Ideen-Feuerwerk mit frischem Wind. “Die lustige Witwe” am Theater Trier

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Einat Aronstein als Fanny und Derek Rue als Wladimir Rossilowitsch. Foto: Martin Kaufhold

TRIER. Franz Lehárs Operette „Die lustige Witwe“ ist unzählige Male aufgeführt worden. Intendant Manfred Langner inszeniert den Publikums-Favoriten nun am Theater Trier neu, mit einem überarbeiteten Libretto, das das Werk mit einem Feuerwerk innovativer Ideen modernisiert, ohne es zu verfälschen oder seines musikalischen Charmes zu berauben. Ein in jeder Hinsicht begeisterndes Theater- und Operettenerlebnis, das man auf keinen Fall verpassen sollte.

Von Alexander Scheidweiler

Die österreichische Autorin und Flimemacherin Monika Czernin, die dem alten, böhmischen Adelsgeschlecht der Grafen Czernin von und zu Chudenitz entstammt, das zahlreiche Diplomaten und Minister der k.u.k.-Monarchie hervorgebracht hat, veröffentlichte vor einigen Jahren ein Sachbuch mit dem schönen Titel „Das letzte Fest des alten Europa“. Es ist eine Biographie Anna Maria Sachers, der 1930 verstorbenen legendären, zigarrenrauchenden Chefin des legendären Wiener Hotels und Hofzuckerbäckers, in deren Haus sich alles, was in Europa Rang und Namen hatte, von den Reichen und Mächtigen aus Politik und Wirtschaft bis zu den Künstlern der Wiener Secession, die Klinke in in die Hand gab – damals, im Abendrot der Donaumonarchie, als der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn noch eine multi-ethnische Großmacht war, die im Konzert der europäischen Mächte mitspielte, die Völker und Territorien bis in die heutige Ukraine hinein umfasste.

Damals, in dieser in dieser faszinierenden Epoche, als in der Metropole am Donaustrand die heraufdämmernde, vibrierende ästhetische Moderne sich mit dem herab- und verdämmernden, glanzvollen, aber in Konvention und Zeremoniell sowie der Pflege der eigenen, abgelebten Größe erstarrten Habsburgerreich traf, damals, bevor der ungeheuere „Donnerschlag“ des Ersten Weltkrieges, wie es im „Zauberberg“ heißt, dieser funkelnden, facettenreichen, aber brüchigen Kultur-Welt ein jähes, schreckliches Ende setzte, wirkte in Wien auch ein Musiker, der in seiner Person wie vielleicht kein zweiter die untergehende Kultur des dem Untergang geweihten Reiches verkörperte: Franz Lehár, Sohn eines tschechischen k.u.k.-Militärmusikers und einer deutschstämmigen Ungarin. Lehár frequentierte übrigens vorzugsweise das Café Sperl im sechsten Bezirk, nicht das Sacher, welche Vorliebe er interessanterweise mit dem berüchtigten Generalstabschef Conrad v. Hötzendorf teilte, der beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine fatale Rolle spielte. Aber das nur nebenbei.

Stephanie Theiß als Fiorentina Feldbusch und Carl Rumstadt als Danilo Witsch. Foto: Martin Kaufhold

