Reportage: Drei Brüder aus Syrien in der Trierer Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende

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Ein Plan, den Schlepper Flüchtlingen an die Hand geben, die ihre Reise nicht wie die drei Brüder in Eigenregie planen. // Foto: lokalo.de

Bildquelle: lokalo.de

TRIER. Es ist Donnerstagnachmittag. Schon beim Abbiegen aus der Dasbachstraße zur Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (Afa) in Trier ist ein weißes Zelt und eine schwer zu schätzende Anzahl von Menschen zu erkennen. Je näher man dem etwa 30 Quadratmeter großen Zelt kommt, desto mehr vermittelt es ein gänzlich anderes Bild. Ein gänzlich anders Bild von Trier, von Rheinland-Pfalz, von Deutschland und auch von Europa. Dieses Bild am Eingang zur Afa eröffnet eine komplett andere Welt.

Aufgestellt auf grobem Schotter, spendet das Zelt, dass als Aufenthaltsraum genutzt wird, einem Mann Ende 50 ein wenig Schatten. Das Zelt ist von einem Zaun umgeben, der eine Baustelle absperrt und gleichzeitig auch als Wäscheleine dient. Ein junges Mädchen spricht mit einer Frau. Womöglich ist die Frau die Mutter des etwa 7-jährigen Kindes, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist das Mädchen ganz alleine hier und weiß garnicht was und wo „hier“ überhaupt ist.

Das Mädchen hat geweint, dass ist deutlich an ihren roten Augen zu erkennen. Die verschwitzten Haare kleben an ihrer Stirn. Es ist eine Szene, die einen vergessen lässt das man in Trier ist. Mehr als 30 Grad, der Schotter und der Staub, der bei einem kurzen Windstoß aufwirbelt, dieses Zelt und die Menschen darin und davor und die Wäsche an dem Zaun wirken, als sei man in einem Flüchtlingscamp irgendwo im Nahen Osten, aber nicht in Trier.

Es stellt sich schnell heraus, dass sich das Mädchen beim Spielen wehgetan hat. Sie ist wohl auf einen Stein getreten oder hat sich an einem Stein gestoßen. Das gebrochene Englisch der Frau konnte das nicht exakt beschreiben. Arabisch hat uns nicht weitergebracht.

Einige Meter hinter diesem Zelt eröffnet sich der Aussenbereich der Aufnahmeeinrichtung. Etwa halbhohe weiße Hügel auf einer Wiese vor einem der Gebäude erweisen sich bei näherem Hinsehen als Bettwäsche. Hier scheinen die Menschen zu schlafen, für die es in der Aufnahmeeinrichtung kein freies Bett mehr gibt.

Wir treffen auf drei Syrer, die auf einer Steintreppe im Schatten sitzen. Wir erklären ihnen in arabischer Sprache wer wir sind. Einer der drei kennt auch lokalo.de. Er kennt es, weil ein Mann ihm einen Beitrag über die bevorstehende Deutschland Rallye gezeigt hat. Die würde er sich gerne ansehen.

Die drei jungen Männer vertrauen uns, auch weil wir arabisch sprechen und sie respektieren. Das hätten sie sofort gemerkt. Respekt ist ihnen sehr wichtig und zwischen den Bewohnern aus den vielen Nationen gäbe es wenig Respekt. Sie bieten uns Wasser an, wir ihnen Zigaretten. Wir setzen uns und sprechen über ihre persönliche Situation und das, was in Deutschland, in Europa, in der Welt und auch in Trier passiert. Wir sagen ihnen auch, was auf lokalo.de passiert. Wie die Menschen in Deutschland über die aktuelle Situation denken, was sie sagen und was sie schreiben – auch und insbesondere auf unserer Facebook-Page. Die Drei wissen, dass das Thema in Deutschland heiß diskutiert wird. Sie finden gut, dass man in Deutschland seine Meinung sagen darf. Das darf man in Syrien nicht. Der älteste der Männer weiß auch, dass es in Deutschland nicht nur Diskussionen gibt, sondern auch Aktionen. Wir sprechen auch über Freital.

