Weitere Sprengungen nötig: Europas meistbefahrene Güterzugstrecke noch länger gesperrt

Niemand weiß, wann genau die blockierte rechtsrheinische Bahnstrecke wieder befahren werden kann. Denn nach einem Felssturz droht noch mehr Gestein herunterzukrachen. Weitere Sprengungen und Sicherungen sind nötig. Laut einem Geologen gibt es immer mehr Hangrutschungen.

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Die vierte Sprengung nach dem Felsrutsch im Mittelrheintal zur Beseitigung der Felsnase bei Kestert. Foto: Thomas Frey/dpa (Foto: dpa)

KESTERT. Nach dem Felsrutsch auf Europas meistbefahrener Güterzugstrecke müssen die Gleise im Welterbe Oberes Mittelrheintal aus Sicherheitsgründen deutlich länger gesperrt bleiben als zunächst angenommen.

«Wir gehen davon aus, den Betrieb noch im April wiederaufzunehmen», teilte der Vorstand Anlagen- und Instandhaltungsmanagement der DB Netz AG der Deutschen Bahn, Volker Hentschel, am Freitag mit. Experten zufolge gibt es generell immer mehr Hangrutschungen.

Nach dem Felssturz am 15. März bei Kestert nahe dem weltberühmten Loreley-Felsen hat die Bahn nach eigenen Angaben bereits mit sechs Sprengungen lockeres Gestein an dem Steilhang entfernt. Diese Arbeiten, der Einsatz von Kletterern, Helikoptern und tonnenschweren Baggern sowie geologische Untersuchungen «haben nun die Erkenntnis gebracht: Weitere 2000 Kubikmeter loses Felsgestein müssen vom Hang abgelöst werden. Insgesamt liegen im Bereich der Bruchstelle bei Kestert derzeit rund 15 000 Kubikmeter Felsgestein», hieß es weiter.

Hentschel betonte: «Wir arbeiten mit Hochdruck daran, den Fels zu stabilisieren. Selbstverständlich wollen wir, dass die Züge am rechten Rhein so schnell wie irgend möglich wieder rollen. Dabei muss zuerst die Sicherheit stimmen.» Laut der DB Netz AG kann erst nach weiteren Sprengungen von losem Gestein «mit der weiträumigen Sicherung des Hanges mit Netzen begonnen werden».

Vor eineinhalb Wochen waren hier schwere Schieferplatten und Geröll auf die Gleise gekracht. Verletzte gab es nicht, auch Autos oder Züge wurden nicht getroffen. Die rechtsrheinischen Gleise sind laut der Deutschen Bahn Teil von Europas meistbefahrener Güterzugstrecke zwischen Genua und Rotterdam.

An dem Steilhang mit gelockertem Schiefer-, Ton-, Silt- und Sandgestein teils in Kleinbus-Größe sind laut dem beratenden Geologen Jürgen Matthesius besondere Sorgfalt und Erfahrung nötig: «Das heißt, kein großer Knall, sondern mehrere kleine Sprengungen für den stabilen Hang. Das ist übrigens auch schonender für die Flora und Fauna.»

Anschließend setzen laut der DB Netz AG Spezialisten für die Sicherung von zwei rund 1000 Quadratmeter großen Flächen mit Netzen insgesamt 620 Anker in den Felshang. Dafür müssten aufwendig jeweils bis zu neun Meter tiefe Löcher in den schwer zugänglichen Steilhang gebohrt werden. «Anschließend werden die Gleise von den Geröllmassen geräumt, bei Bedarf repariert, auf eisenbahntechnische Sicherheit geprüft und wieder in Betrieb genommen», hieß es weiter.

Derzeit werden Güterbahnen hier vor allem über die linksrheinische Strecke, aber auch über größere Umwege umgeleitet. Für den rechtsrheinischen Fahrgastverkehr hat das private Bahnunternehmen Vias einen Ersatzverkehr mit Bussen eingerichtet, was die Fahrzeit verlängert. Auch die parallele Bundesstraße 42 bleibt laut Polizei bei Kestert vorerst gesperrt.

Laut Experten nimmt die Zahl von Felsstürzen, Muren und Steinschlägen zu. Ohnehin ist Rheinland-Pfalz nach Worten des Geologen Frieder Enzmann das Bundesland mit den meisten Rutschungen. Die Häufung solcher Naturereignisse habe vermutlich zwei wesentliche Ursachen: immer mehr Bebauung von Flächen sowie Folgen des Klimawandels, sagte der außerplanmäßige Professor der Universität Mainz der Deutschen Presse-Agentur. Er leitet ein Projekt zur Erstellung von sogenannten Anfälligkeits- und Gefahrenhinweiskarten für Massenbewegungen.

Häuser, Fabriken, Straßen: Der Mensch versiegele zunehmend mehr Natur, erklärte Enzmann. Somit könnten Rutschungen immer mehr Schaden anrichten. Im Zuge des Klimawandels würden überdies die Temperatur- und Feuchtigkeitsunterschiede größer. «Wir vermuten, dass diese Prozesse Gestein entfestigen können», sagte der promovierte Geologe. «Gerade im Rheinischen Schiefergebirge kann zudem Niederschlag in Spalten eindringen, in bestimmten Lagen mit Geländespannungen wie Schmierseife wirken oder mit Ausdehnung bei Frost Klüfte aufweiten.» Solche Ursachen könnte auch der Felssturz bei Kestert gehabt haben.

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