Klassiker der komischen Oper, temporeich inszeniert – Der „Barbier von Sevilla“ feierte am Theater Trier Premiere

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Figaro (Carl Rumnstadt) und Rosina (Einat Aronstein) Foto: Marco Piecuch

Das Premierenpublikum „Barbiers von Sevilla“ im ausverkauften Brunnenhof spendete den Künstlern stehende Ovationen.

Ein Bericht von Alexander Scheidweiler

Sicher, Verdi hat die mitreißendsten Chöre. Nicht umsonst ist der Gefangenenchor aus der „Nabucco“ die inoffizielle Nationalhymne Italiens.

Sicher, Bellini hat die empfindsamsten, genialischsten Melodien. Nicht umsonst galt die „Casta diva“ aus der „Norma“ als eine Paradenummer der Callas.

Und sicher, Donizettis Wahnsinnsarien, z.B. in der „Lucia di Lammermoor“, lassen in die vielleicht tiefsten seelischen Abgründe blicken, die in der Opernwelt je zur Darstellung gelangt sind.

Doch wo, wenn nicht in der Musik Gioachino Rossinis, findet sich diese authentische Heiterkeit und Leichtigkeit, diese von leuchtender Lebensfreude durchpulste Italianità, die gerade die Deutschen an dem „Land, wo die Zitronen blühn,“ stets fasziniert hat?

„Der Barbier von Sevilla“, diese zauberhafte Liebes- und Verkleidungskomödie mit ihrer selbsterklärenden Commedia dell’arte-Komik und ihren schmissigen, eingängigen Melodien („Largo al Facotum“!), die selbst für Menschen, die nie eine Oper besucht haben, sofortigen Wiedererkennungswert haben, dieses Meisterwerk des erst 24jährigen „Schwans von Pesaro“ hat auch 205 Jahre nach der römischen Uraufführung nichts von seiner Frische und Lebendigkeit eingebüßt – jedenfalls nicht in der äußerst gelungenen Inszenierung von Yves Bombay am Theater Trier, die gestern Abend bei bestem Wetter im Brunnenhof Premiere feierte, wo die Zuschauer an ihren Tischen unter strahlend blauem Himmel nicht nur die Kunst, sondern auch ein kühles Bier oder ein Glas Weißwein genießen konnten, so dass man sich fast im Innenhof eines italienischen Palazzos wähnte.

Largo al factotum! Foto: Marco Piecuch

Die im Sevilla des 18. Jahrhunderts spielende Handlung ist schnell erzählt und ja auch weithin bekannt: Der steife Arzt Don Bartolo (Matthias Bein) will sein reiches, hübsches Mündel Rosina (Einat Aronstein) heiraten, die sich aber in den Grafen Almaviva (Blaise Rantoanina) verliebt hat – und er natürlich auch in sie – ohne doch seinen Namen zu kennen oder um seine adlige Abstammung zu wissen. Mit Hilfe des gewitzten Barbiers Figaro (Carl Rumstadt), der allerhand Listen und Verkleidungen ersinnt, gelingt es dem Grafen, Don Bartolo und Rosinas geldgierigen Musiklehrer Don Basilio (Karsten Schröter) auszumanövrieren, der Angebeteten nahezukommen und sie selbstverständlich am Ende auch zu heiraten. Die auf einer Komödie von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais basierende Opera buffa erzählt somit die Vorgeschichte von Mozarts „Hochzeit des Figaro“ aus dem Jahre 1786.

Nicht jeder Winkelzug ist dabei essentiell, nicht jede Nebenfigur trägt die Handlung, weshalb man in Trier gut daran getan hat, das Libretto zu entschlacken und aus der zweieinhalbstündigen Oper eine 90-Minuten-Version zu machen, die das Theater Trier auf seiner Seite sehr zurecht als „Fassung für die ganze Familie“ bewirbt. „Der Barbier von Sevilla“ lebt ohnedies von seiner rasanten, schwankhaft-burlesken Situationskomik, der noch etwas zusätzliche Rasanz nicht geschadet hat. Und für den Fall, dass vielleicht doch der ein oder andere Sprung in der Handlung erklärungsbedürftig sein sollte, schaltet sich Carl Rumstadt, der in der Rolle des Figaro ergötzliche Slapstick-Einlagen liefert, immer wieder als Erzähler ein.

Das Publikum lauscht dem Philharmonischen Orchester der Stadt Trier unter der Leitung von Jochem Hochstenbach. Foto: Alexander Scheidweiler

Überhaupt, Stichwort Slapstick: Die gesangliche Leistung des Ensembles in Kombination mit den Klängen des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier unter der Leitung von Generalmusikdirektor Jochem Hochstenbach ist nicht nur musikalisch ein Vergnügen – das sowieso, möchte man fast sagen – auch schauspielerisch bringen die Mitwirkenden die Komik der Buffo-Oper glänzend zur Geltung: Matthias Bein gibt einen gravitätischen Don Bartolo, der tatsächlich ständig wirkt, als hätte er gerade einen Stock verschluckt, Karsten Schröter verleiht Don Basilio Minen, aus denen die diebische Freude über jedes ergatterte Bestechungsgeld hervorleuchtet, Einat Aronstein und Blaise Rantoanina tauschen schmachtend-verliebte Blicke und schneiden Don Bartolo hinter dessen Rücken Grimassen, wenn Almaviva in Verkleidung Rosina Gesangsunterricht erteilt, und Rumstadts harlekinesker Figaro, der so abenteuerlich mit Pinsel und Rasierklinge hantiert, bis er schließlich selber in seinen eigenen Rasierschaum fällt, ist fast schon eine Klasse für sich.

Die Reaktion der 170 Zuschauer im ausverkauften Brunnenhof war denn auch entsprechend eindeutig: Minutenlang spendeten sie stehende Ovationen, „Bravo“-Rufe hallten durch die Anlage.

Fazit: Ein Klassiker der komischen Oper, temporeich inszeniert, musikalisch und schauspielerisch eine Freude – großer Kunstgenuss und Spaß für die ganze Familie zugleich.

weitere Termine: 12.6., 19.6., 22.6.

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