Die drei Männer, alle Anfang 20, sind Brüder und stammen aus Aleppo, einer Stadt im Norden Syriens, die seit dem Sommer 2012 umkämpft wird. Wieviele Einwohner die Metropole heute noch hat, können die drei Brüder nicht beantworten. Rund 1,7 Millionen Einwohner hatte die nach Damaskus zweitgrößte Stadt Syriens noch im Jahr 2008.

Seit etwas mehr als einer Woche sind die drei Brüder in Trier. Ihr Weg führte sie von Aleppo in die Türkei. Zu Fuß, wie sie uns erklären. Von dort sind sie gut 1.200 Kilometer quer durch das Land gereist. Ein bisschen zu Fuß, ein bisschen mit dem Bus, ein bisschen mit dem Auto. An der Küste sind sie dann in ein Boot gestiegen und auf die griechische Insel Kos übergesetzt. Dort wollten sich die Brüder registrieren lassen und auf das griechische Festland reisen. Die Wartezeit war ihnen jedoch zu lange und die Umstände, die dieses Warten auf der Ferieninsel mit sich bringen würde, wollten sie nicht ertragen. Wir haben versprochen, nicht genau zu beschreiben wie oft die drei noch mit einem Boot gefahren sind. Es war oft.

Von Griechenland aus ging es nach Mazedonien. Für 20 Euro pro Kopf hat an der Grenze alles problemlos funktioniert. Ab Serbien wird die Reise zunehmend teurer, doch dass wussten die Brüder bereits im Vorfeld. Sie haben ihre Reise von langer Hand geplant und die Kosten für Transport und Bestechung kalkuliert.

In Belgrad treffen die Brüder dann auf einen Schlepper. „He is from the Mafia, you can write this, everybody knows.“ Wir unterhalten uns teilweise auch in englischer Sprache, weil wir uns parallel unterhalten, allen unsere Aufmerksamkeit schenken wollen und die Brüder so viel zu erzählen haben. Der Mann fährt die drei Männer und ein paar weitere Menschen nach Österreich. Der Preis: 1.050 Euro pro Kopf.

Die Drei meinen, dass wir die Details zur Einreise nach Österreich nicht unbedingt veröffentlichen sollen. Auch diesen Wunsch respektieren wir und weil wir das tun, erzählen sie uns auch diese abenteuerliche Etappe ihrer Reise komplett.

Plötzlich ging dann alles ganz schnell, mitten in einer Stadt in Österreich. Die Türen des Fahrzeugs werden aufgerissen. „Out, out! Hurry, hurry! Get out!“ haben vier Männer immer wieder gerufen. Alle Mitfahrer flüchteten in unterschiedliche Richtung. Das Fahrzeug, dass sie aus Belgrad nach Österreich gebracht hatte, war dann verschwunden. Die anderen Mitfahrer und die Männer, die die Türen aufgerissen hatten auch.

Die Brüder überlegen kurz, ob sie in Österreich bleiben und von ihrem ursprünglichen Plan, in Deutschland einen Antrag auf Asyl zu stellen, abweichen sollen. Zu anstrengend war die bisherige Reise. Doch dann hat der ältere Bruder für die beiden jüngeren eine Entscheidung getroffen und begründet diese damit, dass Deutschland das Herzstück Europas sei. Für ihn ist Deutschland die Zentrale der Europäischen Union und Angela Merkel sei die „Mother of Europe“. Die Bundeskanzlerin sei auch die Mutter aller Menschen hier und der jüngste Brüder zeigt während er das sagt auf die Vielzahl an Menschen in der Aufnahmeeinrichtung der Dasbachstraße, die auf dem Boden und den wenigen Bänke sitzen oder vom Einkaufen kommen.