Vor allem ist Lehár natürlich der Initiator und auch sogleich Vollender einer ganz neuen Ära der Wiener Operette, mit seiner „Lustigen Witwe“ aus dem Jahre 1905, die von den früheren Operetten in vielem deutlich absticht: „Musikalisch ungeheuer vielfältig“ sei sie, befindet zu Recht Manfred Langner, Intendant des Theaters Trier im Programmheft zur gestrigen Premiere – und fügt hinzu, es handele sich um „die große Tanzoperette des Genres, mit Einflüssen vom Balkan wie aus Paris und Amerika“. Mit ihren Ohrwurm-Melodien und der Champagnerlaune ihrer ganzen Atmosphäre ist „Die Lustige Witwe“ bis heute ungebrochen und ungeheuer beliebt, verströmt die Geschichte um den adligen Weiberhelden Graf Danilowitsch, der im diplomatischen Dienst des Operettenfürstentums Pontevedro zu hohe Arbeitsbelastung tunlichst zu vermeiden sucht, und die junge, extrem reiche Witwe Hanna Glawari, die einander lieben und doch erst nach verschlungenen, eben operettenhaften Irrungen und Wirkungen (Fächer!) zueinander finden können, doch genau jene festliche Gestimmtheit der sich selbst feiernden Eliten der Belle Époque, die Czernin im Auge hatte, als sie vom „letzten Fest des alten Europa“ schrieb, und zwar gewürzt mit einer tüchtigen Prise erotischer Spannung. Dass auch Lehár gespürt haben muss, dass diese Welt dem Untergang geweiht ist, davon zeugen etwa die düsteren Anspielungen auf das europäische Bündnissystem in Danilowitschs „Verlieb’ Dich oft, verlob’ Dich selten, heirate nie“ am Ende des zweiten Aktes, die man vor lauter Champagnerlaune und Verliebtheits-Scharade zu überhören tendiert.

Nun hat Langner „Die lustige Witwe“ am Theater Trier unter Mitwirkung von Künstlerinnen und Künstlern aus allen drei Sparten neu inszeniert, mit einem überarbeiteten Libretto, das die zahlreichen Anspielungen auf die große Politik des alten, europäischen Mächtekonzerts in die Gegenwart der EU und ihrer wachsenden Spannungen mit Russland hereinholt und auch das antiquierte Frauenbild des Originals modernisiert. So bot denn die gestrige Premiere über stark zwei Stunden ein Feuerwerk zündender und origineller Ideen, vergnüglich und intellektuell anregend zugleich.

Allein das Bühnenbild ist äußerst durchdacht und bietet viele, liebevolle und witzige Details: So wenn im ersten Akt in der pontevedrinischen Botschaft die Buchstaben über dem Eingang herabzufallen drohen, ist doch das Fürstentum, in Langners Version einst „die Blüte der europäischen Union“, Pleite, weil es sich von Steuerhinterziehern und Lobbyisten hat ausnehmen lassen, mit der Konsequenz, dass es keine Kredite mehr erhält und der erlauchten Festversammlung Jägermeister statt Champagner kredenzt werden muss. Die Figuren erhalten teilweise neue Namen und werden der heutigen europäischen Staatenwelt zugeordnet, so dass die Geburtstagsfeier des Fürsten von Pontevedro zu einer Art musikalischem EU-Gipfel wird, wenngleich das Schild, das dem österreichischen Repräsentanten „H.C. Strack von und auf Ipizza“ zugeordnet ist, seltsamerweise verwaist bleibt und dasjenige für Charles, Prince of Wales, in einer Ecke gelandet ist. Und selbstverständlich drängt sich das Gezänk ums liebe Geld immer wieder in den thematischen Vordergrund.

Im räumlichen Vordergrund befindet sich indes ein gewaltiger Aktenordner, der die Skulptur „Geheimnisse der Automobilindustrie“ vorstellt. In diesem Setting also kommt es zur Wiederbegegnung des Kulturattachés des pontevedrinischen Botschaft Danilo Witsch (Carl Rumstadt) mit seiner mittlerweile zur exorbitant reichen Jung-Witwe gewordenen Jugendliebe Hanna Glawari (Arminia Friebe), die er nach dem Willen des Botschafters Baron Zeta (Karsten Schröter) ehelichen soll, um ihr Erbe für Pontevedro zu sichern, während Zetas Gemahlin Fanny (Einat Aronstein) versucht, ihren russischen Liebhaber Wladimir „Wladi“ Rossilowitsch (Derek Rue) mit Hanna zu verkuppeln, damit dieser später die erheirateten Milliarden für sie, Fanny, ausgeben kann.

