittags und nachmittags in dem Katastrophengebiet Station machen. Aufsuchende Sozialarbeit nennt sich dieses Angebot mehrerer Organisationen. (dpa)

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