Lokalo.de Interview: Trierer Forscherin für den Kurt Lewin Preis in Berlin nominiert

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TRIER/BERLIN. Wir vom Lokalo-Team freuen uns, Dr. Westermayer, den stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft betrieblicher Weiterbildungsforschung aus Berlin und die Trierer Autorin, Forscherin, Beraterin und Coach Amel Lariani bei uns im Interview begrüßen zu dürfen.

Sowohl Dr. Westermayer als auch Frau Lariani setzten sich für einen radikalen Humanismus in der Wirtschaft ein. Auch wenn es in Unternehmen immer um Ergebnisse und Wirtschaftlichkeit geht, darf die Lebensqualität und Gesundheit der Menschen nicht hintenanstehen. In der heutigen Zeit gibt es wohl kaum eine existenziellere Frage als diese: „Wo bleibt der Mensch in einer technologisierten Welt?“ Für diesen Forschungsansatz und ihren unermüdlichen Einsatz wurde Frau Lariani von Dr. Westermayer für den Kurt Lewin Preis nominiert. Was es damit auf sich hat, präsentieren wir voller Stolz im nachfolgenden Interview.

Frau Lariani, wir vom Lokalo-Team gratulieren Ihnen zur Nominierung. Haben Sie sich für diesen Preis beworben?

Lariani: Nein, ich wusste nicht einmal, dass es den Kurt Lewin Preis gibt. Tatsächlich hat mich Dr. Westermayer per E-Mail kontaktiert und mir zu meinem Buch gratuliert. Da ich zu dem Zeitpunkt im Workshop war, habe ich erst am nächsten Tag sein Angebot, Digital Leadershit zu nominieren, gesehen.

Was bedeutet die Nominierung für Sie persönlich?

Lariani: Meine Masterthesis liegt seit Jahren zur Überarbeitung bereit, jedoch bin ich in meiner Forschung vollkommen aufgegangen, weil ich daraus ständig neue Ansätze für meine Arbeit entwickle. Die Theorie muss bei mir der Praxis dienen, ich setze mich seit Jahren für eine bewusste, humane Marktwirtschaft ein. Meine Schwerpunkte sind menschenorientierte Führung und die Veränderung der unternehmerischen Rahmenbedingungen hin zu einer Vertrauenskultur. Demnach bedeutet mir die Anerkennung und Würdigung meiner Forschungsarbeit besonders viel,weil es hier nicht um mein Ego, sondern um Inhalt geht. Das bestärkt mich wieder darin, dass die Entscheidung, meiner Leidenschaft zur Forschung zu folgen, richtig war.

Herr Dr. Westermayer, wer war Kurt Lewin und warum ist er so wichtig?

Dr. Westermayer: Er gilt als einer der wichtigsten Psychologen weltweit. Seine aus der Gestaltpsychologie abgeleitete Feldtheorie dürfte die Psychologie der Zukunft darstellen. Der Zusammenhang von Wahrnehmung, Gefühlen und Denkmustern, Motiven, Verhaltensweisen undGedächtnisleistungen wird auf neue Weise konstruiert. Vieles aus Lewins Werk ist noch nicht einmal von der aktuellen Forschung erfasst. Und: Wer weiß heute noch, dass Lewin und seine Studenten bei einem Stammtisch das „Brainstorming“ entwickelt haben, das sie damals in den 20ern noch als „Quasselstrippe“ bezeichneten. Die Organisationsentwicklung, Managementregelkreise, Führungstypen und vieles mehr, was heute als allgemein gültige Erkenntnis gilt, geht auf ihn zurück.

Wer und mit welchem Hintergrund ist für den Preis nominiert?

Dr. Westermayer: Die beiden Nominierungen zu den Themen Digital Leadershit von Amel Lariani und Achtsame Führung von Sarah Waldhauser erfüllen diese Voraussetzung
hervorragend. Auf der Suche nach einer neuen modernen Gestaltpsychologie wollen wir Arbeitenjunger vielversprechender Forscher/innen, die im Geiste Lewins verfasst worden sind, auszeichnen.

Welche Bedeutung hat Kurt Lewin für Ihre Arbeit Frau Lariani?

