Schillernde Klangfarben im goldenen Abendlicht – Luxemburger Organist Paul Breisch eröffnete die Trierer Orgeltage

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Der Luxemburger Organist Paul Breisch (Mitte) mit seinem Sohn Charles (links), der als Registrant fungierte, und seinem Trierer Kollegen Josef Still (rechts). Foto: Alexander Scheidweiler/Lokalo

Kann man eine Reihe von Orgelkonzerten mit einem Paukenschlag eröffnen? Wenn ja, dann ist es Paul Breisch zum Auftakt der Internationalen Orgeltage im Trierer Dom gelungen.

Ein Bericht von Alexander Scheidweiler.

Golden fällt das milde Licht des warmen Sommerabends durch die Fenster der Westfassade des Trierer Doms und durchflutet das Langhaus, in dem sich am Dienstagabend knapp 100 Besucher versammelt haben. Es herrscht eine Mischung aus andächtiger Stille und freudiger Erwartung – eine angenehme Atmosphäre, so angenehm, dass allein sie schon den Besuch im Dom gelohnt hätte. Doch die Besucher sind selbstverständlich nicht erschienen, um das allein Farbenspiel des Abendlichts auf Heiligenfiguren und Altarraum zu betrachten. Denn sie erwartet ein anderes Farbenspiel, dasjenige der Klangfarben.

Und so ertönen denn auch um Punkt 20.00 Uhr die dem Sakralraum so angemessen himmlischen Klänge von Johann Sebastian Bachs „Toccata, Adagio und Fuge in C-Dur“, hervorgelockt von Paul Breisch, Kathedralorganist in Luxemburg und Professor für Orgelspiel und Gregorianik am Konservatorium von Esch, der mit dieser Komposition aus dem Jahre 1708 am Spieltisch der großen Trierer Schwalbennestorgel die diesjährigen Internationalen Orgeltage eröffnet. Es folgen im Verlauf von anderthalb Stunden Werke des 2016 verstorbenen André Isoir, sodann die beiden Jubilare Jan Pieterzoon Sweelinck (400. Todestag in diesem Jahr) und Louis Vierne (150. Geburtstag im letzten Jahr) und als drittes Komponistenpaar Giorlamo Frescobaldi (1583-1648) und Gaston Litaize (1909-1991), so dass der regelmäßige Wechsel zwischen den Werken eines barocken und eines modernen Komponisten einen reizvollen musikalischen Kontrast bildet, den Breisch virtuos zur Geltung bringt, so dass der beeindruckende Klang der mächtigen Schwalbennestorgel in den weiten Räumen des Domes seine volle Wirkung zu entfalten vermag. Es überrascht also nicht, dass das Publikum dem Musiker am Ende langanhaltenden Applaus spendet: Immer wieder tritt der Künstler an den Rand des Schwalbennests, um die verdiente Hommage entgegenzunehmen.

Besucher unter der Schwalbennestorgel beim Auftakt der Internationalen Orgeltage. Foto: Alexander Scheidweiler/Lokalo

Die Zusammenstellung von barocken und modernen Komponisten sei freilich wohl überlegt gewesen, so Breisch im Anschluss an das Konzert: Zum einen sei Vierne ohnehin gesetzt gewesen, läuft doch seit vergangenem Jahr in Trier die ökumenische Konzertreihe „Voilà – Vierne!“, in deren Rahmen das gesamte Orgelwerk des Komponisten zur Aufführung gebracht wird, teils im Dom, teils in der Konstantinbasilika. Zum anderen habe er genau diese Abwechslung haben wollen, denn die „schillernden Klangfarben“ der Schwalbennestorgel seinen „sehr vielfältig“. Es sei nicht selbstverständlich, so Breisch, dass eine Orgel so gut geeignet ist, Musik aus ganz verschiedenen Epochen zur Aufführung zu bringen. Nur ein bisschen abenteuerlich sei es schon, als Organist im Schwalbennest in luftiger Höhe Platz zu nehmen – an einer Orgel, die auf einer festen Empore steht, fühle man sich dann doch etwas sicherer. Schließlich habe er für sein Programm durchweg Kompositionen gewählt, die tänzerischen Charakter haben – Bachs „Toccata“, ein Tanz. Die „Ungarescha“ von Isoir ebenfalls. Und das Mittelstück von Viernes Opus 31, das Scherzetto, „fast schon lustig“. Auch Frescobaldis „Bergamasca“ ist eine Tanzmelodie und Litaizes „Danse fuguée“ heißt sogar so, erklärt Breisch.

Nur ein bisschen schade sei es, ergänzt der Trierer Domorganist Josef Still, dass auf Grund der Corona-Regeln nur maximal 100 Konzertbesucher in den Dom gelassen werden dürfen. In einer so großen Kirche könnten problemlos doppelt so viele Gäste Platz finden, ohne dass die Gefahr bestünde, dass die Sicherheitsabstände nicht eingehalten werden. Aber so seien nun einmal die Regeln. Und dann komme noch die Testpflicht hinzu: Jeder Besucher muss ein tagesaktuelles Testzertifikat vorweisen, sonst ist eine Teilnahme nicht möglich. Das erhöhe den organisatorischen Aufwand enorm und schrecke womöglich Interessierte ab, mutmaßt Still. Jedoch: „Wir sind froh, dass wir überhaupt etwas machen können.“

Im letzten Jahr habe man alle sechs Konzerte absagen müssen, in diesem Jahr hätte die Konzertreihe eigentlich schon im Mai beginnen sollen. Die ersten drei Veranstaltungen mussten wiederum ausfallen. Doch immerhin zwei Konzerte stehen noch an: Am 15.6. geht es mit dem Organisten Peter Rottmann aus Münnerstadt weiter, bevor am 22.6. Josef Still selbst in die Tasten greift. Auch dann stehen wieder jeweils Werke von Vierne sowie von diversen anderen Komponisten vom Richard Wagner bis in die unmittelbare Gegenwart (Paul Barras) auf dem Programm. Und dann gibt es ja auch noch „die kleine Reihe“, wie Still es nennt, die Reihe „Musik aus dem Schwalbennest“, vom 21.8. bis 9.10., immer samstags um 11.30 Uhr, jeweils eine halbe Stunde lang, stets mit einem Gastauftritt des Trierer Orgelteufelchens.

Das jedenfalls, was bei diesem Auftakt der coronabedingt verkürzten Internationalen Orgeltage geboten war, konnte sich wahrlich sehen und vor allem hören lassen – die abgegriffene, auditiv-kulinarische Metapher vom Ohrenschmaus wird dem Klangerlebnis bei weitem nicht gerecht. Kann man eine Reihe von Orgelkonzerten mit einem Paukenschlag eröffnen? Ich weiß es nicht. Aber wenn ja, dann ist es Paul Breisch an diesem schönen Sommerabend im Trierer Dom gelungen. Daher sollte nicht nur für Orgelfreunde, sondern für jeden Musikbegeisterten gelten: Nicht von der Testpflicht abschrecken lassen, sondern einfach testen lassen. Und dann ab in den Dom und den Sound der Schwalbennestorgel genießen.

Karten gibt es bei den bekannten Vorverkaufsstellen; Informationen finden sich unter www.trierer-orgelpunkt.de.

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