Wird der Fall Tanja Gräff jetzt für den Wahlkampf politisiert?

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MAINZ/TRIER. Der Fall Tanja Gräff findet offensichtlich kein Ende, sondern ist nach dem Auffinden der sterblichen Überreste wieder hochaktuell. Viele Fragen sind noch offen, warten auf eine Klärung. Mindestens ebenso viele Spekulationen geistern durch die Welt. Jetzt aber wird der Fall auch noch politisiert und für den beginnenden Wahlkampf benutzt.


Der Bonner Generalanzeiger scheint derzeit ein besonderes Interesse am Fall Tanja Gräff gefunden zu haben. Die Bonner Tageszeitung brachte jetzt einen Artikel, in dem sie sich mit der Talkshow von Markus Lanz aus dem Mai 2014 beschäftigt. Allerdings befasst sich der Beitrag weniger mit den Fragen zu Tanja Gräffs Verschwinden, als vielmehr mit einer angeblichen Einmischung der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer in den Ablauf der Sendung. In dem Artikel wird behauptet, Herr Lanz habe vor der Sendung Tanjas Mutter gefragt, ob es eine bestimmte Frage gäbe, die er ihr stellen solle oder könne, um ihr zu helfen. Frau Gräff habe daraufhin gesagt, dass Sie Frau Dreyer einen langen Brief geschrieben habe, der die Bitte beinhaltete, die Ministerpräsidentin möge Sorge tragen, dass die Polizei alle Spuren im Fall Tanja Gräff noch einmal neu betrachten möge. Dieser Brief sei aber bis zum Zeitpunkt der Sendung nicht beantwortet worden. Herr Lanz habe Frau Gräff daraufhin zugesichert, Fragen in diese Richtung zu stellen.

Weiter wird behauptet, zunächst habe ein Mitarbeiter von Lanz Frau Gräff kurze Zeit später mitgeteilt, es habe beim Sender einen Anruf aus der Mainzer Staatskanzlei gegeben. Dann wird suggeriert, dass dieser Anruf, beauftragt von Malu Dreyer, verhindert habe, dass Herr Lanz die entsprechenden Fragen stellte. Damit die Verhältnisse auch klar gestellt werden, schieben die Bonner noch die Informationen nach, das Dreyer Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder ist und ihr Vorgänger und Parteifreund Kurt Beck der Vorsitzende des ZDF-Verwaltungsrates. Außerdem weisen sie darauf hin, dass Dreyer im nächsten Jahr eine schwierige Landtagswahl habe, die „ohnehin belastet durch den Nürburgring-Skandal“ sei.

Wenn dem so ist, wie der Generalanzeiger es beschreibt, wäre das Ganze ein ungeheuerlicher Vorgang, der nicht zuletzt auch ein Angriff auf die Pressefreiheit darstellen würde. lokalo.de hat in der Staatskanzlei nachgefragt. In der Antwort bestätigt Monika Fuhr, Pressesprecherin der Ministerpräsidentin, dass Frau Gräff sich Ende 2013 mit einem Brief an Dreyer gewandt hat. In der Folge habe es verschiedenste Kontakte zwischen der Staatskanzlei und Frau Gräff gegeben und außerdem auch ein persönliches Treffen zwischen Malu Dreyer und Waltraud Gräff.

Die Frage, ob die Staatskanzlei Einfluss auf die Talkshow von Lanz genommen habe, wies Fuhr nachdrücklich als falsch zurück. Es habe, so Fuhr, im Vorfeld der Sendung eine Anfrage der Redaktion gegeben, in der nach der Existenz eines Briefes von Frau Gräff an die Ministerpräsidentin gefragt wurde. Diese Existenz habe Fuhr diesem Brief bestätigt. Mehr nicht.

Eine gleichlautende Antwort gab es von der Pressestelle des Zweiten Deutschen Fernsehens. Dort bestätigt man die Nachfrage nach dem Brief und weist die Behauptung, es sei von der Landesregierung Einfluss auf die thematische Gestaltung der Talkshow Einfluss genommen worden, mit Vehemenz zurück.

Detlef Böhm, Rechtsanwalt der Familie Gräff, sagt auf Nachfrage durch lokalo.de, er könne die Vorwürfe, die im Generalanzeiger erhoben werden, ebenfalls nicht bestätigen und frage sich ohnehin, wo die Bonner die Informationen, mit denen das Blatt aufwarte, her haben. Alles in allem scheint es sich also doch eher um Spekulationen zu handeln, die nicht belegbar sind. Und Spekulationen helfen im Fall Tanja Gräff niemandem.

