Streben nach einer zeitgemäßen Kirche: Bistum Trier stößt Haushaltssicherungsprozess an

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Foto: Harald Tittel/dpa/Archivbild

TRIER. „Notwendig“: Dieses Wort stand in der Mitte der „Wortwolke“, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Ende ihrer Beratungen über den Prozess der Haushaltssicherung entstehen ließen. Bischof Dr. Stephan Ackermann und Generalvikar Dr. Ulrich von Plettenberg haben die Rahmenbedingungen dieses Prozesses beim Treffen mit den diözesanen Räten (Pastoral-, Katholiken-, Priester- und Kirchensteuerrat), Dechanten und Vertretungen von Berufsgruppen, Einrichtungen und Diensten in der ehemaligen Reichstabtei St. Maximin in Trier am 8. und 9. Oktober beraten, wie das Bistum Trier mitteilt.

„Die Zeichen der Zeit stehen auf grundlegender Veränderung“, betonte Generalvikar von Plettenberg. Dies sei getrieben durch Entwicklungen wie Klimawandel und Digitalisierung, Corona und Flutkatastrophe; „vielleicht am spürbarsten für uns alle und an unsere Existenz gehend sexueller Missbrauch von Kindern und Machtmissbrauch jeglicher Art; auf der anderen Seite aber auch als Konsequenz das Streben nach mehr Synodalität und einer zeitgemäß aufgestellten Kirche“. Er nannte auch die eindeutigen Prognosen bezüglich knapper werdender finanzieller und personeller Ressourcen. Als Christen gelte es, Wege zu finden, die den Polarisierungen entgegenträten, die sich bei solchen Veränderungen häufig einstellten und „eine gesunde Mitte“ zu stärken.

Von Plettenberg nannte dazu drei Haltungen: (1) Sich der Wirklichkeit stellen, wie sie ist, „Das heißt für mich: die Dinge mit dem Kopf wahrnehmen und sie dann auch ins Bewusstsein sacken zu lassen und sie zur Grundlage machen für das weitere Überlegen und Handeln.“ Dazu in den Dialog miteinander zu treten (2), sei unabdingbar für wirkliche Synodalität. Zudem brauche es klar kommunizierte Rahmenbedingungen, Beratung und Diskussion der Entscheidungsgrundlagen auf Augenhöhe und aus vielseitigen Perspektiven, eine Bewertung der Ergebnisse zur Entscheidungsfindung und Mut zu Entscheidungen. Und dann müsse man „ins Handeln kommen“. Denn: „In der Analyse sind wir gut, aber schwach, wenn es ans Handeln geht“, sagte er selbstkritisch. Die Entscheidungsprozesse offen und nachvollziehbar darstellen, sei ebenfalls wichtig. Er lud dazu ein, die Zukunft in Augenschein zu nehmen (3), nämlich die Vision einer glaubensstarken (missionarischen) und dienstbereiten (diakonischen) Kirche, die die Nähe zu den Menschen pflegt (lokal organisiert ist) und mit ihnen das gemeinschaftliche und kirchliche Leben gestaltet und verantwortet (synodal).

„Mehr Kirche sein im Sinne unserer Bistumssynode“

Der Generalvikar nannte auch die Chance, die in der notwendigen Haushaltssicherung liegt: „Geringere Ressourcen zwingen uns dazu, uns noch mehr zu fokussieren, unser Tun noch mehr zu schärfen.“ Das helfe, „mehr Kirche zu sein im Sinne unserer Bistumssynode. Das ist unser Ziel: mit Hilfe von Kriterien, die wir aus dem Synodenschlussdokument ableiten, die Schwerpunktfelder kirchlichen Lebens heraus zu kristallisieren, die der Vision der Synode am meisten entsprechen“. Von Plettenberg sagte zu, die Menschen im Bistum fortlaufend zu informieren, und vor allem die Gremienvertretungen einzubeziehen in die Beratungsprozesse. „Wir werden auf dem Weg der Entscheidung Ihre Resonanz suchen, auf dass wir zu einem Haushaltssicherungskonzept kommen, das von möglichst vielen mitgetragen wird.“

Dies werde etwa deutlich durch die Lenkungsgruppe, in der neben der Bistumsleitung und Fachleuten aus dem Bischöflichen Generalvikariat Trier (BGV) Frauen und Männer aus den diözesanen Gremien, Berufsgruppen, Einrichtungen und Diensten den Bischof beraten. Immer wieder soll es Resonanzrunden geben zu unterschiedlichen Themen oder zu Meilensteinen im Prozess. Auch Informationsveranstaltungen speziell für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bistums sind geplant.

