Noch mehr Verzicht? In Corona-Pandemie wollen weniger Menschen fasten

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Symbolbild; Oliver Berg

TRIER. Wegen Corona darf man ja schon ganz vieles nicht. Soll man dann in der Fastenzeit noch zusätzlich auf anderes verzichten? Die Bereitschaft dazu sei in diesem Jahr geringer, meint ein Experte.

In der Corona-Pandemie müssen sich die Menschen immer wieder einschränken und auf liebgewonnene Dinge verzichten: Von daher könne man in der gerade begonnenen Fastenzeit mit einer niedrigeren Bereitschaft zum Fasten rechnen, sagte der Trierer Professor für Soziologie und Experte für Konsumforschung, Michael Jäckel, der Deutschen Presse-Agentur. «Dieses lange Fastenprogramm seit Beginn der Corona-Pandemie wird als schon sehr dominant erlebt. Da will man sich keine weiteren Prüfsteine auferlegen.»

Er bezog sich vorwiegend auf die weltliche Variante des Fastens, die in den vergangenen Jahren Zulauf bekommen hat. Zum Beispiel: «Autofasten hat sich ohnehin schon eingestellt, weil derzeit viel weniger Auto gefahren wird», sagte der Präsident der Universität Trier. Auf Alkohol verzichten – das könne man sich privat weiter vornehmen, aber nicht für Kneipenbesuche, da die Gastronomie derzeit geschlossen ist. Auch das Einkaufen sei ja limitiert.

«Außerdem machen wir alle ja gerade auch schon Begegnungsfasten», sagte Jäckel. Oder Mobilitätsfasten. «Die Menschen haben gerade mit all diesen Einschränkungen schon genug zu tun.» Hinzu komme die Last, dass das Ende des «verordneten Fastenmodus und Verzichtsmodus» nicht erkennbar sei. Die reguläre Fastenzeit im Anschluss an Fastnacht oder Karneval seit Aschermittwoch endet an Ostern. «Manche sagen auch, es gab ja gar keinen Karneval, wieso sollen wir dann fasten?»

Zudem stehe den Menschen zurzeit eigentlich der Sinn nach Gestaltung. Sie wollen Impulse geben. Noch mehr fasten werde als «noch mehr Einschränkung» erlebt. Jäckel ging davon aus, dass die Menschen nach der Corona-Pandemie Dinge, auf die sie lange verzichten mussten – ähnlich wie nach dem Fasten – ganz anders wahrnehmen würden. «Ich glaube schon, dass die Freude an den kleinen Dingen dann wieder bewusster erlebt und auch mehr wertgeschätzt wird», sagte er.

Ein kleine Herausforderung sah er darin, dass die ungewollte Bequemlichkeit, die sich mit Corona eingespielt habe, möglicherweise nicht wieder rasch umgestellt werde. «Es gibt ja auch einen Gewöhnungseffekt dieser Kalender- und Terminarmut», sagt der Wissenschaftler. Die Frage sei, ob die Menschen danach wieder so viele Termine wahrnehmen würden wie vorher – gerade in ihrer Freizeit in Vereinen. «Man muss dann erst wieder aus der Cocooning-Ecke rauskommen.»

Dass mit der Öffnung der Läden «gleich eine große Konsumwelle» kommen werde, glaubte Jäckel nicht. Er gehe davon aus, dass der Konsum durch die Krise insgesamt «geerdeter» geworden sei. Dies sehe man auch an der gestiegenen Neigung der Deutschen zu sparen. (dpa)

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