Idealismus Veganismus: Über die vegane Szene in Trier

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Lydia Thielgen, 30 Jahre alt, lebt in Trier und liebt die schönen Dinge des Lebens.

Bildquelle: Lydia liebt

Der Veganismus scheint sich immer mehr als Lifestyle-Trend zu etablieren. Dazu beigetragen hat vor allem Atilla Hildmann, ein deutsch- türkischer Physikstudent. Er hat bereits rund 750.000 Exemplare seiner beiden Hochglanzrezeptbücher „Vegan for Life“ und „Vegan for Fit“ unter das Volk gebracht. Als Atilla 14 Jahre alt war, erlitt sein Vater einen Herzinfarkt. Der Tod des Vaters und die Erkenntnis, dass zu hohes Cholesterin zur Arteriosklerose und zum Verschluss der Herzkranzgefäße führen kann, bewegten ihn dazu sein ganzes Leben umzustellen.

Laut PETA sterben jedes Jahr 3 Milliarden Tiere für die Ernährungsindustrie, obwohl es viel gesündere Alternativen gibt.

Wer sich als Trierer für eine vegane Lebensweise entscheidet, hat es nicht einfach den normalen Dingen des Lebens nachzugehen. Wer auswärts essen möchte, hat aufgrund des mangelnden Angebotes nur wenige Optionen. Auf der Seite von Trier Vegan findet Ihr eine Liste von Cafés und Restaurants, die zumindest eine kleine Auswahl an veganen Gerichten anbieten.

Bei einem Besuch im Dolce Cielo, einem kleinen Café in der Neustraße in Trier, konnte ich mich von den leckeren Köstlichkeiten überzeugen lassen, die dort alle selber unter der Leitung von Marc Bonne produziert werden. Seit März 2011 ist die Chocolaterie erfolgreich etabliert und hat nicht nur vegane Kunden. Von Anfang an wurden die Ansprüche an Qualität und Service hoch gesetzt und das Angebot an edlen Schokoladenspezialitäten stetig erweitert. Eine Besonderheit ist das vegane Angebot: Nicht nur alle Kaffeegetränke können mit Sojamilch zubereitet werden, auch einen Großteil der mehr als 30 Trinkschokoladen kann man so genießen. Des Weiteren gibt es vegane Kuchen- und Tortenkreationen wie Erdbeer-Sahne, Stracciatella-Torte und viele mehr. Marc Bonne, der selbst Veganer ist, gehört jedoch nicht zu den Missionaren, die andere bekehren wollen. Ihm ist vielmehr daran gelegen bei der Ernährung auf Nachhaltigkeit zu achten. Den hohen Fleischkonsum vieler Menschen etwas zu reduzieren, wäre schon ein kleiner Erfolg.

Zu den Veganern in Trier gehört auch der 30-jährige Student Dario ehemals aktiv im Multikulturellen Zentrum, sowie den Gruppen Trier Vegan und dem Kochkollektiv Trier. Er ernährt sich seit 2008 vegan und ist Teil des Veganen Brunches, der jeden letzten Sonntag im Monat ab 11 Uhr in der Scheinbar in Trier stattfindet. Zehn Jahre lang lebte er aus Tierschutzmotiven als Vegetarier, empfand dies jedoch gegen Ende als hochgradig inkonsequent. Wer aus tierethischen Motiven vegetarisch lebt muss aus seiner Sicht einige „unschöne“ Kompromisse eingehen. „In der Milch- und Eierindustrie werden Tiere massiv ausgebeutet und ebenfalls massenweise getötet. Unsere gegenwärtige Gesellschaft behandelt Tiere mehrheitlich nicht als bewusste und leidensfähige Individuen, sondern als organische Produktionsmaschinen, Waren und Objekte. Wer vegan lebt verweigert es selbst daran Teil zu haben. Wer aber will, dass sich diese Zustände auch nachhaltig ändern, muss darüber hinaus politisch aktiv werden“, so Dario.

Weiterhin hat er den Eindruck, dass derzeit versucht wird „vegan“ im Zuge des derzeitigen Hypes, analog zu „bio“, als inhaltlich entkerntes Hochpreislabel zu etablieren. Dies geschieht etwa, indem Fleischproduzenten ein teureres, veganes Segment ins Angebot aufnehmen. Diese Entwicklung ist seiner Meinung nach bedenklich. Allein von der Produktion her seien hohe Preise für vegane Produkte nicht zu rechtfertigen. Von Organisationen wie PETA distanziert er sich bewusst. Personenkulte um C-Promis, die oft fragwürdigen Einstellungen nachhängen, kann er nicht nachvollziehen. Diese finden sich oft in einer sehr individualistischen, stark auf Konsum und Lifestyle fixierten Ecke. Er persönlich beziehe sich inhaltlich lieber auf die politische Bewegung. Eine gute Übersicht zur veganen Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung findet sich auf: tierrechtsbewegung.info.

