Ein wahrhaft europäisches Instrument

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Gruppenbild mit Orgel. Ministerpräsidentin Malu Dreyer mit (v.l.) Georg Friedrich Lütticken, Pfarrer Guido Hepke, Präses Manfred Rekowski, stellvertretendem Präses Christoph Pistorius, Oberbürgermeister Klaus Jensen und Presbyter Martin Schulte

Bildquelle: Evangelische Kirchengemeinde

TRIER. So voll ist die Konstantin-Basilika in Trier nicht oft. Gleich drei Mal hintereinander war sie mehr oder weniger bis auf den letzten Platz besetzt. Grund: die neue Orgel, die seit gestern das evangelische Gotteshaus musikalisch bereichert.

„Macht hoch die Tür“ war der Gottesdienst zum ersten Advent, der in diesem Jahr einen ganz besonderen Aspekt hatte, überschrieben. Das Thema ist uralt, wenn es um die vier Wochen vor Weihnachten geht. Für die Palastaula aber kam noch eine andere Bedeutung dazu. Nach vielen Monaten, in denen einer der wichtigsten Touristenmagneten der Stadt geschlossen war, gingen die Türen wieder auf und die Menschen können dieses einzigartige Bauwerk wieder besuchen. Geschlossen war das Gotteshaus, weil die Mitarbeiter der Firma Eule aus Bautzen die neue Orgel einbauten und vor allem intonierten. Dazu brauchten sie absolute Ruhe. Samstag wurde das Ergebnis vor geladenen Gästen und am Sonntag, im Einweihungsgottesdienst, der Öffentlichkeit vorgestellt. Dritter Termin war dann am Sonntagabend ein erstes Konzert, gespielt vom Basilika-Kantor Martin Bambauer.

Die Kirchenleitung war gleich zweifach vertreten

Zum Einweihungsgottesdienst war die Basilika gefüllt bis zum letzten Platz. Angeführt wurden die Gottesdienstbesucher von Ministerpräsidentin Malu Dreyer und ihrem Mann, dem Trierer Oberbürgermeister Klaus Jensen. Auch die Leitung der Landeskirche war gleich zweimal vertreten. Aus Düsseldorf waren der Präses der evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, und sein Stellvertreter, Christoph Pistorius, angereist. Pistorius war lange Zeit Pfarrer in Trier und ab dem Jahr 2000, bis zu seiner Berufung in die Kirchenleitung, Superintendent der Trierer Kirchenkreis. Neben seiner offiziellen Funktion hatte er natürlich ein persönliches Interesse, bei der Orgelweihe dabei zu sein.

Hauptperson, so sie denn eine Person ist, war die Orgel, die jetzt in aller „Bescheidenheit“ an der Rückwand der gewaltigen Halle hängt. Was haben die Orgelbauer den ganzen Sommer über getan? Wie ist das Ergebnis der vielen tausend Stunden, die die Handwerker in dieses neue Instrument gesteckt haben? Immerhin hatte die Feier ein großes überregionales Interesse geweckt, was sich unter anderem darin zeigte, dass der Gottesdienst durch den Deutschlandfunk und der Deutschen Welle rund um den Globus übertragen wurde.

Die neue Orgel hat ihre Daseinsberechtigung

Die Erwartungen waren sehr hoch gesteckt. Berechtigter Weise, denn das Instrument hat immerhin 3,4 Millionen Euro gekostet. Dafür darf man schon etwas erwarten. Sowohl vor dem Gottesdienst, als auch nachher, bei einem Festakt wurde vielfach begründet, warum der Orgelbau berechtigt, warum die neue Orgel für die Basilika notwendig war. Eigentlich alles Argumente, die längst hinlänglich bekannt waren und sich inzwischen der Diskussion entziehen. Wer hinhörte, als Bambauer den Gottesdienst mit einer Improvisation über das themagebende Adventlied eröffnete, merkte sofort, wo dieses Instrument seine Daseinsberechtigung her nimmt.

Georg Friedrich Lütticken sprach mehrfach davon, dass Trier spätesten jetzt, also nach der Einweihung des neuen Instruments, eine Orgelstadt geworden sei. Das stimmt so nicht, denn Trier hat schon seit vielen Jahren eine sehr lebendige Orgelszene, die eine überregionale Beachtung findet und sich durch eine große instrumentale Vielfalt auszeichnet. Jedoch ist eines nicht zu leugnen. Diese Szene ist durch die neue Basilika-Orgel um ein Mitglied erweitert und vergrößert worden, an dem man nicht vorbei kommt. Für viele mag dabei die Größe ein Argument sein. Instrumente mit 87 Register findet man nicht überall. Aber Größe allein macht es nicht. Die Frage ist, was sich dahinter verbirgt. Und hier hat die Firma Eule ganze Arbeit geleistet.