Zwei Menschen fühlen sich daraufhin angesprochen und kommen zu uns herüber. Ein Mann, Mitte 30, hält ein kleines Kind auf dem Arm und hört uns nur zu. Er stammt ebenfalls aus Syrien. Ein weiterer Syrer, maximal 22 Jahre alt, fragt nach einer Zigarette und bleibt interessiert bei uns.

Von Bayern aus sind die drei Brüder nach Nordrhein-Westfalen gekommen, von dort nach Trier. Wir fragen, ob sie es sich hier so vorgestellt hätten, als sie zu Hause ihre Pläne der Flucht aus Syrien geschmiedet haben. „Ja, genau so“, antwortet der jüngste Bruder wieder in Arabisch. „Wir haben uns darüber informiert und wir sprechen auch mit denen, die schon hier sind. Wir haben ja WhatsApp.“

Wir stellen die gleiche Frage auch dem jungen Mann, dem wir zuvor eine Zigarette gegeben hatten. Bei ihm zeigt sich ein komplett anderes Bild. Er würde diese Reise nie wieder auf sich nehmen und würde am liebsten wieder zurück nach Syrien. Gemeinsam mit seinem Vater und seiner Mutter, die aktuell auch in der Dasbachstraße leben. Er will auch deswegen zurück, weil er hier schon so oft bestohlen wurde. Zuletzt haben ihm Serben seine Schuhe geklaut. Seit dem legt er seine Flip Flops unter seinen Kopf wenn er schläft. „Unter das Kopfkissen?“ fragen wir, weil wir ihn quasi berichtigen wollen. Die Frage war dumm. Der circa 22-Jährige erklärt, dass er seine Flip Flops tatsächlich unter seinen Kopf legt, weil die Dinge, die unter dem Kopfkissen liegen, auch geklaut werden würden. Mit direktem Kontakt der Kunststoffschlappen zu seinem Kopf, würde er einen versuchten Diebstahl sofort bemerken.

„Er ist nicht so gut gebildet, darum weiß er nicht wie es hier ist“, erklärt einer der Brüder in Englisch. Er sei in der Erwartung nach Deutschland gekommen, dass er und seine Eltern hier Arbeit und ein Haus bekommen. Er und seine Familie seien belogen worden, so wie viele andere Syrer in der Erstaufnahmeeinrichtung. 200 sollen es nach Schätzungen der Brüder sein. Die übrigen Menschen kämen aus Ländern wie Albanien, dem Kosovo, Serbien oder Mazedonien. Das seien Länder in denen doch garkein Krieg herrscht. Die mittlerweile fünf Männer aus Syrien, die um uns herumstehen oder mit auf der Steintreppe sitzen, können nicht verstehen, warum die Menschen aus diesen Ländern auch hier sind.

Sie wären es, die nicht nur die Betten belegen und der Grund dafür seien, dass viele Menschen draußen schlafen müssten, sondern durch ihre Anwesenheit auch die Bürokratie verlangsamen. Die Mitarbeiter der Aufnahmeeinrichtung wären sehr freundlich, aber die drei Brüder würden auch merken, dass die Beschäftigten der Afa zu viel Arbeiten müssten. Immer wieder betonen sie, dass ihre Papiere noch immer in Bearbeitung seien. Auf die Frage danach, wie lange sie auf die Bearbeitung ihres persönlichen Falles warten müssten, wissen sie keine Antwort. Vielleicht eine Woche, vielleicht einen Monat, vielleicht ein Jahr. Sie wissen es nicht.

Die fünf Männer wissen ebenfalls nicht, ob sie auf die Bearbeitung ihres Falles überhaupt weiter in Trier warten oder ob sie woanders hingebracht werden. Sie kennen viele Namen von Aufnahmeeinrichtungen. Hermeskeil kennen sie jedoch nicht. Die provisorischen Zeltunterkünfte in der ehemaligen Kaserne sollen noch diese Woche von Asylbegehrenden bezogen werden. Die ersten sind laut der zuständigen Behörde auch bereits eingezogen, doch es gibt ein Problem: Die Menschen wollen die provisorischen Zelte nicht beziehen. „Das ist ein ernstes Problem“, sagt man uns von offizieller Stelle. Man wisse aktuell nicht, wie man die Menschen dazu bewegen sollte, nach Hermeskeil umzuziehen.