Anders der Veganer Andreas Lehnertz , der von einem Tag auf den anderen begann vegan zu essen und die Umstellung als natürlichen Prozess empfand. Der Wandel kam durch Freunde, Sozialisierung durch Punkrock und Hardcore Bands und deren tiefgründigen Texte aber auch dadurch dass er sich in seiner Studienzeit viele Gedanken gemacht hat, wie er leben möchte. Andreas erzählte, dass er sich seit der Umstellung deutlich fitter fühlt, langsamer außer Atmen kommt und sich länger konzentrieren kann. Mangelerscheinungen hatte er bisher keine, nimmt jedoch zur Sicherheit Vitamin B-12 und isst genügend eisenhaltige Lebensmittel wie Spinat, Nüsse, Petersilie, Karotten oder Bananen.

Laut Ernährungsberater Christopher Götten ist die vegane Ernährung nicht ganz unproblematisch, gerade Mangelerscheinungen wie Vitamin-B-12 und Eisen können auftreten, vor allem durch dauerhafte Ernährung mit veganem convenience Food. Es sei daher wichtig sich mit der eigenen Ernährung auseinanderzusetzen und zu informieren. Da in der veganen Szene viele falsche Informationen weitergegeben werden, empfiehlt er sich auf der Seite highfive-vegan.org umzuschauen.

Nicht nur die Ernährung spielt als Veganer eine große Rolle, auch das Tragen von nachhaltiger Kleidung ohne tierische Produkte ist ein großes Thema.

Wenn man einen Pelzmantel in einem Hochglanzmagazin oder im Schaufenster sieht, wird einem nicht immer gleich klar, dass Tiere dafür erschlagen, mit Elektroschocks getötet oder lebendig gehäutet wurden. Peta liefert erschütterndes Material, welches das Leid der Tiere dokumentiert und zum Nachdenken veranlasst, ob man wirklich eine Tierleiche in Form von Pelzbesatz, als Mantel oder Accessoire kaufen möchte.

Sowohl Dario, als auch Andreas sind sich darüber einig, dass sich in Trier vieles zum Guten verändert hat, aber noch mehr geschehen könnte. Beide wünschen sich ein für alle Menschen bezahlbares, nicht abgehobenes, veganes Restaurant in der Stadt. Aber auch schon kleine Maßnahmen können eine große Wirkung haben: die veganen Gerichte könnten als solche gelabelt und vorhandene Angebote ausgeweitet werden. Zu Hause könnte man ab und an Pflanzenmilch benutzen, da die vegane Küche nicht kompliziert sein muss und die meisten Gerichte auch mit rein pflanzlichen Produkten gut funktionieren. Weiterhin könnte auch eine allgemeinpolitisch tätige Tierrechtsgruppe gegründet werden. Zudem sei es problematisch, dass Gerichte oft als vegan deklariert werden, es aber nicht sind. Das Gastronomiepersonal sei oft uninformiert und würde die Wünsche der veganen Kunden nicht ernst nehmen.

Ich bin der Meinung, es sei an der Zeit ist, dass sich dahingehend etwas verändert. Die Arbeit an diesem Beitrag hat mich für viele Themen stärker sensibilisiert und meinen Blick für mehr Nachhaltigkeit und Tierschutz geschärft. Ich selbst ernähre mich nicht vegan, habe jedoch mein Essverhalten hinterfragt und werde versuchen mich in Zukunft fleischlos zu ernähren. Ich danke Dario, Andreas und Marc Bonne für den interessanten Informationsaustausch.

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2 KOMMENTARE

  1. Kleine Anmerkung:

    Streichelzoos, im Gegensatz zu Gnadenhöfen, sind nicht vegan. Von daher verwirren die Fotos in denen diese Tierhaltung unkommentiert zur Geltung kommt etwas. Veganer sind eben besonders tierfreundlich, so tierfreundlich, dass sie jegliche Tierhaltung ablehnen, unter anderem eben auch Streichelzoos.

  2. Danke, dass Ihr das Thema „vegan“ hier im kleinen, aber feinen Trier beleuchtet. Gerade so Orte, wie das Dolce, die Pizzamanufaktur, aber auch viele andere Orte empfangen jeden „Neuen“ mit purer herzlichkeit! Daher glaube ich, dass vegan und Trier sehr gut zusammen passt.
    Aber leider muss noch einiges mehr passieren. Solche schönen und positiven Artikel müsste es jeden Tag geben, um zu zeigen, dass vegan leben nicht nur ein Hype oder Trend ist!
    Und wer sich für Tierrechte und Aktivismus interessiertm darf auch gerne das peta2 Streetteam Trier unterstützen. Wir machen auch Aktionen, ohne PETA … Wir sind auch ganz sicher nicht „extrem“ 😉
    https://www.facebook.com/groups/peta2StreetteamTrier/

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