Lariani: Das Verhalten einer Person ist abhängig von der Person selbst, seiner Persönlichkeit, seinen Motiven und Interessen, seiner Vorbildung, seinen Fähigkeiten usw. Ebenso üben das Umfeld, die Familie, Beziehungen sowie die Kultur der Gesellschaft und die des Unternehmens erheblichen Einfluss aus. Die Gesamtheit aller Faktoren nennt der Sozial-und Organisationspsychologe Kurt Lewin den Lebensraum. In diesen Lebensraum haben wir Menschen massiv eingegriffen und ihn erstmalig in der Evolutionsgeschichte komplett verändert. In meiner menschenzentrierten Forschung untersuche ich seit 2008 die unterschiedlichen Wirkfaktoren und deren Bedeutung für den wirtschaftlichen Kontext. Daraus entwickle ich mit meinem Team komplett neue und innovative Ansätze, um Unternehmen im Wandel zu begleiten.

Um welche Wirkfaktoren geht es genau?

Lariani: Obwohl Bill Gates sagte: „Das Internet ist nur ein Hype.“, hat es seit 1990 die Welt vermutlich stärker verändert, als alles bisher Dagewesene. Wiedie Zukunft aussehen wird, übersteigt den menschlichen Horizont. Alles ist gerade im Umbruch, der Mensch wird sich ständig neu erfinden müssen und dafür muss er von Innen heraus gestärkt sein. Erschwerend kommt der Veränderungsdruck, resultierend aus sinkender Planbarkeit und steigender Dynamik, hinzu. Ab einem gewissen Stressgrad greifen evolutionäre Notfallprogramme. Kompensation, Vermeidung oder Erduldung sind meist früh erlernte Reaktionsmuster, die der Situation nicht angemessen sind. Daher schwächen sie das Selbstvertrauen und wirken sich langfristig negativ auf die Gesundheit aus.

Das ist auch aus Unternehmenssicht nicht zu unterschätzen. Nennen Sie uns ein paar Folgen, die Ihrer Erfahrung nach auftreten können.

Lariani: Wenn Angst und Ärger die vorherrschenden Emotionen in einem Unternehmen sind, bremst das die Produktivität und jegliches Innovationsvorhaben. Vermeidung bedeutet keine Entscheidungen treffen, Vorhaben ausbremsen – dadurch entsteht nichts Neues. Häufig sinkt auchdie Qualität, zum einen die Produkt- und Dienstleistungsqualität und zum anderen die Beziehungsqualität. Ich könnte noch viele Gründe aufzählen, wichtig ist mir, zu erwähnen, dass im vergangenen Jahr jeder 18. Arbeitnehmer mit der Diagnose einer psychischen Störung krankgeschrieben war. Das wird in Kürze beträchtliche Folgen für Unternehmen und die Volkswirtschaft haben. Auf diese Zahlen nicht zu reagieren wäre fatal. Hier geht es schon lange nicht mehr um Obstkörbe, Emotionen oder die Sinnfrage, vielmehr verlangt die neue Arbeitswelt,wenn sie zukunftsfähig sein will, nach zeitgemäßen Lösungen.

Was erhoffen Sie sich von der Verleihung des Kurt-Lewin- Preises?
Dr. Westermayer: Mit der Verleihung des Kurt Lewin Preises soll die Aufmerksamkeit auf Arbeiten gelenkt werden, die, ganz in der Tradition von Kurt Lewin, die sozialpsychologischen Grundlagen der Persönlichkeitsentwicklung wieder stärker in den Fokus rücken. In einer Zeit der Ungleichheit muss das allgemeine Bewusstsein wieder gestärkt werden, sodass gegenseitiger Respekt die Voraussetzung für erfolgreiches Handeln darstellt und nicht egoistisches Profitinteresse.

Was erwartet den Gewinner & wie könnte es nach der Verleihung weitergehen?
Dr. Westermayer: Die Gewinner erhalten einen Geldbetrag, ihre Arbeit wird vom EHP Verlag veröffentlicht und in einer Dauerausstellung des Berliner Schlosses wird die Liste der Lewin Preisträger fortgeschrieben und zwar genau dort, wo Lewin und Kollegen den Lehrstuhl für Gestaltpsychologie eingerichtet hatten. Der Preis wird 2020 das erste Mal vergeben, also genau 100 Jahre nach dem Umzug aus der Universität in das Schloss und der Veröffentlichung der Schrift „Die Sozialisierung des Taylorsystems“, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat.

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