Was die drei Brüder jedoch wissen, ist, wie es mit ihnen persönlich weitergehen sollte. Die drei wollen unbedingt in Deutschland bleiben. Sie wollen zu Ende studieren und sich hier ein neues Leben aufbauen. Der jüngste Bruder studierte in Syrien Agrarwissenschaften, der mittlere Jura und der älteste Elektrotechnik.

Ein klein wenig abwertend auf den etwa 22-Jährigen bezogen, der nicht so gut gebildet sei, sagt der Mittlere, er sei nur ein Schneider. Auf die Frage, wie weit er denn sein angeeignetes Wissen in Jura auf die deutschen Gesetze hin anwenden kann, wusste er dann keine Antwort und hat schnell gemerkt, dass sein Vorurteil falsch war.

3 KOMMENTARE

  1. Vielen Dank für diesen sehr guten Bericht über diese armen Menschen. Und danke auch für den Klartext: dass das Volk vom Balkan den wirklichen Flüchtlingen die Plätze wegnimmt und die Probleme in unserem Land verursacht. Raus mit denen, die es – ohne Not zu leiden – einfach nur besser haben wollen und die Kohle einsacken, die wir doofen Deutschen ihnen in den A… schieben!!

  2. Das Daemlichste an dem Ganzen ist ja schon mal der Spruch: Refugees welcome. Das verleiht dem Ganzen den Charakter eines Volksfestes, so als sei das Ganze ein Riesenspass: Die Flüchtlinge, die gutgelaunt nach Deutschland kommen und dann die Super-Gut-Drauf-Deutschen, die schon mit der Blaskapelle bereitstehen um die Refugees zu empfangen und der Millionste Flüchtling kriegt noch den goldenen Stadtschlüssel vom Bürgermeister. Und dann gibts eben auch unter den Buntes-Trier-gutmenschen Herdentiere, die den satz froh nachblöken und jeder der sich kritisch äussert wird gleihc in die rechte Ecke geschoben, weil der gemeinsame Feind das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkt.
    In Wirklichkeit ist das Ganze von beiden Seiten eine Notlösung: Vom Aufnahmeland aus, weil Asyl nur eine vorübergehende Möglichkeit ist und sich erst entscheiden muss, kann der Flüchtling gemaess anzuwendender kriterien bleiben, weil er eben zurecht ein Flüchtling ist, oder geht er wieder, weil er z.B. nur versucht, sich widerrechtlich ein Aufenthaltsrecht zu erlangen. Von Seiten der Flüchtlinge ist es ja auch nciht so, dass die sagen, hey, Jungs, wir gehen mal eben ins lustige Deutschland, da geht der Punk ab, ohne Not geht kein Mensch aus seinem Land weg, manchmal ist es vielleicht auch aufgrund falcher Erwartungen, dass man überhaupt weggeht. Sieht man auch in obiger Reportage sehr gut, der eine denkt er kriegt heir gleich ein Haus und Arbeit, die anderen Flüchtlinge haben nix Besseres zu tun als ihre Mitleidengsgenossen zu beklauen, obwohls Klamotten ja umsonst von der Caritas gibt und zumindest laut letzten Zeitungsmeldungen mehr als genug Kleiderspenden da waren. Auch solche Aktionen wie von Till Schweiger sind ziemlich dämlich, wenn ich als Filmstar zuviel Tagesfreizeit habe, schon klar, da kann ich leicht ein Vorzeigeflüchtlingsheim errichten (mit dem Nebeneffekt, dass ich damit noch meine Steuerlast mindern kann und meine Popularität steigt, was sich sicher auf die Besucherzahlen meines nächsten Films auswirken wird).

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