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Der Fall Tanja Gräff hinterlässt viele Fragen, die dringend noch geklärt werden müssen. Jetzt, wo man die sterblichen Überreste von Tanja gefunden hat, muss, soweit das nach acht überhaupt möglich ist, geklärt werden, was damals passierte. Dazu sollte man der Gerichtsmedizin und der Kriminaltechnik die notwendige Zeit einräumen, ihre Arbeit gründlich zu verrichten.

Jetzt aber kommt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU im Mainzer Landtag, Alexander Licht, und postet den Artikel des Bonner Generalanzeigers im sozialen Netzwerk Facebook. Da fragt man sich, warum er das tut? Der Hintergrund kann eigentlich nur sein, dass er den Text zu Wahlkampfzwecken nutzen will. Ist das angemessen?

Keine Frage: wäre irgendetwas von dem, was der Generalanzeiger hier an die Wand malt, beleg- und nachweisbar wäre, dann müsste es thematisiert werden. Aber es lässt sich nichts belegen und Licht benutzt den Artikel, um den politischen Gegner in ein schlechtes Licht zu rücken. Das ist nicht nur schlechter Stil, es steht auch im krassen Gegensatz zur Aussage der Mainzer CDU-Chefin Julia Klöckner. Die hatte nach der letzten CDU-Klausur bekannt gegeben, man wolle im anstehenden Wahlkampf auf Sachthemen setzen, nicht aber Attacken gegen den politischen Gegner reiten.

Man kann sich fragen, was der Hinweis, Dreyer habe im nächsten Jahr eine schwierige Landtagswahl zu bestehen, in dem Beitrag der Bonner Zeitung zu suchen und zu dem Schluss kommen, der Autor stehe einer bestimmten Partei nahe. Das mag auch angehen und rechtens sein. Wenn aber Licht, als führendes Parteimitglied der CDU, diesen Artikel kommentarlos bei Facebook platziert, sind die Absichten, die er verfolgt, nur allzu durchsichtig. Das hat Tanja Gräff und ihre Familie nicht verdient.

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3 KOMMENTARE

  1. Oweh, oweh, die arme Frau Dreyer,sie hat es aber auch schwer, mit dem selbsternannten
    Ex- Macher( was eigentlich),an ihrer Seite,dann das unsägliche Erbe, von Salto-Kurt,Nürburgring, Schlosshotel,
    ec. dann auch noch Wahlkrämpfe,wie soll man da das Politikerleben geniessen?
    Da gäbe es eine elegante Variante, die da wäre, es dem Ex – Macher gleich zu tun,und auf eine
    weitere Kanidatur verzichten.

  2. Ich bin ziemlich verwundert über die lokale Presse. Es wäre schon angebracht gewesen die Polizeiarbeit im Fall Graeff einmal kritisch zu hinterfragen. Hätte man den Fundort damals richtig abgesucht und nicht mit Kletterkuenstlern aus der Luft in Augenschein genommen , könnte man heute wenigtens sagen wir haben an dieser heikelen Lokation alles richtig gemacht. Das hat man aber seitens der Polizei nicht. Man hätte wenigstens einen Streifen entlang der Felsen von Hand freistellen müssen. Man hat ja auch Taucher in die Mosel geschickt und ist nicht einfach mit dem Boot mal drüber gefahren. Diese kritischen Fragen muss die Presse doch stellen !

  3. Fakt ist: Die Stärke, Präsens und Motivation der Schutzpolizei in der Stadt Trier ist lächerlich, quasi nicht existent. Sollstärke der PI Trier ist 17 Beamte. Für fast ganz Trier und teile der VG Land, bei Bedarf auch nach Konz und Schweich. Regelstärke ist 15 Beamte, bei Krankheitswellen auch mal nur 10-13 Beamte. Das da nix im Straßenverkehr kontrolliert wird oder Anzeigersteller abgewimmelt werden darf da nicht verwundern. Hinzu kommt die Stadtverwaltung, die immer mehr Aufgaben an die Polizei verlagern will und einfach nicht mehr da ist. Stichworte Vollzugsdienst und Verkehrsüberwachung.
    Das die Polizei bei Personensuchen nur mit 2-3 Männiken auftauchen und immer die Feuerwehren um Amtshilfe bitten müssen, ist da Standart.

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