«Das ist ein Horror»: Mindestens 65 Tote bei Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz

Die Wassermassen gehen zurück. Nur nach und nach wird so das Ausmaß der Katastrophe deutlich. Die Trauer ist groß, aber es beginnt auch das große Aufräumen. Die Landesregierung richtet eine Stabsstelle Wiederaufbau ein.

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Foto: dpa

SINZIG/TRIER/MAINZ. Mit dem Abfließen der Wassermassen ist das ganze Ausmaß der Hochwasserkatastrophe an Ahr und Mosel sichtbar geworden. Innenminister Roger Lewentz (SPD) nannte am Freitagabend gegenüber dem SWR eine Zahl von mindestens 65 Todesopfern.

Die Zahl werde vermutlich noch steigen, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) nach einer Sondersitzung des Kabinetts in Mainz, denn viele Menschen würden noch vermisst.

Mindestens 362 Menschen wurden nach Polizeiangaben verletzt. Eine unbekannte Zahl von Menschen wird noch vermisst – wegen möglicher Doppelzählungen waren dazu zunächst keine genauen Angaben möglich.

«Das Leid nimmt auch gar kein Ende», sagte Dreyer bei einem Besuch der Berufsfeuerwehr in Trier. Die Zahl der Toten steige weiter. Überall gehe jetzt das Wasser zurück, daher würden nun Menschen gefunden, die bei der Katastrophe ertrunken seien. «Und da könnte man eigentlich nur noch weinen. Das ist ein Horror.»

Unter den Toten sind zwölf Bewohner einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung in Sinzig, an der Mündung der Ahr in den Rhein. «Das Wasser drang innerhalb einer Minute bis an die Decke des Erdgeschosses», sagte der Geschäftsführer des Landesverbands der Lebenshilfe Rheinland-Pfalz, Matthias Mandos. Die Nachtwache habe es noch geschafft, mehrere Bewohner in den ersten Stock des Wohnheims zu bringen. «Als er die nächsten holen wollte, kam er schon zu spät.» Am Freitag war an dem Gebäude eine etwa drei Meter hoch reichende Schlammschicht zu sehen, die über die Fenster des Erdgeschosses reichte.

Bei der Rettung von Menschen hätten die Einsatzkräfte Unglaubliches geleistet, sagte Dreyer. Am Donnerstag konnten nach ihren Angaben elf Hubschrauber 320 Menschen retten, die von den Fluten eingeschlossen waren. Die Zerstörung sei «einfach immens». Menschen stünden jetzt ohne Hab und Gut da. Auch sei die Infrastruktur in vielen Gemeinden zerstört.

Der rheinland-pfälzische Digitalisierungsminister Alexander Schweitzer (SPD) rief die Telekommunikationsunternehmen dazu auf, das Mobilfunknetz im Katastrophengebiet an Ahr und Mosel so schnell wie möglich wiederherzustellen. Teilweise lahmgelegt ist die Gasversorgung im Kreis Ahrweiler. Der Versorger Energienetze Mittelrhein sprach von einer dramatischen Situation. Mehrere Kilometer Leitung müssten völlig neu gebaut werden. «Das wird leider Wochen oder Monate dauern.»

In den Hochwassergebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz waren rund 900 Soldaten sowie mehr als 800 ehrenamtliche Helfer der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) im Einsatz. In Rheinland-Pfalz halfen zudem 1000 Kräfte des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Mehr als zwei Drittel der Soldaten befanden sich in Nordrhein-Westfalen, wo bis Freitag mindestens 43 Todesopfer gezählt wurden.

Vor allem in den weniger stark betroffenen Regionen begannen die ersten Aufräumarbeiten. In Prüm in der Westeifel beteiligten sich viele Bewohner am Beseitigen der Hochwasserspuren. «Das Wasser ist soweit abgeflossen», sagte Bürgermeister Aloysius Söhngen. «Die Leute packen an, helfen sich.» Die Schäden schätzte er «vorsichtig auf eine siebenstellige Summe», also mehr als eine Million Euro.

Erste Aufräumarbeiten gab es auch in Kordel im Landkreis Trier-Saarburg. Auch wenn die Pegel sinken: Die Lage sei nach wie vor kritisch, sagte ein Sprecher der Kreisverwaltung. Noch gebe es Bereiche in dem Ort mit 2000 Einwohnern, die nicht erreichbar seien. Kordel ist wegen überschwemmter Zufahrtswege weiter zum Großteil abgeschnitten. In weiten Teilen gebe es nach wie vor Stromausfall.

Am Freitag waren weiter noch zahlreiche Straßen und Bahnstrecken gesperrt oder nur eingeschränkt zu befahren. In Sinzig wurde eine Brücke über der Ahr beschädigt, die Teil der B 9 ist. Die Bundesstraße entlang des Rheins ist dort gesperrt. Weiterhin nicht befahrbar war auch die Bundesstraße 257 von Hönningen bis Ahrbrück sowie mehrere Land- und Kreisstraßen. Die Polizei rief dazu auf, die vom Hochwasser betroffenen Ortschaften nicht aufzusuchen, sondern weiträumig zu umfahren, damit Platz für die Rettungskräfte ist.

Die Wetterlage hat sich inzwischen entspannt. Es bleibt aber wechselhaft, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) mitteilte. Daher könne es auch weiter zu örtlichen Gewittern mit Starkregen kommen. Erst am Wochenende sollen die Niederschläge aufhören.

Die Landesregierung beschloss die Einrichtung einer Stabsstelle Wiederaufbau. Die Bundesregierung will in der kommenden Woche über Aufbauhilfen für Bürger und Kommunen in den Überschwemmungsgebieten entscheiden.

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