Arminia Friebe als Hanna Glawari inmitten des Ensembles. Foto: Martin Kaufhold

Weiter geht es im zweiten Akt in der Villa Hannas, die von einem in mehrere Ebenen gestaffelten Pfauenrad vorgestellt wird, beeindruckendes Symbol der Selbstfeier (oder sollte man sagen: Selbstbeweihräucherung?) der besseren Gesellschaft, deren Zeugen wir hier werden – vielleicht auch Allusion an den Pfau der Juno, wertet Langners Fassung doch, wie gesagt, die Frauenrollen auf, auch und gerade am Schluss, wo es in seiner Version eben gerade nicht zu der traditionell-patriarchalischen Rück-Unterordnung der weiblichen Hauptfigur unter ihren künftigen Ehemann kommt. Doch die genaue Schluss-Pointe, die Langner abweichend von Lehárs Librettisten Victor Léon und Leo Stein setzt, sei hier nicht verraten.

Eine der vielen gelungenen Innovationen in diesem Kontext: Der zwielichtige Diener Njegus wird bei Langner zu Fiorentina Feldbusch (Stephanie Theiß), von ihrem Chef gegängelte Sekretärin des Barons und dennoch heimlich in diesen verliebt, was Langner u.a. dazu nutzt, im zweiten Akt eine Doppel-Traumsequenz einzuschalten, in der Danilo darüber fantasiert, von Hanna dies Füße massiert zu bekommen, während Feldbusch den Baron zwingt, Liegestütze zu machen. Langner spricht im Programmheft von „Komödienhandwerk“, und dass dieses vom Publikum goutiert wurde, bewies dessen herzhaftes Lachen. Für das geglückte Komödienhandwerk zeichnet im Übrigen nicht zuletzt das Duo Schröter/Theiß verantwortlich, zwischen denen Chemie und Timing perfekt passen, so dass die Gags punktgenau sitzen.

Schließlich schaltet die Beleuchtung im dritten Akt auf Rotlicht um, wenn Hanna in ihrer Villa Danilos anrüchiges Lieblings-Etablissement rekreiert, das Maxim, in dem er sich lieber mit den Grisetten vergnügt, als in der Botschaft Aktenstudium zu betreiben: Im Hintergrund drehen sich die Flügel der fast schon redensartlichen „Moulin Rouge“, während die Herren sich nach und nach mit den Grisetten ins Séparée verfügen. Hier besticht die Idee, die Frauen auf den berühmten Weibermarsch („Ja, das Studium der Weiber ist schwer“) mit einem „Kerlemarsch“ („Ja, das Studium der Kerle ist leicht“) replizieren zu lassen.

Langners Inszenierung bringt so einzweifacher Hinsicht frischen Wind in den unzählige Male aufgeführten Operetten-Klassiker: durch die Transponierung der zeitkritischen Anspielungen der vorletzten Jahrhundertwende in die Tonart der heutigen Europapolitik und durch die ironische Modernisierung von Frauenbild und Geschlechterrollen. Dabei bleibt der musikalische Charme gänzlich unangetastet: Rumstadts schöner, voller Bariton macht es zur wahren Freude, unzählige Male gehörte Nummern („Dann geh’ ich zu Maxim“) neu zu entdecken, Friebe singt die Hanna mit unglaublicher Power und zugleich berückend romantischem Schmelz, etwa beim Vilja-Lied, jener tiefgründigen Liebeserklärung Lehárs an die slawische Seele – und wie Einat Aronstein im ersten Akt einem stimmlich starken Partner Derek Rue mit knisternder Erotik und mit leiser Ironie das „Ich bin eine anständige Frau“ entgegenflötet, ist einfach entzückend!

Zu alldem brilliert das Philharmonische Orchester der Stadt Trier, geleitet von Wouter Padberg, mit einem stimmigen Spätestromantik-Klang, walzerselig und schwungvoll. Eine Fülle an sehenswerten Kostümen von Beate Zoff (unter denen die neckischen Röckchen der Grisetten freilich nicht zu übersehen sind) sowie eine überzeugende Choreographie von Joe Monaghan, auch, aber nicht nur beim lasziven Cancan, der freilich, allen Modernisierungen zum Trotz, nicht fehlen darf, runden ein in jeder Hinsicht begeisterndes Theater- und Operettenerlebnis ab.

Fazit: Die „Witwe“ mag viele Male inszeniert worden sein, doch die Trierer Inszenierung sollte man auf keinen Fall verpassen!

Weitere Termine: 31.10., 20.11., 26.11., 18.12.

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