Weniger Kirchensteuer, weniger Personal

Ab 2035 werde das Bistum mit rund 130 Millionen Euro weniger Kirchensteuereinnahmen im Jahr auskommen müssen, erläuterte der Generalvikar. Würde das Bistum nichts unternehmen, klaffe die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben immer weiter auseinander, und die Rücklagen seien spätestens 2028 aufgebraucht. Seit dem Sommer hatten Fachleute im Bischöflichen Generalvikariat Trier die notwendigen Zahlen und Fakten für den Prozess zusammengetragen. So stellte Johannes Thielmann (Abteilungsleiter Finanzen im BGV) dar, dass im Falle eines „Weiter so“ das Defizit im Bistumshaushalt 2026 bei 40 Millionen Euro liegen werde, 2035 bei 130 Millionen Euro. Er stellte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern dar, welche Faktoren in die Prognosen einzubeziehen seien und nannte etwa Lohn- oder Baukostensteigerungen. Dr. Hans-Günther Ullrich (Abteilungsleiter Ehrenamt, Bildung und Gesellschaft) zeigte mögliche Maßnahmen auf. Neben absehbaren kostensenkenden Effekten etwa infolge des Rückgangs des pastoralen Personals würden derzeit konkrete Möglichkeiten der Entlastung bei den Pensionsrückstellungen untersucht. Daneben könnten Verwaltungsprozesse einfacher und kosteneffizienter gestaltet werden; Synergieeffekte mit anderen kirchlichen Rechtsträgern seien ebenso in den Blick zu nehmen wie Einnahmeerhöhungen oder die Bereinigung von überdimensionierten kirchlichen Angeboten und Strukturen. Auch die Gemeindefinanzierung müsste neu gestaltet werden. Manfred Wagner, Leiter des Strategiebereichs „Ziele und Entwicklung“ im BGV, stellte dar, in welche Bereiche die Gelder des Bistums fließen und an welchen Stellen es Einnahmen oder Refinanzierung gibt, aber auch, wo die Rücklagen angegriffen werden müssen.

Kriterien leiten den Prozess

Damit diese Kostenreduktion tatsächlich auch der vom Generalvikar benannten Vision dient, eine Kirche zu werden, wie sie den Ergebnissen der Bistumssynode entspricht, will das Bistum mehrere Kriterien zur Entscheidung nutzen. Mechthild Schabo, Leiterin des Zentralbereichs „Pastoral und Gesellschaft“ im BGV, erläuterte, die rechtliche, die betriebswirtschaftliche und die personale Ebene werde in einem Übersichtsblatt zusammengefasst, das die Budgetverantwortlichen für Maßnahmen, Einrichtungen, Dienste oder Angebote ausfüllen. Die inhaltliche Seite könnte die Lenkungsgruppe um Bischof Ackermann dann anhand weiterer Kriterien beleuchten, die aus dem Synodendokument abgeleitet werden. Sie stellte neun Kriterien(paare) vor, über die die Frauen und Männer in St. Maximin sich ebenso wie im virtuellen Konferenzraum austauschten: diakonisch, missionarisch, Kirche entwicklend, innovativ, traditionsreich und verlässlich, einzigartig und besonders, gemeindebildend, kooperativ und vernetzend sowie überzeugend. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gaben Rückmeldungen, ob Kriterien ergänzt oder gestrichen werden sollten und welche Fragen an die zu bewertenden Maßnahmen, Einrichtungen und Angebote gestellt werden müssten. Schabo sagte, die Hinweise würden in den Kriterienvorschlag eingearbeitet, veröffentlicht und dann der Lenkungsgruppe übergeben.

Fortgeschriebene Kultur der Partizipation

Er habe den Eindruck, dass es gelungen sei, miteinander die Herausforderung zu erkennen und anzunehmen, „nicht in einer depressiven Stimmung, aber indem wir nüchtern auf die Situation schauen“, sagte Bischof Ackermann am Ende der Beratungen. Das Bistum praktiziere eine „fortgeschriebene Kultur der Partizipation“ mit einem Prozess der Unterscheidung, des Abwägens, der Entscheidung und Konkretisierung. Dort, wo es möglich sei, wolle er mit allen Beteiligten die „Veränderungen nicht erleiden, sondern gestalten“. Auch wenn die materiellen Ressourcen zurückgingen und die Kirche in Deutschland künftig mehr eine ehrenamtliche als eine hauptamtliche Kirche sein werde, sei sie dennoch „eine reiche Kirche“. Dabei bezog er den Reichtum vor allem auf das große Engagement der kirchlich Engagierten, das sich nicht zuletzt in der Flutkatastrophe erneut gezeigt habe. Auch in der Kritik sowie im Ringen und Streiten um den richtigen Weg stecke eine ungeheure Energie. Natürlich „werden wir auch Dinge lassen müssen“, aber das gehöre dazu, wenn man sich der Realität stelle. Denn auf eine Ressource dürfe sich die Kirche immer verlassen: „Den Geist Gottes.“

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