Wahrhaft europäisch

Die Bautzener hatten bei ihrem Trierer Projekt einen Vorteil. Bei den meisten Instrumenten muss stilistisch eine große Bandbreite abgedeckt werden. Die darstellbare Musik soll vom Barock bis in die Neuzeit reichen. Der barocke Stil konnte aber bei diesem Instrument weitgehend außen vor bleiben. Dafür gibt es die Schuke-Orgel, die ja auch weiterhin im Gebrauch bleiben wird. Eule konnte sich auf die Romantik und die Neuzeit konzentrieren und dabei die bedeutenden Regionen, die es in diesem Stil gibt, in einem Instrument vereinen. Frankreich ist ebenso vertreten wie England und natürlich Deutschland. Man kann also die neue Orgel als eine wahrhaft europäische bezeichnen. 100 Jahre nach Beginn des ersten Weltkriegs bekommt diese Tatsache eine ganz eigene Bedeutung.

Edel und vornehm

Wer am Sonntag erwartete, dass die Basilika jetzt von „lautstarkem“ Orgelklang erfüllt wird, wurde enttäuscht. Die Eule-Orgel ist nicht laut in dem Sinne, dass sie die Ohren des einen oder anderen Zuhörers belastet. Sie ist kraftvoll und voller Energie. Aber ihr klangliches Erscheinungsbild ist überaus edel und vornehm. Sie hat genau das, was man bei manchem Instrument vermissen muss. Ihre Kraft ist in der Lage, den Zuhörer zu ergreifen und ganz zu erfassen. Aber auch bei voller Registrierung bleibt der Klang transparent, er wird an keiner Stelle unangenehm. Selbst das „lauteste“ Register der Orgel, die „Tuba imperialis“, die sich über den Gesamtklang prominent erhebt, ist vornehm. Sie tritt leuchtend hervor, aber sie schreckt niemanden ab.

Im Gottesdienst und viel mehr noch im ersten Orgelkonzert gab Bambauer einen ersten Eindruck in die Vielfalt, die in der neuen Königin der Basilika steckt. Alle drei Nationen, deren stilistische Charakteristik in den 6006 Pfeifen vereint sind, waren durch sein Programm vertreten. Sigfrid Karg-Elert als Vertreter der deutschen Fraktion, Marcel Dupré und Charles Marie Widor für unsere französischen Nachbarn und Sir William Walton als Brite. Und auch der orgelmusikalische Übervater Johann Sebastian Bach war mit seinem Choralvorspiel „Nun komm, der Heiden Heiland“, BWV 659, im Programm aufgenommen. Der Klang dieses Werkes war natürlich romantisch geprägt. Aber es war, wie alles andere, absolut glaubwürdig.

Basilika-Kantor Martin Bambauer am Spieltisch der Eule-Orgel.
Basilika-Kantor Martin Bambauer am Spieltisch der Eule-Orgel.

Hier wurde ein Meisterwerk geschaffen

Es war faszinierend, zu erleben, welche Klangmöglichleiten in den drei Gehäusekästen steckten. Hier meint man tatsächlich eine Klarinette zu hören, da zaubern sich ätherische Klänge von überaus zarter Struktur in den Raum. Der Chor der Holzbläser scheint tatsächlich direkt aus dem Orchester entliehen zu sein. Das Rückgrat der Orgel, die so genannten Prinzipale, strahlen mit ganz natürlicher Autorität und nehmen den Raum in Besitz. Die tiefen Stimmen des Pedals breiten sich mit einer erhabenen Würde im Raum aus und bilden ein geradezu fühlbares Fundament, das unerschütterlich erscheint. Diese Orgel hat es nicht nötig, sich mit Wucht bemerkbar zu machen. Ihr Klang ist präsent und vermag auf ganz natürliche Art, den Zuhörer zu berühren. Ein wahres Meisterwerk, das hier geschaffen wurde.

Trier ist reicher geworden

Mit dieser Orgel ist Trier in vieler Hinsicht reicher geworden. Zunächst natürlich die Kirchengemeinde, die nun endlich ein Instrument in ihrer Kirche hat, das dem Raum entspricht. Dann natürlich auch die Orgelszene, die Orgelstadt. In das Mosaik, das sich aus allen Trierer Orgeln zusammensetzt, ist ein besonders leuchtender Stein eingefügt worden, auf den alle schon lange gewartet haben. Aber auch das touristische Trier hat eine Bereicherung erfahren. Die Gruppe derer, die für den Besuch einer Orgel auch weite Fahrten unternehmen, ist groß. Das neue Instrument wird, dafür muss man kein Prophet sein, von sich reden machen und die Orgelfreunde anziehen. Davon wird auch die Stadt Trier profitieren. Deshalb war der Weihetag nicht nur für die evangelische Kirche bedeutsam. Er war es für gesamt Trier.

  • Die Kirchengemeinde hat zur neuen Orgel eine ausführliche und reich bebilderte Dokumentation angefertigt. Sie ist zum Preis von 10 Euro am Schriftenstand der Basilika erhältlich.

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2 KOMMENTARE

  1. Ein fantastischer Artikel über ein wirklich fantastisches Instrument. Ich konnte es am Samstag hören, es ist wirklich unglaublich, welche Klangfarben eine Orgel haben kann. Und die lange Zeit für die Intonation hat sich hörbar gelohnt, die Orgel „passt“ perfekt in den – am Samstag voll besetzten – Raum.

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