Rheinland-Pfalz im Krisenmodus: Den Virus eindämmen

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Foto: dpa-Labor

MAINZ. Mehrere Schulen werden geschlossen, Pendler aus Frankreich sollen nicht mehr über die Grenze. «Wir können die Infektionsrate immer noch gut kontrollieren», sagt ein Virologe der Universitätsmedizin Mainz.

Mit einer Vielzahl konkreter und teilweise drastischer Maßnahmen wollen die Behörden in Rheinland-Pfalz dafür sorgen, dass sich das Coronavirus so langsam wie möglich ausbreitet. «Wir befinden uns momentan in einer Krisensituation», stellte Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) am Donnerstag in Mainz fest und fügte hinzu: «Wir sind gut vorbereitet, wir sind auch vorbereitet auf das, was noch kommt.»

Zentrales Ziel sei es, den Infektionsverlauf zu verlangsamen, erklärte der Referatsleiter im Gesundheitsministerium, Klaus Jahn. Wenn wie in Italien sehr viele schwer erkrankte Menschen auf einmal versorgt werden müssten, «würde das unser Gesundheitssystem sehr stark belasten». Es gebe weiter die Chance, die Kurve mit der Zahl der Neuinfektionen abzuflachen, erklärte der Virologe der Universitätsmedizin Mainz, Bodo Plachter. «Wir können die Infektionsrate immer noch gut kontrollieren, anders als in Italien.» Auf lange Sicht, über zwei bis vier Jahre hinweg, sei aber zu erwarten, dass sich schätzungsweise 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit dem neuen Coronavirus infizierten. Dies liege daran, dass alle Menschen gegenüber diesem Erreger «immunologisch naiv» seien, also über keinerlei Immunschutz verfügten.

Wegen Infektionen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 wurden bis Mittwoch 14 Schulen in Rheinland-Pfalz geschlossen – am Donnerstag kam aber nach dem positiven Test eines Schülers im Anschluss an eine Skifahrt ein Schulzentrum in Worms mit rund 4500 Schülern dazu. Die Stadt stellte später den Schulbetrieb für alle Wormser Schulen für diese Woche ein, wie der Präsident der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), Thomas Linnertz, mitteilte. «Es ist eine Situation, die sich laufend verändert.» Klassenfahrten in Risikogebiete wurden untersagt, für bereits gebuchte Reisen übernimmt das Land nach Angaben des ADD-Präsidenten die Kosten.

Auch weitere neu infizierte Rheinland-Pfälzer zogen sich die als Covid-19 bezeichnete Erkrankung bei Auslandsreisen zu. In mehreren Fällen ging es um Skiferien in Südtirol oder in Ischgl, im österreichischen Bundesland Tirol. Die Zahl der Infektionen in Rheinland-Pfalz stieg nach Angaben des Gesundheitsministeriums innerhalb eines Tages von 29 auf 52 – zum Stand um 10.30 Uhr am Mittwoch.

Rund 4300 Pendler aus der zum Coronavirus-Risikogebiet erklärten Region in Frankreich sollen bis auf weiteres zuhause bleiben. Es gebe mit sofortiger Wirkung die dringende Empfehlung, nicht mehr am Arbeitsplatz zu erscheinen, sagte Ministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD). Nach Rheinland-Pfalz pendelnde Lehrerinnen und Lehrer seien von der Arbeit freigestellt worden, sagte ADD-Präsident Thomas Linnertz.

Besonders viele Einpendler aus Grand Est gibt es nach Angaben des Gesundheitsministeriums in die Kreise Südwestpfalz, Südliche Weinstraße und Germersheim sowie in die Städte Zweibrücken, Landau und Pirmasens. In der Gegenrichtung sind nur einige hundert Pendler unterwegs. «Man sollte den Weg ins Risikogebiet tunlichst vermeiden», sagte Bätzing-Lichtenthäler.

Das Gesundheitsministerium beschloss auch Empfehlungen für Altenpflegeheime und Einrichtungen für Behinderte. Das Augenmerk gelte jetzt Menschen, die aufgrund ihres höheren Alters, wegen Vorerkrankungen oder wegen eines geschwächten Immunsystems besonders gefährdet seien, sagte die Ministerin. Bei Neuaufnahmen von Bewohnern gebe es die dringende Empfehlung, den aktuellen Gesundheitsstatus zu erfassen, «um diese Person falls nötig zu isolieren».

Wegen der hohen Belastungen aufgrund der Coronavirus-Epidemie sollen die Gesundheitsämter personell verstärkt werden. Medizinstudenten ab dem fünften Semester wurden in einer Ausschreibung gebeten, sich zur Unterstützung der Ämter zu melden und dann etwa in der Beratungsarbeit der Hotlines mitzuwirken, wie Bätzing-Lichtenthäler mitteilte. Unterstützung der Gesundheitsämter wünscht sich das Ministerium auch von Ärzten im Ruhestand – dazu wurden 1300 Ärzte bis zu einem Alter von 75 Jahren angeschrieben. Es gebe bei den 24 Gesundheitsämtern im Land einen akuten Bedarf an 50 bis 60 zusätzlichen Kräften, sagte die Ministerin. Während der gegenwärtigen Phase der Eindämmung der Epidemie gelte der Grundsatz, Kontaktpersonen von Infizierten so weit wie möglich zu ermitteln. «Dies bedeutet eine sehr starke Belastung für die Gesundheitsämter.»

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2 KOMMENTARE

  1. Wie schaut es denn mit den vielen Eltern von den Kindern aus, die jetzt keine Schule haben? Werden die auch von der Arbeit freigestellt, damit sie Zeit für ihre Kinder haben?

    • Grundsätzlich gilt: Ist das eigene Kind erkrankt, steht es Eltern zu, eine Zeit lang zu Hause zu bleiben und das Kind zu versorgen. Dieser Anspruch ist pro Kind und Elternteil auf jeweils zehn Arbeitstage – bei Alleinerziehenden auf 20 Arbeitstage – begrenzt. Der Arbeitgeber hat Anspruch auf einen Nachweis, der belegt, dass das Kind pflegebedürftig ist.

      Ist das Kind gesund, muss aber betreut werden, weil Schule oder Kindergarten geschlossen sind, darf ein Elternteil zu Hause bleiben – zumindest, wenn es keine andere Betreuungsmöglichkeit für die Kinder gibt.

      Wichtig ist, dass der Arbeitgeber umgehend informiert wird. Oft finden sich im Gespräch zudem einvernehmliche Lösungen wie etwa die Arbeit aus dem Homeoffice, Überstundenabbau oder unbezahlter Urlaub.

      Wer nicht arbeitet, erhält in der Regel auch keinen Lohn. Ausnahmen könnten sich aus Paragraf 616 BGB ergeben. Darin ist geregelt, dass Mitarbeiter ihr Gehalt weiter beziehen, wenn sie nicht verhältnismäßig lange ausfallen und für ihr Fehlen selbst nichts können. In vielen Arbeitsverträgen ist diese Regelung aber laut Alexander Bredereck, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus Berlin, ausdrücklich ausgeschlossen.

      Quelle: https://www.spiegel.de/panorama/coronavirus-was-eltern-und-schueler-wissen-muessen-a-fe4183e2-6bec-4a78-a4c5-7950c667f74b

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